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04.10.2019, Jamal Tuschick

„Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“ - 1873 trugen freigekaufte Sklaven David Livingstones Leichnam unter Lebensgefahr 1500 Kilometer durch die Gegend. In Gappahs Version von einem legendären Leichenzug gewinnt das - auf Livingstones Grabstein lediglich als „die treuen Hände“ verewigte - Geleit menschliche Züge.

Narratives Urstromtal

Eingebetteter Medieninhalt

„Europas Vergangenheit ist Afrikas Gegenwart.“

Das erklärte Petina Gappah anlässlich der Eröffnung des 19. Internationalen Literaturfestivals Berlin vor ein paar Wochen. Ihre großartige Rede verband die Festrednerin mit einer Aufforderung zur kollektiven Dekolonisierung.

Die Schriftstellerin und Juristin Petina Gappah wurde in Sambia geboren und wuchs in Simbabwe auf. Sie studierte Jura an der University of Zimbabwe und in Cambridge und promovierte in Graz. Als internationale Anwältin, spezialisiert auf die Welthandelsorganisation, arbeitete sie zuletzt für das ACWL in Genf, das die Interessen von mehr als siebzig Entwicklungsländern vertritt.

Gappah wird gefeiert und angegriffen. Vorgeworfen wird ihr die Nähe zu totalitärer Macht in ihrer ersten Heimat: The land of my being. Die Vielseitige war nach dem erzwungenen Rücktritt des ewigen Staatschefs Robert Mugabe nach Simbabwe zurückgekehrt und hatte sich Emmerson Mnangagwa, dem regierenden Chef der „National Patriotic Front“ mit der Erwartung zur Verfügung gestellt, ihre Erfahrungen als auf internationales Handelsrecht spezialisierte Anwältin zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Simbabwes einsetzen zu können. Mnangagwa enttäuschte Gappah, sie distanziert(e) sich deutlich. Der offen zur Schau gestellte Dissens beweist Mut. Nicht davon auszugehen, dass sie mit den besten Absichten gescheitert ist, bedeutet, sich der Rhetorik des Verdachts anzuvertrauen.

Gappah hätte jederzeit in Genf bleiben und ein Superleben haben können. Der Schweiz sagte Grappah „atemberaubende Schönheit und fürchterliche Effizienz“ nach. Sie hatte auch eine Zeit als DAAD-Stipendiatin in einer „geräumigen Charlottenburger Wohnung“ mit viel Netflix und Biokaffee. Da entstand ihr jüngster, im S. Fischer Verlag erschienener Roman „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“.

Petina Gappah, „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“, Roman, aus dem Englischen von Annette Grube, S. Fischer Verlag, 428 Seiten, 24,-

In Grappahs Version von einem legendären Leichenzug gewinnt das - auf David Livingstones Grabstein lediglich als „die treuen Hände“ verewigte - Geleit menschliche Züge.

1873 trugen freigekaufte Sklaven Livingstones Leichnam unter Lebensgefahr 1500 Kilometer durch die Gegend.

Das Geleit nimmt im Plural Gestalt an. Charaktere individualisieren sich mit einem grausamen Vorwissen:

„Was, wenn wir damals gewusst hätten, dass unser letzter Akt der Loyalität den Samen für den Verrat an unseren Kindern, an ihrem Schicksal und auch dem ihrer Kindeskinder säen würde.“

Nie waren sie die ersten, aber nach europäischem Verständnis galt als entdeckt nur, was Weiße gesehen hatten. Über die Quellen des Nils spekulierte man seit der Antike. Herodot bemerkte 450 vor unserer Zeitrechnung, dass keiner die Quellen kenne. Nero sandte Soldaten zur Erkundung des Verlaufs. Schwimmende Grasinseln hielten sie auf. Fortan sagte der Römer, wollte er etwas Aussichtsloses anfangen: Caput Nili quaerere.

Der Fluss bot Anlass zu fantastischen Vermutungen. Die Ägypter nannten ihn Jeter-o (Iteru), sie hielten den Nil für einen Gott. Und warum sollte man nicht für Gott halten, was einen erhob und erhielt? Auf einer Länge von 6397 Kilometern floss der Nil durch vier Reiche, um schließlich in dem 270 Kilometer breiten und 170 Kilometer langen Nildelta Mittelmeer zu werden.

Livingstone suchte die Quellen und fand den Tod

Grappah schildert Morde so undramatisch wie Verkehrsereignisse. In ihrem Kosmos ergründet sie die Frage, „was uns zu unfreundlichen Gesellschaften macht.“ Ihr Wir ist global. Sie will, „ein bisschen Gerechtigkeit in eine ungerechte Welt bringen“.

Grappah erklärte gelegentlich, keine Freundin von Reparationen zu sein. Die Expertin erhofft sich aber die Bereitschaft des globalen Nordens zur fördernden Gleichstellung der afrikanischen Staaten im internationalen Handel.

Afrika sei im Kommen, da läge die Zukunft der Welt.

Gappah zählt zunächst wesentliche Protagonist*innen der vielköpfigen Livingstone-Leichentransportgesellschaft auf. Die Autorin wählt u.a. die Erzählperspektive der „Köchin des Doktors“. Die einem Christen über dessen Lebzeiten hinaus ergebene Muslima Halima(h) marschiert mit als Paradebeispiel für lebensfrohe Tüchtigkeit und weibliche Weisheit. Henry M. Stanley erwähnt Halima als Getreue und beinah letzte Verbliebene im Tross des verschollenen Schotten, dem der (Livingstone nach- und nach den Maßstäben seiner Zeit auch dahergelaufene) Journalist die saftigsten Schlagzeilen der Epoche verdankte.

Livingstone hypostasierte den Idealtypus des kolonialen Abenteurers. Er war der exemplarische Europäer in Afrika: dilettierend und delierend. Maßvoll fuhr er arabischen Sklavenhändlern in die Parade. Dann ergab er sich wieder dem Naturgenuss, machte seine Entdeckungen, kackte in den Busch und pries die Schöpfung.

Irgendwann war Schluss mit lustig. Sein Assistent Jacob Wainwright zeigte sich besorgt. In seiner Jugend war er erst von Muslimen versklavt und dann von Christen gerettet und getauft worden. Wainwright endete als Pförtner in Tansania. Er war der Chronist des Leichenzugs, dem mummenschanzhafte Züge nicht abzusprechen waren. Livingstones Leiche war halbwegs mumifiziert worden. Also war es ein Mumienzug, der sich seinen Weg durchs Unterholz und mitunter lichtlosem Wald bahnte.

Die Existenz eines Tagebuchs von Wainwrights Hand ist verbürgt, aber vermutlich nicht verfügbar. Gappah fiktionalisiert die Stimmen ihres Personals. Deren antikoloniale Botschaften sind verhalten. Gappah hat keinen Thesenroman geschrieben. Episch wälzen sich die mannigfaltigen Beziehungen der Bevölkerung zu „Bwana Daudi“ durch ein narratives Urstromtal. Während viele Aussichten auf koloniale Strukturen von einer gesunden Skepsis bewohnt werden, zeigt Wainwright einen ausgeprägten Anpassungswillen. Der Diarist beschreibt die erste Begegnung als einen Augenblick der Blendung. Er schleimte sich bei dem Promi aus Übersee ein.

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