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29.09.2019, Jamal Tuschick

Vorgestern Abend las die seit 1990 in Deutschland lebende und seit 2000 auch auf Deutsch schreibende chinesische Autorin, Journalistin, Übersetzerin und Computerwissenschaftlerin Luo Lingyuan aus ihrem aktuellen Roman „Die chinesische Orchidee“ in Britta Gansebohms literarischem Salon in der Berliner Z-Bar.

Alte Zöpfe an neuen Köpfen

Luo Lingyuan, Britta Gansebohm

Eingebetteter Medieninhalt

Alles ist arrangiert, nichts bleibt dem Zufall einer bloßen Aufwallung oder Ablenkung überlassen. Ein gemeinsames Merkmal von Zivilisationen babylonisch-pharaonischem Formats ist ihre Geringschätzung des Gefühls. Lifei lässt sich passend verheiraten. Die Ehe funktioniert wie ein sozialer Lift, der die Enkelin eines konterrevolutionären Schnapsbrenners zwei Etagen nach oben befördert. Ihr deutlich älterer Mann, der Beamte Li Rong, begreift den Aufstiegswillen seiner Frau als Chance für sich selbst. Li Rong betätigt und bewährt sich als Kuppler, ich las gerade in dem grandiosen Roman von Leslie Jamison „Der Gin-Trailer“ eine passende Formulierung. Da lässt sich die Heldin von einem Gassenhauer „vertreten“. Li Rong vertritt Lifei. Er zerbricht sich den Kopf darüber, wie er seine Frau gewinnen bringend an einen mächtigen Mann bringen kann.

Das erzählt Luo Lingyuan in ihrem im Louisoder Verlag erschienenen Roman „Die chinesische Orchidee“. Gestern las die seit 1990 in Deutschland lebende und seit 2000 auch auf Deutsch schreibende chinesische Autorin, Journalistin, Übersetzerin und Computerwissenschaftlerin daraus in Britta Gansebohms literarischem Salon in der Z-Bar.

Immer wieder freuen sich Besucher über die Plüsch-Atmosphäre in dem kleinen Kino mit Speakeasy-Charme. Die geborene Gastgeberin Britta Gansebohm feiert nächstes Jahr das fünfundzwanzigjährige Bestehen ihres literarischen Salons, der in Berlin einen Maßstab setzt.

Luo Lingyuans Geschichte von einer höchst machtbewussten, temperamentvoll-berechnenden, dann aber auch wieder naiven und in einem schlichten Denkgehäuse gefangenen Schönheit lässt sich als Lehrstück über die Unterschiede zwischen China und Europa begreifen. Seit dreißig Jahren erlauben die Hüter des erwachten Giganten eine Restauration traditioneller Verkehrsformen. So hat sich das Konkubinat re-etabliert, als eine Kultur des komplizierten Austauschs. Wie „kleine Kaiser“ herrschende Regionalfürsten sehen sich, so erzählte es Luo Lingyuan, gezwungen, zum Beweis ihrer Omnipotenz deutlich mehr als eine Geliebte auszuhalten.

Lifei, 1967 unter wenig glücklichen Umständen geboren, erlebt in der Umbruchszeit ab 1990 die Wiederkehr feudaler Gepflogenheiten wie zum Hohn ihrer eigenen Geschichte. Während ihre Familie noch von den furiosen Garden der Kulturrevolution drangsaliert wurde und als Geächtete ein „schwarzes“ Leben zu führen gezwungen war, machen die Sieger des Jetzt all das, wofür Chinesen unter Mao an den Pranger kamen.

Luo Lingyuan erzählt das so anschaulich, dass man zumindest ahnt, wie kompliziert die Gemengelage ist. Die Protagonist*innen bestimmen ihre Positionen auf einem Parcours krasser Widersprüche. Gouverneure in der Gunst noch Mächtigerer dürfen sich nicht nur, sondern müssen sich sogar so aufspielen wie im kaiserlichen China. Das sind sie ihrem Status schuldig. Verlieren sie aber die Protektion aus Peking, dann greift man sie für genau das an, was zuvor gefördert und gesellschaftlich verlangt wurde. Das passiert Lifeis Liebhaber Kang Yimiao. Eines Tages ist die Party für den Gouverneur vorbei und der Feinschmecker verschwindet in der Versenkung, wo er wie eh und je Selbstkritik im Stil der kommunistischen Altvorderen üben darf.

Li Rong vermittelt Lifei an einen Minister, der sie an einen Magnaten tatsächlich weiter „empfiehlt“.

Luo Lingyuan begeisterte mit Episoden aus Lifeis Glanzzeit als Kang Yimiaos Geliebte. Damals versuchte ein Hongkong-Chinese sie mit einer Gucci-Tasche voller Geld seinen Interessen zugänglich zu machen. Lifei war als x-te Konkubine eines Territorialherren bedeutet genug, um bestochen zu werden. Es adelte sie, Akteurin im regionalen Machtspiel zu sein. Sie versprach mit frauenspezifischen Methoden (Stasi-Jargon) an der richtigen Stelle zu intervenieren.

Übrigens wird die Integrität des Bestechenden so festgestellt: Lifei fürchtet nicht, mit einer Fälschung des Markenprodukts abgespeist zu werden. Lifeis Gewissheit, dass die Tasche echt ist, impliziert eine Aussage über den Rang des Hongkong-Chinesen in einem institutionell korrupten Gefüge.

Lifeis Ehrgeiz zielt auf eine Spielerlizenz im Immobiliengeschäft. Luo Lingyuan erklärte, warum chinesische Akteur*innen keine Angst davor haben, dass Blasen platzen. Die in schwindelnde Höhen getriebenen Preise für Grundstücke und Häuser wären in der chinesischen Lesart und in Anbetracht unerschöpflicher Mittel lediglich Garanten einer Aufwertung der Kommunen.

Luo Lingyuan ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihre Sympathien Lifei und deren Schwestern in der Wirklichkeit gehören. Die Autorin nahm Maß an maßlos ehrgeizigen Konkubinen, die in der chinesischen Champions League als Ausnahmetalente engagiert sind.

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