MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.09.2019, Jamal Tuschick

Er war „Außenseiter unter Außenseitern“ (Wiglaf Droste). Sein Lebensmittelpunkt lag immer an einem Rand. In der Berliner James Simon Galerie unterhielt sich Knut Elstermann mit Charis Goer, Matthias Penzel, Helene Hegemann und Heikko Deutschmann über Jörg Fauser.

Endlich einer wie ich

Knut Elstermann, Charis Goer, Matthias Penzel und Helene Hegemann 

Eingebetteter Medieninhalt

„Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern.“ Jörg Fauser

Das Ende

Der Durchbruch kommt spät mit dem „Schneemann“ 1981. Fauser ist vierzig, als „Rohstoff“ erscheint. Am Ende steht Bogenhausen, der Münchner Schick, ein Job als Redakteur bei Transatlantik. Fauser stirbt in der Nacht nach seinem dreiundvierzigsten Geburtstag den Fußgängertod auf der Autobahn mit 2.64 Promille am 17. Juli 1987. Bis dahin galt die Devise: „Ich bin ein erfahrener Trinker, ich komme immer wieder nach Hause.“

Was vom Anfang übrigblieb

Alle paar Jahre meldet das Feuilleton einen neuen verlegerischen Anlauf zur Popularisierung des Falladas der alten Bundesrepublik. Vor zwanzig Jahre hätte ich geschrieben: des Falladas unserer Tage, mit der Idee, Jörg Fauser sei über seinen Tod hinaus zeitgenössisch geblieben; zeitgenössisch im bundesrepublikanischen Geist. Heute weiß ich, dass das schon vor zwanzig Jahren falsch gewesen wäre. Bereits damals hätte man Fausers Werk historisch komplex einordnen müssen.

Die in der Berliner James Simon Galerie als Fauser-Fachleute oder einfache Fans auftretenden Autor*innen zeigen die aktuelle Fauser-Baisse an. Die Literaturwissenschaftlerin Charis Goer schildert ein „akademisches Interesse“. Sie habe sich von Rainald Goetz und Thomas Meinecke „bis zu Fauser zurückgearbeitet“. Mich erinnert der postume Zugang an die Brinkmann-Rezeption im Zuge der vom Autor nicht autorisierten Veröffentlichungen aus dem Nachlass ab 1980. Da war (der zwölf Jahre vor Fauser von einem Auto tödlich erfasste) Brinkmann der „Schakal von Metropolis“, ein wüst-desperater, vom Literaturbetrieb ausgeschlossener Einzelgänger. Ein Bild entstand weit weg von der Realität eines experimentierfreudigen, pop-lustigen, geselligen, vor allem jedoch erfolgreichen und am Ende der Sechzigerjahre kurz maßgeblichen Dichters. Reich-Ranicki schrieb ihm hinterher: „Ein Poet war er doch“, obwohl Brinkmann so viel mehr Poet gewesen ist als etliche, die zwischen der „Literatur, um den Preis der Poesie“ (Wolfgang Weyrauch) und der „Neuen Subjektivität“ in den zwanzig von Böll und Grass beherrschten Jahren ihren Platz fanden.

Fauser mochte Brinkmann nicht. In dem Untergrundmagazin Gasolin 23, das von Carl Weissner - und Jürgen Ploog herausgegeben wurde, der als Pilot und Burroughsvertrauter für deutsche Beats einen uneinholbaren Vorsprung hatte, bezeichnete Fauser Brinkmann als „abgehalfterten Establishmentschreiber. Er traf aber den Abgehalfterten im Hass: „Dieser deutsche Brei, diese klebrige Soße, die sie mit ihrer Kulturproduktion servierten, und diese Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison.“

Die Eckkneipe im Kopf

Interessant und wegweisend sind, so Goer im Einklang mit Fauser-Biograf Matthias Penzel, Fausers Adaptionen von Stilmitteln der seinerzeit jüngsten amerikanischen Literatur.

Helene Hegemann erzählt von einem nicht akademischen Zugriff. Sie fand „Rohstoff“ auf einem „horrorhaft zurechtgemachten Karstadt-Krabbeltisch“, den sie nie zu sehen bekommen hätte, wenn ihre Bahn gefahren wäre. Hegemann identifizierte sich sofort mit Fausers Alter ego Harry Gelb. Sie erlebte eine „Initiation“.

Endlich einer so wie ich.

Heikko Deutschmann begegnete Fauser in der Gestalt eines Werkes „nachts in einer Kneipe“. Jemand drehte ihm einen Raubdruck vom „Schneemann“ an. Deutschmann las in der Galerie aus „Rohstoff“ – Harry Gelb in Istanbul. Freund Ede rät ab von langen Sätzen und zu einer Schreibmaschine. In der Türkei gibt es noch professionelle Schreiber. Der Apparat macht Gelb zu einem gefragten Mann. Gelb schreibt „für die Miete“. Lichtjahre entfernt vom L’art pour l’art schreibt auch sein Schöpfer „für die Miete“, ohne dass es zunächst reicht.

„Als Fauser 1972/73 die Gedichte der Harry Gelb Story schrieb, machte er Schichtdienst bei der Gepäckabfertigung des Frankfurter Flughafens und fand in Bornheimer Kneipen Ersatz für die Drogenszene, aus der er ausgestiegen war. Eine Brauereireklame im legendären ,Schmalen Handtuch‘ reduzierte den sozialdemokratischen Imperativ ,Kultur für alle‘ auf die knappe Formel: Dir und mir – Binding Bier. Unter solchen Umständen schreibt man keine preziösen keimfreien Schmonzetten.“ Carl Weissner

Einer wie Fauser kriegte keine Preise, hielt keine Reden. Der schlug sich noch durch nach dem Durchbruch, weil er gar nicht anders vorhanden sein konnte. Sein Lebensmittelpunkt lag immer an einem Rand. Nach einem Job beim Funk klapperte er Wasserhäuschen ab, einen Vertragsabschluss feierte er im Bordell. Man sagte ihm schließlich nach, er habe als Schriftsteller alles gekonnt.

Knut Elstermann sprach von den „vielen Häutungen“ des anti-antiautoritär bemäntelten, wie ein Gymnasiast, der zu viel Chandler und Hammett gelesen hat, auftretenden Sozialdemokraten. So sprach Elstermann an, wie schwierig es inzwischen geworden ist, den ganzen Fauser unter einen Hut zu bringen. So buchstabiert man sich Fauser nun zusammen: als einen, der alle Genres bedienen konnte; ohne Interesse an der Normalität; die Eckkneipe im Hinterkopf.

Hegemann stellt ihn sich „hochmoralisch, konservativ und anarchisch“ vor, als einen, „der den Beruf des Autors optisch verteidigt“ habe.

Das ist ein schönes Bild.

Den Genossen seiner Zeit erschien er aber nicht besonders. Er war „Außenseiter unter Außenseitern“ (Wiglaf Droste). In seinen Berliner Jahren lieferte die Potsdamer Straße Fauser Rohstoff - Sensationen knapp über den Bodenwellen. Strich und Muff. Alles so schön ranzig. Wie zum Mit- und Abschreiben für einen Bordsteinliteraten hingestellt. Die Bordsteinschwalben nisten noch da, gestaffelt nach Jahrgängen, die Straße behält ihre polymorphe Schäbigkeit. Es gibt immer noch die Läden für Reizwäsche und die Brandmauern, an denen Fauser vorbeikam. Das Abendland geht immer noch ständig unter und unter geht auch immer noch jedes „radikale Künstlerkonzept in einem von Kunsthandwerkern besetzten Betrieb“. Man kann der sozialen Evolution bei der Arbeit zugucken. „Milieu ist Heimat“, fand Fauser. „Da ist auch viel Kitsch bei“, behauptete einst Katja Kullmann.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen