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08.10.2019, Jamal Tuschick

In ihrem ersten Roman „Der Gin-Trailer“ erzählt Leslie Jamison von einer lange verschwiegenen Verwandten, die für eine spät Aufgeklärte zum Spekulationsobjekt wird. Jamison geht der Frage nach: Was bedeutet Familie, wenn sie als Wett - und Losgemeinschaft in der Lotterie des Lebens ihre Entscheidungen nach denselben Kriterien trifft wie ein Exzellenzverein vom Schlag einer Universität.

Die unterschlagene Tante

Eingebetteter Medieninhalt

Stella ist nur eine Protagonistin in dem „breit aufgestellten Betrugssystems“ eines in Academia vor Anker gegangenen, semi-professionellen Fremdgängers. Sie liebt Louis‘ Unabhängigkeit, den „starke(n) Griff eines gesunden Körpers“. Sie spürt das alles so sehr als beglückende Notwendigkeit in einem Moment des um sich greifenden Verrats. Louis verrät als Serientäter routiniert seine Frau, und Stella …

Das ist komplizierter. Leslie Jamison erzählt mit einer so dramatischen Suggestion, dass ich den Konservendosengeschmack der Ananas auf Stellas Pizza in einem Rapidrestaurant lesend schmecke. Wieder frage ich mich, wie es kommt, dass manche Schriftsteller*innen so viel magischer erzählen als die meisten. Die Sätze wirken unspektakulär.

Leslie Jamison, „Der Gin-Trailer“, Roman, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Hanser Berlin, 347 Seiten, 24.-

Leslie Jamison schildert eine Szene im Zug auf der Strecke von New York nach egal wohin in Connecticut. Sie beschreibt Pendler als Fronturlauber; als Gin bechernde Heimkehrer, die sich im Bistrowagen für den Familienkrieg mit einem Rausch rüsten. Die Autorin fragt sich, ob die Geschäftsweltergewichte im Grunde ihrer mageren Herzen lieber allein leben würden. Die bloße Frage gibt eine Aussicht auf große leere Häuser hinter Carport-Hangars frei; leere Häuser voller großer Bildschirme.

Es ist kurz vor Weihnachten am Anfang des Geschehens. Stella kümmert sich um ihre Großmutter Lucy, die sich im Stadium des Schließmuskelkontrollverlusts befindet. Von der Zugehfrau mit dem Latinonamen lernt die Enkelin etwas über Putzmittel. Sie macht ihre Sache gut als Hüterin der Ahne.

Stella ist ein Kind der Westküste. Sie kam von Los Angeles nach New York, wo die Ratten so groß wie Hunde sind, jeder Daueraufenthalt so fordernd wie eine Berufstätigkeit ist, und die Künstlerfreunde sehr weit draußen in Brooklyn wohnen. Draußen, von wo aus?

Stella hat eine Magersucht überwunden. Doch bohrt das Ideal der unendlichen Dürre weiter in ihr. Der Wunsch, maßlos schlank zu sein, nagt an ihr. Deshalb mischt sie Whisky mit Cola-Light.

Plötzlich taucht Matilda aus den großmütterlichen Wüstungen als eine Stella unterschlagene Schwester ihrer Mutter auf. Als Lucys Tochter und Stellas Tante. Als eine Verwandte, die es bis plötzlich nicht gab. Matilda, genannt Tilly, kommt für Stella noch einmal zur Welt in der Erinnerung einer den Milchreistod sterbenden Greisin.

Aus der Ankündigung

Drei Generationen von Frauen versuchen verzweifelt einander zu retten. Nach dem New-York-Times-Bestseller „Die Klarheit“ schreibt Leslie Jamison auch in ihrem ersten Roman über Sucht.

Als junge Frau läuft Tilly von zu Hause weg und landet in der schäbigen Unterwelt Nevadas, wo sie statt des großen Glücks nur Drogen, Alkohol und die falschen Männer findet. Eines Tages, nachdem Tilly beinahe dreißig Jahre lang keinen Kontakt zu ihrer Familie hatte und sich in einem Trailerpark in der Wüste fast zu Tode getrunken hat, steht ihre Nichte vor der Tür ihres Wohnwagens und zwingt sie zu einem Neuanfang. Der Gin-Trailer erzählt die Geschichte der eigentümlichen Beziehung, die zwischen den beiden entsteht. Ein großer Roman über Sucht und Ausweglosigkeit, über echte Verzweiflung und die flüchtigen hellen Augenblicke, die so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind.

Als Lucy zum letzten Mal das Bewusstsein verliert, ohne indes schon gestorben zu sein, hat Stella gerade keinen Empfang. Sie ist nicht erreichbar in einem lauschig-entlegenen Skiparadies namens Mad River Valley im Bundesstaat Vermont, wo Louis‘ Datscha steht und der Schakal aus Megapolis „in seinem Wald“ Hof hält wie ein amerikanischer Prinz.

Nach Lucys schlussendlichem Tod rückt Tilly ins Zentrum. Man ahnt das Zwanghafte. Anstatt in der Aura ihrer supererfolgreichen, angenehm handfesten und zugleich modellhaft zarten Mutter zu verweilen, und auch die Obhut ihres kaum weniger exzellenten Vaters nicht zu verschmähen, schickt sich Stella an, die unbekannte Verwandte einzufangen. Sie weiß schon, wer da im Westen verschollen ist: eine von jeher vergammelte Trailerpark-Tilly. Eine, „die das Nachtasyl im Blut hat“ (Paul Morand).

Die an einem von New York aus betrachtet fernen Punkt angenommenen Manifestationen einer Verfestigung korrespondieren mit Vorzeichnungen einer förmlich heraufbeschworenen Verwahrlosung. Stella macht eine Menge mit. Blut fließt in Bächen. 

Bald mehr. Freuen Sie sich auf „Casinos als Spielzeuge für Riesenbaby“.

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