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12.10.2019, Jamal Tuschick

Seit Jahrzehnten teilen wir diese Ausflüge in eine neue Welt: Aus der alten Frauenrolle von Identifikation mit unserer Biologie, dem Adam-Eva-Modell, dem Opfer-Täter-Spiel aussteigen zu üben – mit allen Schwierigkeiten – und dafür etwas von diesem Irrationalen, dem Unbekannten zuzulassen.

Ein Anfang am Ende der Welt - Von Christa Ritter

Sardinien, ein bisschen wie am Ende der Welt: Von draußen gesehen gleicht hier wirklich fast jeder Tag dem Tag zuvor. Kaum äußere Ablenkung. Sandstrand (immer weiß und weit), Meer (mal weich, mal heftig), Sonnenschirme aufbauen (möglichst viel Schatten), Wind (still, Brise oder heftig). Kuhle suchen, Stille zulassen, Nichtstun. Toll, was? Luxus! Manchmal, wie heute wieder, entsteht ein Gespräch. Nicht dass einige von euch weiterhin denken, wir Frauen wären nie beteiligt. Auch häufig missverstanden: Ich gäbe mal wieder die Propagandistin von Rainer. Glaube ich ja manchmal noch selber, sehe aber auch, dass zum Beispiel diese Posts der Anfang sind, meine eigene Stimme durch Veröffentlichung überhaupt erst zu entdecken. In einer außerhalb meiner Wahrnehmung. Ein schwieriger Weg: Aus dem Autoritären raus, dem Fremden, Konventionellen, dem des „Systems“, in etwas, was ich wirklich sein könnte. Ein Widerspruch in sich? Was mir also schwer fällt: Ich kann sowas Neues noch immer nur schwer in mich hinein lenken, dort sortieren und mit mir verbinden.

Denn wir Frauen, jede auf ihre Weise, sind auf einem Weg. Schon lange, kaum außen sichtbar, mühsam und voller Auf und Abs. So laufen auch diese Gespräche in Pro und Contra. Mal „nur“ durch Zuhören und Zulassen, oft erst in heftig aggressiven Einwürfen, die eine Bewegung ins Innere einleiten. Letztlich geht es dabei um einen Mix lebendiger Erfahrungen, die wir miteinander teilen: verrücktes Reden, also Überschreiten des Bekannten, annähern, sacken lassen. Durch den Raum unter uns animiert, der bei solchen gemeinsamen Gesprächen entsteht, bilden sich, so kommt es mir vor, erweiterte Bewusstseinsströme.

Merkwürdig alles, unerklärlich und doch geschieht etwas. Schwer zu beschreiben. Rainer sucht dafür die Worte, die es in der Verstandessprache noch nicht gibt. Und er traut sich. Vielleicht liegt es an seinem Talent „Autist“, vielleicht auch daran, dass er ein Mann ist, vielleicht an seiner intensiven 68er Kommune-Erfahrung, dass er in diesem „Zauber“ eine Spur findet. Die Initiative zum Aufbruch in dieses „Irrationale“ geht eher von uns Frauen aus. Rainer hat das Mansplaining schon sehr lange verlassen, finde ich. So sind immer und unvorhersehbar alle beteiligt.

Seit Jahrzehnten teilen wir diese Ausflüge in eine neue Welt: Aus der alten Frauenrolle von Identifikation mit unserer Biologie, dem Adam-Eva-Modell, dem Opfer-Täter-Spiel aussteigen zu üben – mit allen Schwierigkeiten – und dafür etwas von diesem Irrationalen, dem Unbekannten zuzulassen. Ich muss gestehen: Ich ahne manchmal, verstehen kann ich davon nichts, etwas in mir "weiß". Wenn ich manchmal darüber verzweifle, versucht mich Rainer zu beruhigen. Es sei nur der Verstand, der den Weg nicht sehen kann. Aber da geschehe durchaus etwas. Weil meine innere Stimme mich letztlich bestätigt, bleibe ich dran. Verrückt, nicht?

