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12.10.2019, Jamal Tuschick

Der Performer Arne Vogelgesang agitiert frei von Entlarvungsabsichten und betreibt doch Aufklärung, wenn er den Gegner beim Wort nimmt und bis zur Kenntlichkeit nachahmt. Seine Sammlung von Best-Practice-Beispielen extremistischer Kampagnen zeigt nichts deutlicher als Ratlosigkeit.

Repressive Toleranz

Im Kampf gegen das Establishment haben Rechte und Linke den gleichen Gegner. Auch darauf weist Arne Vogelgesang hin: die Parteien stehen sich nicht wie auf einem Schlachtfeld gegenüber. Vielmehr schauen sie in die gleiche Richtung. Vielleicht ist das ein Grund für den reibungslosen Ideentransfer von links nach rechts. Vogelgesang analysiert das Phänomen am Beispiel des identitären Vordenkers Martin Sellner. Der Theatermann decouvriert die Sellner-Performance als Camouflage-Auftritt. Bis zum Brillengestell ahmt Sellner den bürgerlich-saloppen Sozialisten nach, der dem Sujet des Salonbolschewisten eine zeitgenössische Fasson verleiht. Was Sellner taktisch und strategisch zum Besten gibt, fußt nicht zuletzt auf einem theoretischen Fundament, das maßgeblich von Herbert Marcuse gegossen wurde. Der bis zur Eindimensionalität verstümmelte Mensch tritt gegen die Armierungen eines scheinheiligen Staates. Er fordert die Macht heraus und provoziert sie, um ihre „repressive Toleranz“ sichtbar werden zu lassen.

Vogelgesang agitiert frei von Entlarvungsabsichten und betreibt doch Aufklärung, wenn er den Gegner beim Wort nimmt und bis zur Kenntlichkeit nachahmt. Seine Sammlung von Best-Practice-Beispielen extremistischer Kampagnen zeigt nichts deutlicher als Ratlosigkeit. Alles Mögliche sucht in Redundanzschleifen Abnehmer*innen. Es verfehlt in jedem Fall die Aufgabenstellung. Neurechte müssten als Revolutionsdarsteller*innen im Kampf gegen unaufhaltsame Transnationalisierungsprozesse geistreich, somit witzig sein. Unfreiwillig komisch erscheint Jürgen Elsässer in einem von Vogelgesang präsentierten Clip.

„Keinen Moment ohne historischen Auftrag existieren.“

Das Walter Benjamin-Postulat hat sich Elsässer hinter die Ohren geschrieben. Horstmahlerisch absolvierte er eine Karriere nach den Devisen Hauptsache extrem und „lieber eine falsche These als gar keine These“. Er mutierte über die volle Fläche zwischen links und rechts und bewies unterdessen exemplarisch wie nah sich Extremist*innen gleich welcher Couleur stehen. Die bürgerliche Mitte und apolitische Randständigkeit sind ihnen ein Gräuel. Sie kultivieren ein Revolutionsphantasma zu ihrer Belebung.

Vogelgesang weist zudem darauf hin, dass es, entgegen landläufiger Vorstellungen, nicht die dümmsten Verfechter*innen radikaler und extremistischer Positionen sind, die Gewalt begrüßen. Er deutet an, dass die Übereinstimmungen zwischen Neurechten und Altlinken in den basalen Regionen größer sind als Übereinstimmungen in anderen naheliegenden Konstellationen. Konsenschancen sind da am geringsten, wo Radikale jedweder Couleur auf Moderation getrimmte Verkehrsteilnehmer*innen begegnen, die Exzess-Darstellungen grundsätzlich als Entgleisungen wahrnehmen und solange routiniert kupieren, bis sie kapitulieren. 

Vogelgesang zieht einen historischen Moment aus der Konserve, indem er der Ohnmacht und zivilen Erschöpfung jenes als Übersetzer zugestiegenen Moderators die Bühne überlässt, der bei den Ausschreitungen von Clausnitz am 18. Februar 2016 in dem von Wir-sind-das-Volk-Demonstrant*innen blockierten Bus voller Geflüchteter kaum noch gefasst auf die Ausbrüche seiner Landsleute reagierte. Einer ebenfalls moderierenden Clausnitzer drohten Nachbar*innen: „Morgen brennt dein Haus.“

Vogelgesang passiert eine Kurzstrecke der Erklärungen. Klar ist der Rechtspopulismus eine Reaktion auf überfordernde Organisationsprinzipien der globalen Moderne. Deshalb entspricht der kollektive emotionale Reflex, der gemolken werden soll, einer Verlustaversion. Das bezeichnet in der Psychologie und Ökonomie die Tendenz, Verluste höher zu bewerten als Gewinne.

Entscheidungen enthüllen Präferenzen. Das heißt, Neurechte treffen offensichtlich Entscheidungen zu ihrem Nachteil. Sie entwickeln Opfermut und tendieren zur sozialen Selbstentleibung im Kampf gegen die „vorgebliche Vorherrschaft kosmopolitischer Minderheiten“ (Cornelia Koppetsch).

Nur warum? Auf die Frage hat Vogelgesang keine Antwort.

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