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28.09.2019, Jamal Tuschick

Die Ankündigung sagte: „Third Culture Kids“ sind Autor*innen, die in ihrer prägenden Phase – als Kinder oder Jugendliche – das Land gewechselt haben. Unter dieser Überschrift zu Wort kamen Lindsey Drury, Kaveh Akbar, Chibundu Onuzo, Michel Faber, Dustin Breitenwischer auf einer Bühne des Internationalen Literaturfestivals Berlin.

Weiße Entwurzelung

Lindsey Drury, Kaveh Akbar, Chibundu Onuzo, Michel Faber

Eingebetteter Medieninhalt

Keine Autor*in fühlte sich je als Third Culture Kid. Das ist eine Krux soziologischer Schlagwörter. Sie wirken oft plausibel und sind es womöglich auch. Aber es gibt niemanden, der dafür geradestehen möchte. Den TCK-Begriff prägte das Soziologenehepaar Ruth und John Useem. Sie untersuchten den Nachwuchs von Missionaren, Diplomaten, Entwicklungshelfern, Militärs und angestellten High Potentials, die von ihren Unternehmen um den Globus gejagt werden. Niederländer in Nigeria sind Expatriate, Nigerianer in den Niederlanden sind Migranten … und auch wieder nicht. Das heißt, nicht in jedem Fall. Das zeigte sich am Beispiel von Chibundu Onuzo, die als Tochter eines Ärzteehepaars von Lagos nach London kam und da gewiss nicht auf einer klassischen Migrationsfolie pubertierte. Status macht weiß … und auch wieder nicht. Das heißt, nicht in jeder Situation. In der U-Bahn hängen Einordnungen und Zuschreibungen von der Passantenwahrnehmung ab. Onuzos Einlassungen gewannen einen besonderen Reiz da, wo sie ihre Herkunft im britischen Weltreich verankerte, und zwar mit britischem Selbstverständnis. Onuzo umriss spöttisch ahistorische Unterstellungen, so als könne sie in einem historisch relevanten Kontext irgendetwas weniger britisch erscheinen lassen als etwa eine Schottin (Jahrhunderte währender Differenzen mit dem Mutterland zum Trotz) britisch erscheint. Die Situation auf der Bühne erlaubte leider keine Vertiefung an dieser Stelle.

Onuzo erzählte, dass sie ihre erste Kurzgeschichte als Kind in der ersten Person geschrieben habe, und dass diese Person, zum Erstaunen der Mutter, schließlich waren in der Umgebung alle Schwarz, weiß gewesen sei. Das erklärte Onuzo mit den Weißen im Fernsehen (mit weißen TV-Programmen).

Die Autor*innen waren höflich und ließen einander hemmungslos ausreden. Das hatte zur Folge, dass Akbar beinah alle Beiträge bestritt. Nur deshalb kann ich nicht zu jedem etwas sagen. Drury und Breitenwischer äußerten sich so zurückhaltend, als seien sie lediglich zur Beobachtung des Bühnenbetriebs vor Ort.

Akbar aber trug breit vor und auf.

„Ich fühlte mich nie als Amerikaner.“

Dazu muss man wissen: Akbar wurde 1989 in Teheran geboren und kam mit seinen Eltern, wohl unter dramatischen Umständen, als Dreijähriger in die (schon damals islamophobischen) Vereinigten Staaten, wo man in ihm bis heute einen Ausländer sieht. Das sagte er so. Im Iran würde er verfolgt, Farsi spricht er schlecht.

„Meine Heimat ist meine Sprache.“ Also: Meine Heimat ist die Sprache meiner Nicht-Heimat. Nach Akbar ist Englisch „eine Sprache der Gewalt“.

Akbar behauptete, US-Amerika sei „aufgebaut, auf die Marginalisierung von Minderheiten.“

I felt alien

Der Geburtsniederländer Michel Faber wuchs in Australien auf, emigrierte zuerst nach Schottland und lebt heute in England. Sein Heimatbegriff ist niederschmetternd.

„No idea what’s: at home … I felt very alien in Australia.“

Vielleicht sagte er auch: Ich fühlte mich wie, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Faber I felt very alien gesagt hat. Auch Fabers Quintessenz kling auf Englisch viel schöner als auf Deutsch: „My identity is a lack of connection.“

Das interessierte Breitenwischer: „So lese ich Sie. Zentral in Ihrem Werk ist the moment of dislocation.

Nur deshalb habe ich mich bis hierher vorgearbeitet. Faber liefert ein Beispiel für weiße Entwurzelung. Kaum habe ich das Wort, werde ich seiner Alltäglichkeit gewahr.

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