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10.10.2019, Jamal Tuschick

In ihrem Roman „Mädchen brennen heller“ erzählt Shobha Rao von Sklaverei unter den Vorzeichen der Gegenwart.

Scheues Ich-Bewusstsein

Eingebetteter Medieninhalt

Shobha Rao wuchs in den Vereinigten Staaten auf und wurde dort vom Streben nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung wie von einem Strudel erfasst; während das Leben als Wunschkonzert in ihrer ursprünglichen Heimat Indien keine Begriffe ausbildet. Da erscheint das menschliche Schicksal als beschlossene Sache. Es ist eine göttliche Angelegenheit, gegen die sich nur Narren auflehnen.

Das beschreibt den hinduistischen Standpunkt, so wie ihn Rao im Gegenlicht zu ihrer amerikanischen Sozialisation schildert.

Shobha Rao, „Mädchen brennen heller“, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Wolf, Elster Verlag, 380 Seiten, 24,-

Purnima nimmt den Standpunkt selbstverständlich ein. Alles andere wäre vermessen und nicht zu vereinbaren mit dem (die Familie zentralisierenden) Regelwerk der Weberkaste, in die Purnima hineingeboren wurde. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, dass es auch um sie und ihre Bedürfnisse gehen könne in einem krass kargen Dasein irgendwo im Nirgendwo eines Weberdorfes, das bessere Zeiten als höfische Produktionsstätte gesehen hat.

Alles ist im Niedergang begriffen.

In seinem bedeutendsten Drama thematisiert der führende deutsche Vertreter des Naturalismus Gerhart Hauptmann das Schicksal einer Gruppe schlesischer Weber, wobei er eine ganze soziale Schicht zu Protagonisten des Stückes macht, um so die sozialen und politischen Dimensionen des Konflikts zu verdeutlichen. Sprache, Situationen und realistische „Volkstypen“ wurden damals als revolutionär aufgefasst. Die besondere Dramatik zieht das Stück aus seinen realen Vorbildern: Den spontanen Weberaufständen im Juni 1844 in den schlesischen Provinzen. Wikipedia

Die nach dem Tod ihrer Mutter mit sämtlichen weiblichen Hausaufgaben belastete, sechzehnjährige Purnima hält sich für arm, bis sie Savita kennenlernt. Die Tochter eines Almosenjägers mit dem Stigma des Säufers … weil er seine Weberexistenz verflüssigt hat, sitzt er jetzt auf dem Trockenen … übernimmt den nach dem Tod der Mutter vakant gewordenen zweiten Webstuhl im Purnimas Elternhaus. Von Haus aus ist Savita Müllsammlerin. Purnima erkennt ihre fast schon privilegierte Lage. In ihrer Sphäre gibt es Bananen und Jogurt zum Frühstück. Purnima verwöhnt Savita. Die Mädchen verlieben sich ineinander. Plötzlich können sie sich etwas anderes vorstellen, als das Vorgezeichnete.

Ein scheues Ich-Bewusstsein erwacht in Purnima und Savita. Nun droht ihnen Gefahr.

Die schwärzere und ärmere Savita badet den angedeuteten Tabubruch eigenständigen Denkens erst einmal für beide aus. Unter grauenhaften Umständen wird sie zur Frau von Purnimas Vater.

Rao erzählt über Abgründe hinweg. Kaum angetastet haben die Heldinnen die patriarchalische Vorherrschaft in einem archaisch verwalteten Landkreis. Für die heruntergekommenen Weber*innen von Indravalli, einer vierhundertköpfigen Gemeinde im indischen Bundesstaat Karnataka, gibt es nur zünftige und religiöse Definitionen. Das einzige politische Datum ist die Unabhängigkeit im Jahr 1947, die, wenn ich das richtig lesen, eher kritisch gesehen wird, weil man zuvor als Hoflieferantenkommune im Fürstentum Mysore ein Ansehen genoss.

Die Autorin schildet die Kaste als sozialen Sarg. Abgesehen von den Marken Geburt und Tod sind alle Weber*innen zu unpersönlichen Wiederholungen gezwungen. Eigenarten finden grundsätzlich keine Berücksichtigung, aber die Unfreiheit der Frauen lässt sich nicht übertreffen. Savita haut ab. Purnima geht durch die Hölle einer Ehe, in der sie von ihrer Schwiegermutter verbrüht wird. Man schickt sie zurück in die Vaterhölle. 

Westliche Vorstellungen von Menschenwürde finden keine Verwendung. Die Höllen werden immer heißer. Purnima und Savita bleiben Gefangene unter wechselnden Vorzeichen. Savita gerät in eine sklavische Abhängigkeit. Für die Aussicht auf eine Freiheit in weiter Ferne und Zukunft lässt sie sich verstümmeln. Irgendwann landet sie in Seattle, gefangen wie eh und je. Purnima setzt sich auf ihre Fährte, angetrieben von der Ahnung, gemeinsam mit Savita aus den Umlaufbahnen der Unfreiheit herauszukommen.

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