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11.10.2019, Jamal Tuschick

Es regnet in Berlin. Die Gesichter sind lang. Der Bus ist so voll, dass der Fahrer kaum die Türen zu bekommt. Ein Mann haut mit der Faust von außen gegen den Bus.

Ankommen in Berlin - Von Isobel Markus

Ich bin wieder da. Und wie es aussieht, ist es nicht nur das Land, das ich gewechselt habe, ich bin auch in der Jahreszeit vom Sommer in den Herbst gereist. 
Es regnet in Berlin. Die Gesichter sind lang. Der Bus ist so voll, dass der Fahrer kaum die Türen zu bekommt. Ein Mann haut mit der Faust von außen gegen den Bus.
Neben mir steht jemand, der mit sich selbst spricht. Ich höre ihm zu. 
„Achtuuuung, kontrollierter Ausstieg“, ruft er immer wieder, sobald sich die Türen öffnen und das Chaos seinen drängenden Lauf nimmt. Ich verkneife mir eine Regung. Ich habe grad keine Lust auf ein verrücktes Gespräch.
 
In der S-Bahn ist es auch voll. Lauter sportliche Menschen stehen um mich herum. Sie reden nicht oder in Sprachen, die ich nicht verstehe. Ich verstehe jetzt erst, dass heute der Marathon stattfindet und merke darüber zu spät, dass die Tür, aus der ich aussteigen will, nicht funktioniert. Also dränge ich mich mit meinem schweren Koffer voll italienischem Essen durch die Menge zum nächsten Ausgang. Zu spät. Es ist zu voll. Die S-Bahn fährt schon wieder. Ich muss also eine Station weiter und wieder zurückfahren. Großartig. Ich fluche kurz, aber laut. Die Leute verkneifen sich eine Regung. Wahrscheinlich haben sie keine Lust auf ein verrücktes Gespräch.
 
Auf dem Bahnhof schaue ich dem Regen beim Fallen zu. Es ist kalt. Mein Gesicht wird immer länger. Neben mir steht ein alter Mann mit Schnauzer. Er ist klein, trägt ein zu großes Sakko und eine Art Schiebermütze. Seine Augen sind dunkel und seine Brauen so buschig, dass sie sich mit den Wimpern verhaken. Er lächelt mich mit sehr lieben Augen an, sieht auf den Regen, auf meinen Koffer, dann auf mich:
„Verreist Du oder kommst Du an?“
„Ich komme grad an“, sage ich, ziehe meinen Mund breit und die Augenbrauen hoch, um zu zeigen, dass das Ankommen heute schwer fällt.
Er schnalzt mit der Zunge, macht eine unbestimmte Handbewegung und sagt: „Ist schwer. Für mich waren es 40 Jahre.“ 
Und dann hat er mir eine Station lang erzählt, wie er vor 40 Jahren aus einem kleinen Dorf in der Türkei kam und wie schwer das war, wenn es hier geregnet hat.
Ich weiß genau, was er meint. 
Als ich aussteigen muss, hebt er die Hand: „Es wird schon. Es wird. Alles Gute.“
Das wünsche ich ihm auch. Wir lächeln uns an.
Als ich die Treppe zum anderen Bahnsteig herunterlaufe, lächle ich immer noch.
Und da war ich wieder. Angekommen in Berlin.
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