MenuMENU

zurück zu Main Labor

07.10.2019, Jamal Tuschick

Ich beschäftige mich mit Michael Hirschs Essay „Richtig Falsch – Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“. Der politische Philosoph postuliert ein Ende des Weiterwurstelns.

Renaissance der Kritischen Theorie

„Die Zeit arbeitet für Adorno.“

Eingebetteter Medieninhalt

Das stellt Michael Hirsch in seinem Essay „Richtig Falsch“ fest. Die Einlassungen verschriftlichen ein - dunkle Ecken nicht aussparendes - Nachdenken über die richtige Lebensweise. Richtig ist für Hirsch ein linkes und herausforderndes Projekt im Rahmen eines (auch von linkem Neoliberalismus heiß gemachten) „entzivilisierten Wettbewerbs“.

Michael Hirsch, „Richtig Falsch – Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“, Textem Verlag, 190 Seiten, 16,-

Ich kann Ihnen nur raten, das Buch zu lesen. Seit Tagen führe ich mir den Hirsch zu und lese das Andere nebenher. Genau beschreibt Hirsch, wie wir die äußeren Zwänge, die unsere Vorgänger*innen in steilen Hierarchien hielten und ihnen ihre Stellung im Gefüge ständig (auch zu ihrer Entlastung) veranschaulichten, nach innen verlegt haben; so dass wir uns selbst die Befehle geben: „im Modus … der Selbstverwertung, Selbstaktivierung und Selbstvermarktung“, getrieben von unserem „unternehmerischen Selbst“ (Ulrich Bröckling). In unserer Lage dienen alle „sozialen Kooperationsbeziehungen“ der Selbsterhaltung. Es gibt keine „Exit-Optionen“.

Hirsch widerspricht Adornos Apodiktum Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Richtig zu leben: das entspräche unter allen Umständen einer ethischen Notwendigkeit, der alle nach ihren Kräften nachkämen. Man könne sich davon nicht verabschieden. Hirsch interessiert zumal das richtige Leben im Kontext des progressiven Denkens. Insofern hat der Text Manifestcharakter:

„In Zukunft wird es darum gehen, dass eine bürgerliche Linke Macht für sich beansprucht und sagt, was sie will und was sie nicht will.“

Diese Macht hat, so Hirsch, Feinde, die sie nicht einfach nur als Wettbewerber*innen am Markt begreifen darf. Hirsch konfrontiert sich und den Leser „mit dem, was sich die Menschheit hat antun müssen, bis das männliche, zweckgerichtete Selbst entstand“. Siehe „Dialektik der Aufklärung“.

Darum geht es dem politischen Philosophen nicht zuletzt. Er klärt die Fronten zwischen offensiven Selbstoptimierern (Killer-Boomer), die dem Schlechten mit allem, was sie haben und sind (mit ihrem wildesten Willen) Vorschub leisten, und den linken Projektteilnehmer*innen aka progressiven Denker*innen.

Die Zeit habe die Kritische Theorie bestätigt. Diese Theorie erlaube es, zwischen richtig und falsch klar zu unterscheiden. Sie zeige, „dass der Diskurs der Krise“ nur einer Legitimation des Weiterwurstelns diene.

„Eine gespenstische Kleinmütigkeit, ein überwältigender Konservatismus, beherrscht die (von Furcht gebannten) Geister.“

Hier noch einmal zu Hirsch/Thaler

Versunkene Kosten

„Die Signatur unserer Gegenwart“ ist der Traum vom Weiterwursteln. Das behauptet Michael Hirsch, und ich kann nicht erkennen, dass Richard Thaler etwas anderes behauptet. 

Lange ging die Volkswirtschaftslehre von einem Ideal rationalen Verhaltens aus. Richard Thaler bezeichnet den Prototypen der Vernunft Econ. Diese Figur entspricht der Fiktion des Homo oeconomicus.

Econs finden es besser, mehr als weniger Optionen zu haben; während richtige Menschen froh sind, wenn die Schüssel mit den Cashew-Nüssen, die vor einem Abendessen mit Freunden als symbolische Vorspeise auf den Tisch kommt, um sogleich dem heftigsten Zuspruch ausgesetzt zu sein, schnell wieder abgeräumt wird. Es erleichtert die Gesellschaft, einer Versuchung nicht länger ausgesetzt zu sein. Sie goutiert die autoritäre Intervention (in diesem Fall) des Hausherrn.

Thaler führt Dutzende Beispiele für unvernünftiges und in seinem Fach Jahrzehnte übersehenen Verhalten an. So beherzigen Probanden eher selten das ökonomische Diktum, „versunkene Kosten zu ignorieren“. Offenbar widerspricht es einem Grundbedürfnis, bereits erbrachte Leistungen mit einem positiven Ergebnis verknüpfen zu können. Mich interessiert das besonders, weil versunkene Kosten beinah das Hauptthema jener sind, die mich als Ghostwriter engagieren.

Jeder, der eine Geschichte hat, kann sie erzählen.

Das ist die Quintessenz meiner Erfahrung. Ihr wird widersprochen von Leuten, die sich ihre vermeintlich eigene Geschichte von einem Profi erzählen lassen wollen. In der Regel haben sie etwas Schlimmes erlebt und das soll nicht umsonst gewesen sein. Sie streben eine Amortisation versunkener Kosten an, so wie sie ein Desaster dem Normalverlauf ihrer Existenz einzuverleiben versuchen, anstatt es abzuspalten.

Sie missachten einen Hauptsatz des Lebens: Weg mit Schaden. Oder: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Es geht nur „um den guten Gebrauch der Zeit“, die uns bleibt. (Thierry de Duve, zitiert nach Michael Hirsch, („Richtig, Falsch“)

Dem Titel-Aplomb zum Trotz umkreist Hirsch Adornos Apodiktum Es gibt kein richtiges Leben im falschen mit äußerster Sorgfalt. Er arrondiert die Umgebung und erklärt, worauf es ankommt. Nämlich auf ein gutes Leben als ethische Leistung unter allen Umständen.

In der ursprünglichen Fassung der Fundstelle heißt es: Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben. Hirsch reagiert beinah noch stärker auf die idiosynkratischere Fassung.

*

 „Die Signatur unserer Gegenwart“ ist der Traum vom Weiterwursteln. Das stellt Hirsch in einem überwältigend klugen Essay fest. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal etwas so Erhellendes gelesen habe. Hirsch zitiert Walter Benjamin, der im Jetzt der 1920er Jahre die Katastrophe sah, die andere erst der Zukunft zuschrieben. Während Benjamin hoffte, dass mit der Gegenwart die Katastrophe vergehen könne, hoffen wir auf eine möglichst breite, der Zukunft die Wege verstellende Gegenwart. Wir wollen weiterwursteln. Das behauptet Hirsch. Er spricht von einem „konservativen Traum“.

Benjamins hellsichtige Perspektive wirkt wie eine Halluzination, bis man sich klar macht, wie solide gemauert der Aufbau ist. Ein Allgemeinplatz der Resilienzforschung geht genauso: Nicht erst das Burnout ist die Krise. Die Krise ist bereits das, was zum Burnout führt.

*

Der Autor beobachtet eine Rückbildung der Gesellschaft und zugleich ein rigoroses Krisenmanagement der Eliten, die ihre Positionen im neoliberalen Furor eingenommen haben. Wir leben in einer Welt der Abwandlungen und Wiederholungen. In dieser Welt sind Lebensstile Montagen. Gleichwohl rät Hirsch zumindest seiner Klasse, den Intellektuellen, zum unverzagten Weitermachen im Geist politischer Tugendhaftigkeit.

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen