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07.10.2019, Jamal Tuschick

Während der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker im Palast der Republik Staatsgäste zum 40. Gründungsjubiläum der DDR empfing, verprügelten Mitarbeiter der Staatssicherheit und der Volkspolizei auf den Straßen Ost-Berlins offensiv gewaltfreie Demonstrant*innen. Oppositionelle sammelten in den folgenden Wochen Berichte über Verhaftungen und gewaltsame Übergriffe und veröffentlichten diese auf verschiedenen Wegen. Was wenige Wochen noch undenkbar erschienen wäre, war plötzlich Realität geworden: Die SED-Führung musste Fehler eingestehen und stimmte sogar der Aufklärung der Ereignisse in einer unabhängigen Untersuchungskommission zu.

Knüppel gegen Demonstranten – Morgen liest die Schauspielerin Janin Stenzel aus den Gedächtnisprotokollen, die am am 7. und 8.10.1989 als Kassiber in der DDR-Hauptstadt entstanden sind. Das Mainlabor nimmt den Termin zum Anlass, Janin Stenzel vorzustellen.

Die Schauspielerin Janin Stenzel liest morgen Auszüge aus den Gedächtnisprotokollen und den dazugehörigen Berichten der Stasi in der Stasi-Zentrale

Die Lesung aus den Gedächtnisprotokollen beginnt um 18 Uhr. Sie findet statt auf dem Campus für Demokratie, Haus 7 (Raum 427), Stasi-Zentrale, Ruschestraße 103.

Aus der Ankündigung

Marianne Birthler und Christoph Singelnstein, Mitorganisatoren des Kontakttelefons in der Gethsemanekirche und Mitglieder der unabhängigen Untersuchungskommission zu den Ereignissen am 7. und 8. Oktober 1989.

Dr. Anja Schröter, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Robert-Havemann-Gesellschaft, analysiert Hintergründe und die Auswirkungen der Veröffentlichung der Gedächtnisprotokolle.

Die Schauspielerin und Synchronsprecherin Janin Stenzel liest Auszüge aus den Gedächtnisprotokollen und den dazugehörigen Berichten der Stasi.

Annäherung an eine Künstlerin

Laufen und schwimmen lernt Janin Stenzel in Pankow. Die Familie zieht nach Hönow, soweit fährt die U 5. „Ich habe die pädagogischen Errungenschaften der DDR knapp verpasst“, erzählt Janin Stenzel. „Wenn ich jemand sympathisch finde, kommt der meistens aus dem Osten“, erklärt sie. Das Mädchen aus Ost-Berlin in ihr „isst alles auf und schmeißt nichts weg“.

Wir treffen uns am Rand eines Schauplatzes ihrer Kindheit, dem inneren Schlosspark von Niederschönhausen – eine verwunschene Fläche, merkwürdig unterfrequentiert, als herrschte da immer noch die Nomenklatura eines aufgelassenen Staates hinter Mauern. Hier empfing Ulbricht Fidel Castro, in einem Pavillon war man ungestört. Der Pavillon steht in einem besonderen geometrischen Verhältnis zum Schloss, als Janin in Pankow lebte, war hier Sperrbezirk. Man sieht ihr das lebhafte Kind an, sie hat sich was bewahrt. Gott ist in ihrem Leben gegenwärtig, auch das frischt ungemein die Persönlichkeit auf. Wir reden über den „Gitarrenmann“, mit dem sie große Erfolge hatte. Der Titelheld reüssiert als verunglückter Künstler in einer Unterführung. Die weiteren Umstände seiner Existenz werden nicht ausgeführt. Bühnenbildnerin Carola Volles liefert eine Skizze, das fertige Bild hat jeder parat. Jeder kennt den Gitarrenmann von Jon Fosse. Der Autor war Gitarrist in einer Band mit dem sprechenden Namen „The Rocking Chair“. Sein Gitarrenmann ist eher unmusikalisch. „Ich bin meine eigene Nacht“, erkennt er. Eine Nacht „auf der (vergeblichen) Suche nach Herzensnähe.“

 „Der Gitarrenmann“ ist das Zwiegespräch eines Eingewanderten mit der Kälte. Der Immigrant hat sich für ein Land mit Fjorden entschieden, für ein Eisland, in dem mit Kronen bezahlt wird. In diesem Land lebt sein Sohn, der sich des Vaters schämt. Der Gitarrenmann beschwört trotzdem Zufriedenheit - in einem Provisorium, das zerfällt. Zugleich steckt er in der Larmoyanz-Falle, „mit einem Rest Stolz“. Das Lamento kriegt Hall zur Verstärkung.

Fosse geht mit einfachen Sätzen vor: „Ich singe mit der Stimme, die ich habe.“ Janin Stenzel verleiht den Sätzen Nachdruck in einem verhaltenen Spiel. Sie verdichtet, indem sie ausspart. Sie spielt in einem illuminierten Schneckenhaus. Die Abkehr von der Welt ist vollzogen, der Gitarrenmann macht sie öffentlich. Wie peinlich: „Die Leute gehen mit gesenkten Köpfen an mir vorbei. Ich stehe da und singe.“

Luzius Heydrich inszeniert ein stilles Stück. Der Gitarrenmann kann seine Lieder nicht leiden - so wie Musik im Allgemeinen. Er hat alles verfehlt: „Ich stehe jeden Tag da und singe meine Lieder.“

Die Redundanz einer ins Leere gegangenen Nicht-Begabung – Der Gitarrenmann ist eine Selbsterfindung aus Pein & Not, die als publizierte Qual Auskunft über die Stellung der Gattung im Universum gibt. Darunter macht es Fosse nicht, er zitiert die Bibel. Seinen Text grundiert kirchenferne Gläubigkeit. Sein Gitarrenmann erscheint in einem Stadium zwischen Chaplin und Engel. Ja, wenn man genau hinsieht, erkennt man einen Engel der Verzweiflung im Spiel von Janin Stenzel. Der Gitarrenmann nimmt sein Nichts nämlich furchtbar ernst. Er versteht seine Erniedrigung als Voraussetzung für einen höheren Anruf. Darauf kann er lange warten.

...

In der dritten Klasse wird Janin Stenzel Lesekönigin, die Grundschule absolviert sie mit Bravour. Keine Frage, dass sie Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin werden wird.

In Hönow drängt Brandenburg gegen Berlin. Janin Stenzel kriegt das Beste von zwei Welten, dörfliche Beschaulichkeit , mit Großstadt vor der Tür. Sie wächst auf einer Schwelle zu Berlin auf. In Neuenhagen, dem nächsten Dorf, geht sie aufs Gymnasium. Der Schulbau hat eine Vergangenheit als Irrenhaus.

Die Eltern erwarten von ihrer Tochter die Solidität einer bürgerlichen Berufstätigkeit. Sie verlangen: „Mach doch bitte was Richtiges.“

Janin Stenzel kann sich vorstellen, Dolmetscherin zu werden, Sprachen fliegen ihr zu. An der Freien Universität tastet sie sich an französische Philologie heran - à contrecoeur. Das geht nicht, das Fieber sinkt auf eine Frostmarke, Fever isn't such a new thing, Fever started long ago. Die Schauspiel-Leidenschaft stellt ihre Forderungen. Janin Stenzel wechselt auf die Hochschule für Film & Fernsehen in Potsdam. Das ist ein renommierter Kasten, als Thomas Brasch den Bayrischen Filmpreis bekam, bedankte er sich zum Entsetzen der westdeutschen Honoratioren im Publikum für die gute Ausbildung bei der HFF. Janin Stenzel zieht in den Wedding, da wohnt sie immer noch, wenn sie nicht gerade in Rio, Paris, Houston oder London ist.

„Der Wedding wird demnächst schick & schön“, bedauert Janin Stenzel. „Aber noch hat er seinen Ranz.“

Wir erfreuen uns an der Rustikalität von „Ranz“, der Studiengang heißt Medienspezifisches Schauspiel. Erste Engagements – die Elevin macht Kindertheater in Oldenburg, bei einem Schauspielschultreffen in Zürich gehört sie zum preisgekrönten Ensemble. Sie arbeitet mit Regisseur Lukas Langhoff, ihre Diplomarbeit schreibt sie in Brasilien und lernt en passant Portugiesisch. Sie dreht einen Kurzfilm -„A Aula de Alemão“, „Die Deutschstunde“. Im Ballhaus Naunynstraße spielt sie in dem NSU-Stück „Fahrräder können eine Rolle spielen“ mit. Die Volksbühne engagiert sie für „Porn of Pure Reason“, eine Monsterinszenierung, die bis nach Helsinki auf Tournee geht.

Den Sommer 2014 verbringt sie in London. Ende 2014/ Anfang 2015 reüssiert sie in „Türkisch Gold“ (Regie: Carsten Kochan) am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Im Mai 2015 kommt der Gitarrenmann am Etcetera Theatre in London auf Englisch zur Aufführung. Janin Stenzel absolviert diverse Kurzfilm-Drehs mit Independent Filmmakers, das sind Studierende der London Filmschool, des London College of Communication - UAL (University of the Arts London) sowie der University of Surrey. Janin Stenzel organisiert und moderiert das Manhattan Shortfilm Festival an der London Business School.

2016 verbringt die Globalistin in Rio. Sie besucht Schauspiel Workshops in der Meisterklasse von Eduardo Milevicz – und sie heiratet. Das folgende Jahr erlebt sie in Paris.

Wird fortgesetzt.

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