Heute ist Samstag. Wir Vier haben gemeinsam meditiert und sitzen noch immer auf dem zum Bett ausgezogenen Sofa zusammen. Brigitte stellt den Kühlschrank wieder an, draußen tschilpen schwarze Vögel in den vom Wind schwankenden Kiefern. Pause, Ausklang. „Greta…“ setze ich an. „Habt ihr das Death Metal-Video ihrer UN-Rede gehört,“ unterbricht Gisela, „krass und einfach toll“. Mit tief-knarzigem Röhren aus dem Underground erscheint sie wie eine Botin der Apokalypse, so Gisela weiter. Brigitte nickt. Rainer sieht darin Greta‘s nächsten Schritt verdeutlicht, der auch mich erstaunt hatte: „Mit ihrer ungewöhnlich emotionalen Rede hat sie die vernünftigen Appelle weit überschritten.“ Greta habe damit Zahlen und Messungen von Wissenschaftlern verlassen, also ihren bisherigen Standort. „Mit Tränen ihrer Empörung wird sie zur Wutbürgerin.“ Als ich das Video ihrer UN-Rede sah, bin ich auch erschrocken: Ein Teenie klagt mich an, so mein Gefühl. Traf mich mitten in den Bauch. Gisela ging es wohl ähnlich: „Dann nähern wir uns alle dieser neuen Welt als Wutbürger?“ Brigitte schaut ungläubig zu Rainer. Wutbürger? Nicht nur die Rechten? Was ist überhaupt rechts? Ich überlege: Die Gefühle der Wutbürger, einer Wutbürgerin sind wohl eher etwas noch schwer Definierbares. Sie kommen von irgendwoher. Aus dem Unbekannten, wohin wir uns unaufhaltsam bewegen? Beyond Music oder so? Zurück ins Gespräch, das längst weiter ging. „Greta betritt diese neue Welt der Wut und Empörung zum ersten Mal,“ so Rainer, „Sie ist damit auf der Ebene von Trump angekommen.“ Also „twittert“ sie im Grunde, denke ich, wenn sie vor Wut fast weint. Von dieser Explosion überrascht, ließen sich einige UN-Zuhörer tatsächlich mitreißen, sie applaudierten begeistert. Andere erstarrten und blieben stumm. Erschrocken wie ich? Gisela googelt: „Gretas Rede gibt es auch schon als den Pop-Song How dare you.“

Wir sind gerettet! Nein, ja, noch lange nicht. „Ich sehe hinter dem Klimawandel etwas anderes,“ überlegt Rainer. Dieser Wandel könnte für das stehen, wovon wir ahnen, dass es kommt, dass dieses Unbekannte schon hier ist, wir es aber noch nicht sehen können.“ Ist deshalb Greta‘s Apokalypse-Version auch in mich so merkwürdig reingefahren? Brigitte daraufhin: „Wie soll das denn gut gehen, dieser Umstieg?“ Und Gisela leise: „Hat was Wahnsinniges.“ Ich denke: Sind wir wirklich schon mitten drin? Ich fürchte JA. Ängstlich frage ich: „Glaubt ihr, die Menschheit muss den Kollaps unseres Planeten tatsächlich mit voller Wucht durchleiden?“ Hamburg fluten, Venedig sowieso, Hungersnot, Epidemien und Flüchtlingsströme überall? Eine Eiszeit der Dritten Art? Ich kriege Gänsehaut. Wer will schon sterben oder „auch nur“ andere sterben sehen? "Es hat längst angefangen," ist Rainer's Antwort.

Rainer ist bereits über die Treppe verschwunden. Brigitte setzt Wasser für einen Tee auf. Gisela holt auf dem Balkon die trockenen Handtücher von der Leine. Ich drücke die Kissen glatt. Im Garten sind die Vögel verstummt. Oder einfach zu den Nachbarn geflogen.

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