MenuMENU

zurück zu Main Labor

01.10.2019, Jamal Tuschick

„Die Signatur unserer Gegenwart“ ist der Traum vom Weiterwursteln. Das behauptet Michael Hirsch, und ich kann nicht erkennen, dass Richard Thaler etwas anderes behauptet.

Versunkene Kosten

Eingebetteter Medieninhalt

Lange ging die Volkswirtschaftslehre von einem Ideal rationalen Verhaltens aus. Richard Thaler bezeichnet den Prototypen der Vernunft Econ. Diese Figur entspricht der Fiktion des Homo oeconomicus.

Richard Thaler, „Misbehaving. Was uns die Verhaltensökonomik über unsere Entscheidungen verrät“, aus dem Englischen von Thorsten Schmidt, Siedler, 510 Seiten, 28,-

Econs finden es besser, mehr als weniger Optionen zu haben; während richtige Menschen froh sind, wenn die Schüssel mit den Cashew-Nüssen, die vor einem Abendessen mit Freunden als symbolische Vorspeise auf den Tisch kommt, um sogleich dem heftigsten Zuspruch ausgesetzt zu sein, schnell wieder abgeräumt wird. Es erleichtert die Gesellschaft, einer Versuchung nicht länger widerstehen zu müssen. Sie goutiert die autoritäre Intervention (in diesem Fall) des Hausherrn.

Thaler führt Dutzende Beispiele für unvernünftiges und in seinem Fach Jahrzehnte übersehenen Verhalten an. So beherzigen Probanden eher selten das ökonomische Diktum, „versunkene Kosten zu ignorieren“. Offenbar widerspricht es einem Grundbedürfnis, bereits erbrachte Leistungen mit einem positiven Ergebnis verknüpfen zu können. Mich interessiert das besonders, weil versunkene Kosten beinah das Hauptthema jener sind, die mich als Ghostwriter engagieren.

Jeder, der eine Geschichte hat, kann sie erzählen.

Das ist die Quintessenz meiner Erfahrung. Ihr wird widersprochen von Leuten, die sich ihre vermeintlich eigene Geschichte von einem Profi erzählen lassen wollen. In der Regel haben sie etwas Schlimmes erlebt und das soll nicht umsonst gewesen sein. Sie streben eine Amortisation versunkener Kosten an, so wie sie ein Desaster dem Normalverlauf ihrer Existenz einzuverleiben versuchen, anstatt es abzuspalten.

Sie missachten einen Hauptsatz des Lebens: Weg mit Schaden. Oder: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Es geht nur „um den guten Gebrauch der Zeit“, die uns bleibt. (Thierry de Duve, zitiert nach Michael Hirsch, („Richtig, Falsch“)

Michael Hirsch, „Richtig Falsch – Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“, Textem Verlag, 190 Seiten, 16,-

Dem Titel-Aplomb zum Trotz umkreist Hirsch Adornos Apodiktum Es gibt kein richtiges Leben im falschen mit äußerster Sorgfalt. Er arrondiert die Umgebung und erklärt, worauf es ankommt. Nämlich auf ein gutes Leben als ethische Leistung unter allen Umständen.

In der ursprünglichen Fassung der Fundstelle heißt es: Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben. Hirsch reagiert beinah noch stärker auf die idiosynkratischere Fassung.

*

„Die Signatur unserer Gegenwart“ ist der Traum vom Weiterwursteln. Das stellt Hirsch in einem überwältigend klugen Essay fest. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal etwas so Erhellendes gelesen habe. Hirsch zitiert Walter Benjamin, der im Jetzt der 1920er Jahre die Katastrophe sah, die andere erst der Zukunft zuschrieben. Während Benjamin hoffte, dass mit der Gegenwart die Katastrophe vergehen könne, hoffen wir auf eine möglichst breite, der Zukunft die Wege verstellende Gegenwart. Wir wollen weiterwursteln. Das behauptet Hirsch. Er spricht von einem „konservativen Traum“.

Benjamins hellsichtige Perspektive wirkt wie eine Halluzination, bis man sich klar macht, wie solide gemauert der Aufbau ist. Ein Allgemeinplatz der Resilienzforschung geht genauso: Nicht erst das Burnout ist die Krise. Die Krise ist bereits das, was zum Burnout führt.

*

Der Autor beobachtet eine Rückbildung der Gesellschaft und zugleich ein rigoroses Krisenmanagement der Eliten, die ihre Positionen im neoliberalen Furor eingenommen haben. Wir leben in einer Welt der Abwandlungen und Wiederholungen. In dieser Welt sind Lebensstile Montagen. Gleichwohl rät Hirsch zumindest seiner Klasse, den Intellektuellen, zum unverzagten Weitermachen im Geist politischer Tugendhaftigkeit.

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen