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27.09.2019, Jamal Tuschick

„Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“ - Alice Hasters hat ein Buch geschrieben, dass jedem die Augen öffnet, der immer noch glaubt, er könne das N-Wort einsetzen, ohne sich als Rassist zu entlarven.

Nicht nur Nazis sind rassistisch

In einer weißen Gesellschaft Schwarz zu sein, ist gar nicht so selten strapaziös. Ein mikroaggressiver, oft nicht begriffener Rassismus beeilt sich in den alltäglichsten Konstellationen, sprich im Restaurant, in einem öffentlichen Verkehrsmittel, vor dem Starbucks im Windkanal einer Hochhausschlucht, beim Einkaufen, Einchecken oder Ausparken … plötzlich zu offenem, auf den Schranken des - in einem bürgerlichen Rahmen - Sagbaren balancierenden oder auch darüber hinaus gehenden Sadismus zu münden. Scharfkantige Gemeinheiten und brutale Offerten lassen sich leichter nehmen als subtile Invektiven. Offene Verletzungslust und eine unverstellte Diskriminierungsbereitschaft wirken klärend. Sie erlauben mehr oder weniger kontrollierte Reaktionen im Spektrum von hinnehmender Ignoranz, routiniertem Auspendeln (der Humor-Konter, der in einer Nachbetrachtung und auf einem Allgemeinplatz der Verspätung stets spritziger hätte sein können) und einer kongenialen Abwehr - einem Rock’n’Roll des Widerstands, den Alice Hasters ihrem zurückhaltenden Wesen immer wieder abtrotzen musste.

Alice Hasters, „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“, hanserblau, 223 Seiten, 17,-

Hasters ging noch zur Schule und bedachte skrupulös, was im Kontext der Selbstbestimmung auf einer Skala zwischen Schwarz, gemixt und Afro-Deutsch richtig wäre zu sagen, als ein Mitschüler im Geschichtsunterricht, es ging einmal wieder um den weißen Wettlauf zu den Quellen des Nils, mit der Verblödungsfloskel „maximal pigmentiert“ aufwartete. Der Lehrer gab (vermutlich feixend) der Klasse zu verstehen, dass „maximal pigmentiert“ in einer insgesamt „krampfigen Diskussion über Bezeichnungen“ definitiv politisch korrekt sei. In einem Klima tendenzieller Ausgrenzung fühlte sich Hasters genötigt, ihr Unbehagen wenigstens indirekt festzustellen.

„Ich bezeichne mich als Schwarz.“

Alice Hasters wurde 1989 in Köln geboren. Sie studierte Journalismus in München und arbeitet u. a. für die Tagesschau und den RBB. Mit Maxi Häcke spricht sie im monatlichen Podcast Feuer & Brot über Feminismus und Popkultur. Hasters lebt in Berlin.

Der Lehrer verlieh Schwarz genau die negative Färbung, die Schwarz für ihn hatte. Er sagte die Wahrheit, er offenbarte seinen Rassismus, verkaufte ihn aber als bloßen Einwand gegen eine angeblich selbststigmatisierende Äußerung. Unter den durchsichtigsten Vorwänden drangsalierte er Hasters, um sich gleichzeitig, hämisch das Machtgefälle ausnutzend, seiner Überführung als Rassist zu entziehen.

Ich führe das Lehrerverhalten stellvertretend für viele Beispiele im Buch breit aus.

Der Vorwurf übertriebener Empfindlichkeit blieb im Raum stehen und isolierte die Intervenierende, während die Aufmerksamkeitskarawane weiterzog. Hasters fühlte sich missachtet. Auf der Missachtungsmeile gesellte sich zum Rassismus der Sexismus. Hasters fehlte das Repertoire der Intersektionalität.

1989 prägte Kimberlé Crenshaw den Begriff der Intersektionalität, um das Zusammenspiel von unterschiedlichen Unterdrückungsformen zu beschreiben. Intersektionalität gibt Mehrfachdiskriminierungen nicht nur einen Namen, sondern auch eine Analyse.

Hasters rückt die Schilderungen von Angriffen auf ihre Integrität in einen historischen Rahmen. Sie erwähnt „Völkerschauen“, die „Rheinlandbastarde“, das Gerede von der naturgesetzlichen Ungleichheit der Rassen, deren zeitgenössischen Auswüchse der Autorin einen „Minderwertigkeitskomplex“ beschert haben, und einiges mehr im einschlägig spezifisch deutschen Degradierungskanon.

Bald mehr.

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