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03.10.2019, Jamal Tuschick

Morgen lesen sie zusammen im Kreuzberger Literaturanker „Lettretage:“ Isobel Markus und Bernd Lüttgerding.

Mehr Bienenstöcke als Menschen

Isobel Markus, Bernd Lüttgerding

Knapp entging Garßen dem Schicksal einer Wüstung. Im frühen 19. Jahrhundert gab es da mehr Bienenstöcke als Bürger – und sonst nicht viel mehr als eine Ziegelei und ein paar Höfe, die groß zu nennen in jedem Fall eine Übertreibung gewesen wäre. Für das Jahr 1821 werden immerhin 3072 Obstbäumen innerhalb der Gemarkungsgrenzen angezeigt. Garßen gehört heute zu Celle, war aber noch lange nicht eingemeindet, als nach dem Zweiten Weltkrieg ein schlesisches Förstergeschlecht ausgerechnet in Garßen aufhörte aus Not zu nomadisieren. Das Kaff am Südende der Lüneburger Heide wurde zur neuen Heimat geborener Waldläufer. Ihnen nach kommt Isobel Markus. Die Enkelin und Nichte von Förstern bekennt sich zu einem aus der Art geschlagenen Vater.

„Er hat etwas anderes aus sich gemacht.“

Er wollte nicht abbalgen, abblasen und abfangen. Er wurde Kaufmann und kam in der Welt herum.

Seine Tochter versucht ihn zu erklären. Wir sitzen in einem auf Retroschick getrimmten Café im Bezirk Prenzlauer Berg auf Stühlen wie aus den Beständen unserer Großeltern. Vor den Fenstern dominiert die Gethsemanekirche als Denkmal dissidenter DDR-Geschichte das Panorama. Hier wurde Geschichte geschrieben. In jeder historisch halbwegs genauen Betrachtung sind wir Zaungäste.

Sobald Markus Waldboden betritt, steigt eine Erinnerung an die Kindheit auf. Im Geruchsgedächtnisgehäuse entfalten sich Harzaromen. Der Schritt ist leicht, die Erde gibt nach. Der federnde Boden wird zur Metapher einer ereignisreich-autonomen Ära – einem guten Anfang als Waldkind und Wildfang und beinah doch auch als eines Försters Tochter.

Da tritt Bernd Lüttgerding auf. Er kommt geradewegs aus Belgien, wo es sich verdammt gut leben lässt, wenn man stillliegende Bahnhöfe im Jugendstildekor, in der Landschaft texanisch abbrechende Asphaltspuren und Kneipen mit einer Georges Simenon‘esken Patina liebt. Für Lüttgerding ist Belgien ein Land voller Geheimnisse: eine magische Hinterzimmerwelt. Er beschwört Stimmungen, wie er sie in Antwerpen aufgenommen hat. Er skizziert Szenen mit Diamantenhändlern in den Hauptrollen. Wind kommt auf und greift in die Haare der Protagonisten. Ja, Lüttgerding kann erzählen. Wo Markus der Spross zugezogenen Eigensinns und spröder Zurücknahme von allem Offenherzigem war, markierte Lüttgerding den Endpunkt einer generationenübergreifenden Sesshaftigkeit.  

Wer die Autor*innen erleben möchte: Die nächste Gelegenheit bietet sich morgen im Kreuzberger Literaturanker „Lettretage“. Angekündigt wird der Termin so: Fuchsgesichter – Ein Abend mit Prosa, Lyrik & Klavier mit Isobel Markus, Bernd Lüttgerding & Amine Mesnaoui, Moderation: Lukas Franke. Der Anlass ist nicht zuletzt Markus‘ Sehnsucht nach einem „Zwanzigerjahre-Salon“ geschuldet. Die Salonidee nimmt jetzt zum ersten Mal Gestalt an. Vielleicht wird mehr daraus.  

Die Lüttgerdings stammen aus der Gegend von Peine, das ist von Celle nicht weit.

„Das Haus meiner Eltern stand wie eine Insel in den Feldern.“

Das Haus war eine Mühle. Der Großvater war der letzte Müller vor Ort. Lüttgerding wuchs in einer Mühle auf, in der nichts mehr gemahlen wurde. Seine Erzählung hat einen soziologischen Rand. Er nennt die Umbrüche und Entwertungen von Lebensstilen, die aus einer statuarisch-statischen Akteure einer Müllerdynastie flexible Jobber machten.   

Peine war Stahlstadt, dann ging die Stahlindustrie stier.

Lüttgerding erinnert ein „schmuddeliges Landleben“ mit Zonenrandappeal.

„Ich war ein isoliertes Kind“.

Das Kind schreibt.

„Für mich war das Schreiben eine Gegenbewegung zu der ausgehöhlten Selbstherrlichkeit der Männer in meiner Familie.“

Das beansprucht auch Markus für sich: ein früher Zugang zu den Lebensmitteln der Literatur. Lüttgerding studiert in Greifswald und Bremen, soweit weg wie möglich von Peine Philosophie und Geschichte.

„Ich habe mich zu meiner Sprache in Belgien befreit.“

Markus verbrachte nach der Schule ein Jahr in der englischen Grafschaft Essex … zwischen Cambridge und London in Bishop’s Stortford. Sie studierte Anglistik und Bibliothekswissenschaften. Ihr erster Roman, für den sie einen Verlag sucht, erzählt die Geschichte einer in Nordirland seit Jahrzehnten ansässigen jüdischen Familie im Kälteblock der Sprachlosigkeit. Die Leute betreiben einen Gemischtwarenhandel. Der Laden steht zwischen Kirche und Friedhof in einem kleinen Ort, den sich Markus zwar ausgedacht hat, aber in einem realen Quellgebiet der Inspiration. Markus sah die Kirchenbücher jener Pfarrei ein, die sich ihr als Vorbild aufgedrängt hatte. Es war da alles so in Wahrheit, wie Markus es erfunden hatte. Zum Glück sagt sie nicht, das war ganz schön spooky. Sie sagt gruselig.  

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