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30.09.2019, Jamal Tuschick

„Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“ - Alice Hasters hat ein Buch geschrieben, dass jedem die Augen öffnet, der immer noch glaubt, er könne das N-Wort einsetzen, ohne sich als Rassist zu entlarven. Fortsetzung der Besprechung vom 24.09.

Und raus bist du

Wer mit Svenja befreundet sein wollte, musste Alice ignorieren. Das waren die Spielregeln in der Grundschule. Nach einem polyglott-privilegierten Superstart in einer Transkontinentalrakete landete Alice zum ersten Mal in Niederungen eines nicht erklärten Rassismus. Sie geriet in die Rolle der Antagonistin einer Alpha-ABC-Schülerin.

„Svenja mochte mich nicht.“

Alice Hasters, „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“, hanserblau, 223 Seiten, 17,-

Das reichte für die totale Ausgrenzung. Jahrzehnte später fahndet Hasters in retrospektiven Betrachtungen nach Ursachen früher Isolationserfahrungen. Sie führt einschlägige Untersuchungen an und beschreibt negative Auswirkungen gruppendynamischer Prozesse.

Fazit: „BIPoC haben ein höheres Risiko von Stereotype Threat betroffen zu sein“.

Zur Klärung der Begriffe. Ich erkläre alles, was ich selbst nachgucken musste.

BIPoC: Black Indigenous People of Color

Stereotype Threat: Bedroht von Stereotypen.

Wikipedia sagt: „Bedrohung durch Stereotype (engl. stereotype threat) ist die Angst von Mitgliedern einer sozialen Gruppe, ihr Verhalten könne negative Stereotype gegen diese Gruppe bestätigen.“

Ich glaube, dass ist eine Großangst von BIPoC. Man ist zwar allein auf weiter Flur, wirtschaftet aber sozial mit einer imaginären Gemeinschaft im Schlepp, deren Repräsentant*in man bestimmt nicht zu jeder Stunde sein will; ohne indes je aus dem Projektionsschema herauszukommen. Dann steht man da als Beispiel für „ererbte Dummheit“ sowie für alles Mögliche, von dem man bis eben die Erwartung hatte, es sei schon lange tot und begraben.

Es gibt nur eine Lösung. Man muss ein exemplarisches Leben führen und allezeit genug Öffentlichkeitspfeile im Köcher haben. Denn das fürchtet jede(r) Rassist*in wie eine Teufelin das Weihwasser: isoliert vorgeführt zu werden und zwar am Nasenring der eigenen Dummheit. Hasters zitiert Audre Lorde:

„Your silence will not protect you.“

Die Autorin lässt Pubertäts- und Adoleszenzstationen Revue passieren. Wichtig wird ein Schüleraustausch, der Hasters an der amerikanischen Ostküste zu der Erkenntnis aufschließen lässt, dass es nicht reicht Schwarz zu sein, um in Schwarzen Zusammenhängen ohne weitere Zugangshürden automatisch debütieren zu können. In den Vereinigten Staaten ist sie „die Deutsche“. Hasters erlebt die Markierung ihrer Person mit Vorurteilen gegenüber Deutschen in einem mehrheitsgesellschaftlichen Kontext als Groteske. So sind dann auch die Freudinnen in der Fremde selbst Fremde und superdivers. Jede für sich wäre isoliert ohne die anderen Außenseiterinnen. Die Hautfarbe regelt zwar für alle Schüler*innen die Zugehörigkeit, jedoch in Kombinationen mit sozialen Indikatoren. Der Benefit, der sich aus der Tatsache ergibt, Tochter einer Amerikanerin zu sein, und einen Onkel vor Ort als Quartiermacher und Lieferanten eines brauchbaren Stallgeruchs, wirkt sich im Fall der deutschen Austauschschülerin Alice Hasters in homöopathischen Dosen aus.

Interessant sind ferner Einlassungen zu den der Attraktivitätssteigerung dienenden „Amerikanisierungen“ Schwarzer deutscher Jugendlicher. Sie stilisieren sich als Afroamerikaner, um an einem Schalter weiblicher Sehnsüchte zu kassieren. Dazu bald mehr.

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