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10.10.2019, Jamal Tuschick

Darin sind sich konservative und linke Kommentator*innen von der „Welt“ bis zur „taz“ einig. So richtig radikal ist das nicht, was die auch noch nach drei Tagen #berlinblockieren im Aktionsmodus verbliebenen Extinction-Rebell*innen abliefern. Es fehlt die Show nach den großen Blockaden vor der Siegessäule und auf dem Potsdamer Platz. Die Aktivist*innen haben das Wetter und die bürgerliche Presse gegen sich. Zudem werden sie, wo immer sie sich als Betriebsstörung auf das städtische Geschehen auswirken, von gähnenden Polizist*innen eingekreist.

Die dritte Nacht – Das Geheimnis der Tranceformation

Politisches Camping

Rock im Regen

An der Versorgungsfront

Das Nilpferd der Blockade

Respect existence or expect resistance

Darin sind sich konservative und linke Kommentator*innen von der „Welt“ bis zur „taz“ einig. So richtig radikal ist das nicht, was die auch noch nach drei Tagen #berlinblockieren im Aktionsmodus verbliebenen Extinction-Rebell*innen abliefern. Es fehlt die Show nach den großen Blockaden vor der Siegessäule und auf dem Potsdamer Platz. Die Aktivist*innen haben das Wetter und die bürgerliche Presse gegen sich. Zudem werden sie, wo immer sie sich als Betriebsstörung auf das städtische Geschehen auswirken, von gähnenden Polizist*innen eingekreist.

Radikale Ansagen werden von moderaten Aktionen gekontert. Die Organisator*innen haben ein Konzept auf der Höhe der Erkenntnisse zur Effektivität zivilen Ungehorsams entwickelt. Die Ghandi-Tour ist unschlagbar. Die Methoden, mit denen Ghandi das britische Imperium in die Knie zwang, funktionierten in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung sowie bei der friedlichen Revolution von Neunundachtzig.

„Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten.“

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Widerstandsakte des dritten Tages nicht als historische Peanuts. Sie zeigen, wie schnell sich ein Staat, der sich nicht unabhängig von seinen Bürger*innen über eine abstrakt-totalitäre Staatsräson-Formel definiert, anfängt zu arrangieren, wenn die Alternative zur Nachgiebigkeit die falschen, in Echtzeit transkontinental transformierend wirkenden Bilder generiert.

Anders gesagt, Extinction Rebellion kann nachdrücklich und alarmistisch auftreten, während der Staat und seine Gesellschaft sich gleichzeitig die gleiche Zurückhaltung auferlegen, die man beiseite lächelnd den eigenen Kindern gegenüber für angezeigt hält. Extinction Rebellion nutzt diese Kompression.

Indem jemand, der Gewalt ausüben kann, darauf verzichtet, wirkt sich die Gewalt gegen ihn aus.

Die Denker*innen von Extinction Rebellion spekulieren auf diesen Effekt. Auf der einen Seite powern sie. Siehe:

The corporations that are stealing our futures know what they are doing. They are being aided and abetted by our governments. This is why we are in the streets. We need #EverybodyNow

*

Inzwischen sind von geschätzt 8,1 Millionen Arten, die diese Erde bevölkern, ungefähr eine Million vom Aussterben bedroht. 10% aller Insekten, 40% aller Amphibien und 30% aller maritimen Säugetiere sind bedroht, um nur ein paar Gruppen zu nennen. Die Geschwindigkeit, mit der das passiert, ist zehn- bis hundertmal schneller als in den letzten zehn Millionen Jahren. Die Biomasse von Insekten in deutschen Naturschutzgebieten z.B. ist in den letzten 27 Jahren um 76% eingebrochen. Der Wildtierbestand von Wirbeltieren in freier Wildbahn ist in den letzten 50 Jahren um 60% eingebrochen. Auch die Population von Meerestieren hat zwischen 1970 und 2015 um 49% abgenommen.

*

Auf der anderen Seite produziert Extinction Rebellion Bilder von öffentlichen Yoga-Séancen. Spirituelle Gymnastik in der Öffentlichkeit entspricht einem High End-Zitat. Es signalisiert, wir können uns entspannen, während ihr armiert bleiben müsst. Ihr dürft eure Uniformen nicht ablegen, wir können uns auf der Straße ablegen. Für uns ist es easy-peasy, den Verkehr lahmzulegen. Wenn also die Armleuchter*innen aus der Abteilung für Bescheidwisser meinen, der Protest habe binnen Tagen seine Kraft verloren, dann wissen sie nicht, worüber sie reden. Die Ästhetik der Erschöpfung, die Folgen von Kälte sowie gewisse Emanationen der Camping-Hygiene lassen sich nicht zur Signatur dieses Protests erklären. Es geht vielmehr darum, dass eine außerparlamentarische Opposition das Regierungsviertel einnimmt und alle offizielle Macht ohnmächtig erscheinen lässt. Wir haben eine politische Zeitenwende erreicht. Demokratie wird bald ganz anders aussehen als heute. Und Extinction Rebellion zeigt schon mal wie.

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