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09.10.2019, Jamal Tuschick

Der Künstler als junger Mann erscheint in dem 1915 erstmals publizierten Erzählband „Dubliner“ noch kindlich, vor allem jedoch weit weg von dem Schisma seines Schöpfers. Noch beweisen die Mysterien und Labyrinthe eines allumfassenden Katholizismus bannende Kraft. Sie wirken konkurrenzlos anziehend auf den Knaben, der James Joyce‘ Alter ego Stephen Daedalus voran schlurft. Er teilt mit dem Dissidenten, der ihm bald bildbestimmend folgen wird, eine hochmütige Verachtung für die Dubliner Bräsigkeit. Das Programm steht. Der Verächter landläufiger Ansichten ist so eitel, elitär und arrogant wie sein großer Bruder Stephen.

Ängstlicher Hochmut

Eingebetteter Medieninhalt

Der jugendliche Held in der ersten Erzählung des Bandes, „Die Schwestern“, ist ein angeschliffener Vorgänger jenes Stephen Daedalus, den intime Joyce-Leser besser kennen als die meisten ihrer Verwandten. Für sie gehört Stephen zur Familie. Man hat ihn auch schon beim Popeln beobachtet.

Im Ulysses bezeichnet Joyces Alter ego Stephen den zerbrochenen Spiegel einer Magd als Signatur Irlands. Die Signatur des Künstlers als junger Mann vollendet sich im ängstlichen Hochmut.

James Joyce, „Dubliner“, aus dem irischen Englisch von Friedhelm Rathjen, Manesse Bibliothek, 24,-

Zum Zeitpunkt der Entstehung jener Geschichten, die unter dem Titel „Dubliner“ erstmals 1914 zusammengefasst publiziert werden, erscheint James Joyce (1882 – 1941) viel mehr sich selbst als den gleichgültigen Zeitgenossen in lauter Verkleidungen als hochmütiger Dissident der Dubliner Bräsigkeit. Er ist so eitel, dass er keine Herabsetzung je vergisst, so elitär, dass ihn die Dummheit der anderen schüttelt, und so risikoavers, dass man von ihm besser keine Heldentaten erwartet.

„Ich habe nie jemanden vom Ertrinken gerettet“, bekennt Stephen gegenüber einem kernigen Engländer in Sandycove, einem Dubliner Vorort mit Seebad-Charakter. Als Hilfslehrer in der Schule des Mr. Daisy leidet Stephen unter dem gutgelaunten Stumpfsinn seiner Schüler, die auf einem historischen Hochpunkt der Unreife einem Zustand entgegenleben, in dem sie zwar alt, aber nicht erwachsen sein werden. Joyce wählt zur Beschreibung des Desasters eine Anspielung auf William Blakes Songs of Innocence and Experience. Er paraphrasiert: „Sie sind weder unschuldig noch erfahren“.

Im Ulysses ist Stephen auf dem Stand von Joyce, als Joyce die Dubliner-Geschichten schreibt. In jedem Fall belastet ihn ein Anerkennungsdefizit. Der stadtgesellschaftlichen Wertschätzungsverweigerung begegnet er mit bösartigen Beobachtungen.

Joyce ist nicht wehrlos. Er schmiedet sich immer bessere Waffen. Wie alle Schismatiker von Format geht er als Genie der Gegneranalyse in die Geschichte ein. Er bleibt zu seinem Vorteil Katholik in der Verweigerung der Messe und des gebeugten Hauptes. Er freit das Dienstmädchen, in dem er Irland wieder(erkennt). Sein Wahlspruch ist traditionell teuflisch und im Kontext seiner Ehe mit einer Dienerin doppelt teuflisch: Non serviam – Ich werde nicht dienen.

Diese Praxis übt ein Novize der selbstermächtigten Überheblichkeit im Gespräch mit Reverend James Flynn, dessen Klugheit dem Knaben die Augen öffnet, und dessen Tod zum ersten Schock für den Überlebenden wird.

Ich halte mich nicht mit der narrativen Navigation auf, die Joyce zum größten Piloten seines Jahrhunderts macht. Aber ich will noch sagen, dass Joyce in den Dubliner-Geschichten zeigt, was er auch gekonnt hätte: ein Werk in der Nachfolge von Henry James hervorzubringen. Joyce konnte so gut schreiben, dass ihn das langweilte. Wie gut er schreiben konnte, sieht man am besten in den „Dubliner“, deren Entstehungsgeschichte natürlich schon die ganze Fatalität einer Existenz ohne Rahmen vorwegnimmt.

„Verdammt auf eine Zeitlang nachts zu wandern.“

Vielleicht hatte Biograf Richard Ellmann die Shakespeare-Zeile im Sinn, als er über den zwanzigjährigen Dichter von „Chamber Music“ schrieb: „An den schütteren, verfärbten Faden seiner arbeitslosen Tage und ausschweifenden Nächte hing er seine Verse auf.“

Vielleicht dachte Joyce an Shakespeare, als er 1904 einer Geschichte diesen Anfang gab: „Nacht für Nacht war ich am Haus vorbeigegangen … und hatte das erleuchtete Viereck des Fensters studiert: und Nacht für Nacht hatte ich es auf dieselbe Weise erleuchtet vorgefunden, schwach und gleichmäßig.“

Sicher ist, dass Joyce mit der Niederschrift der „Schwestern“ einer Aufforderung nachgekommen war, etwas „Einfaches, Ländliches … Ergreifendes“ zu liefern und ihn, den finanziell lebenslang Verlegenen, die Aussicht auf das Honorar antrieb.

Die Geschichte erschien zuerst am 13. August 1904 im „Irish Homestead“ und führte Stephen Daedalus in der Autorenspalte.

Stanislaus Joyce, des Schriftstellers Bruder und „Hüter“, begründet das Pseudonym mit Scham. Ein hochmütiger Debütant habe sich geniert, in dem „Schweineblatt“ zu veröffentlichen. Das ist die halbe Wahrheit. Joyce saß an „Stephen (Daedalus) Hero“, er war im Beat und sein eigener Held. Sein Alter ego in die profane Welt zu setzen, war grimmiges Vergnügen. Erst zehn Jahre später taktete „Dubliner“ mit den „Schwestern“ auf. Der Band arrangiert einen Zyklus von fünfzehn Geschichten. Joyce verwandelt „das grobe Brot des Alltagslebens in etwas, das ein künstlerisches Eigenleben besitzt.“ Einer seiner verwandelnden Blicke rempelt Dublin in Grund und Boden. Ein anderer hebt die Stadt vom Boden auf.

Bald mehr.

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