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09.10.2019, Jamal Tuschick

Der seit 2016 in der Türkei als Staatsgefangener einsitzende Selahattin Demirtas erzählt in „Morgengrauen“ von sprechenden Spatzen und bizarr gescheiterten Selbstmorden.

Geheimschrift der Freiheit

Eingebetteter Medieninhalt

In einer malerisch alpin-maritimen Region der türkischen Schwarzmeerküste verständigen sich Eingesessene in der „Vogelsprache“. Die Pfeifsprache wurde 2017 auf die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes gesetzt. Das fünfhundert Jahre alte Kommunikationsmittel diente ursprünglich zur Überwindung großer Distanzen in einer von Schluchten gefrästen Landschaft - sowie als Geheimsprache in Oppositionen gegen die Obrigkeit und andere Usurpatoren. Eingesetzt wurde es auch zur Werbung. Selahattin Demirtas setzt die Vogelsprache als prominenter Erzähler der Gefangenschaft ein wie eine Geheimschrift der Freiheit … wie ein Kassiber des Glücks. Sein mit Abgeordneten Umgang pflegender Held sitzt, ihm gleich, in einem der besonderen Gefängnisse der Türkei und hält Zwiesprache mit einer Spatzenmutter, die ihm nahe nistet; mehr behelligt als beschützt von ihrem Gatten.

Selahattin Demirtas, „Morgengrauen“, Storys, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Penguin Verlag, 142 Seiten, 16,-

Demirtas erzählt eine Fabel, das heißt, er erzählt mit belehrender Absicht. Seine Geschichten bewegen sich in der Tradition der Kalīla wa Dimna: einem Medium höfischer Erziehung. So distanziert er das menschliche und tierische Personal von den Drangsalen seiner Lage als Leibgefangener des Sultans Recep Tayyip Erdoğan. Demirtas wurde als Co-Chef der Oppositionspartei Halkların Demokratik Partisi (HDP) im November 2016 verhaftet. Seine Erfahrungen in der Stille & Strenge eines Hochsicherheitstrakts verwandeln sich in blumigen Skizzen.

Erdoğans Partei gewordene Bewegung „für Gerechtigkeit und Aufschwung“ nennt sich „die Tugendhaften“. Ihrem Führer folgen die Parteigänger*innen mit religiöser Leidenschaft. Als ihr Präsident sie in der Putschnacht des 15. Juli 2016 auf die Straßen des Landes rief, kamen sie zuhauf und in Scharen. Das waren Scharen in Schlafanzügen. Sie traten gegen die Panzer der Putschisten und verfluchten die zum Umsturz befohlenen Rekruten.

Atemübungen der Freiheit

Das Schreiben im Arrest gleicht Atemübungen. Der Arrest bewahrt einen, so sagt es Demirtas‘ Kollege Can Dünbar, vor den Beschwerlichkeiten des Exils, wo man schließlich auch einen neuen Parkscheinausweis beantragen müsse.

Demirtas kandidierte bei der Präsidentschaftswahl 2014 gegen Erdoğan. Jetzt hat er sich wieder um das höchste Amt beworben. Der Knastkandidat (zum Vorwurf gemacht wird ihm die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung) pfeift auf die Drohungen einer Diktatur, Demirtas singt sein eigenes Lied. So lächerlich sein Gegenspieler Erdoğan in Westeuropa wirkt, wo man im Gegenlicht der Merkel’schen Performance nur den Potentaten als Popanz sieht, in anderen Weltgegenden besitzt Erdoğan die Statur eines Herrschers. Trotzdem kann er Demirtas‘ Licht nicht löschen. Doch flackert die Flamme. Ein schwaches Licht von jeher wirft Nazan, die Putzfrau, in der gleichnamigen Geschichte, auf ihren kleinen Schatten. Nazan kommt nach einem Unfall ins Krankenhaus und wird vom Operationstisch wegverhaftet, da sie den Verdacht nicht ausräumen kann, auf einer Kundgebung gegen Erdoğan blessiert worden zu sein. So unscheinbar kommen auch alle anderen Held*innen daher, die minderjährigen Bauarbeiter aus dem kurdischen Anatolien, die in den türkischen Metropolen vor Sehnsucht nach ihrer Heimat und nach zurückgebliebenen Schönheiten vergehen. Sie verelenden in illegal errichteten Behelfsbehausungen. Sie verlieren ihrer Festigkeit an die tristen Wahrheiten des/der Gecekondu – Slums.

Demirtas gehört zur Familie der Gefängnisautor*innen. „Das Gefängnis bietet Raum auch für einen digitalen Detox. Im Gefängnis wird das Schreiben zum Freund. In der Isolation teilen Sie Ihr Leben mit dem Schreiben“ (Can Dündar).

Demirtas gibt Nâzım Hikmets Es geht nicht darum, gefangen zu sein. Sondern darum, sich nicht zu ergeben ein aktuelles Beispiel. 

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