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13.10.2019, Jamal Tuschick

Robert Prosser performte im Roten Salon der Berliner Volksbühne Auszüge seines Romans „Gemma Habibi“.

Unscheinbares Massengrab

1.84 m, 74 kg - So sieht ein Boxer aus. Robert Prosser sagte: Westliches Boxen ist komplexer als Thaiboxen. Das wissen die Wenigsten. Was Boxen so effektiv macht, kommt aus Komponenten, die der Laie gar nicht sieht. Es kommt aus bewegungsminimalistischen Spitzfindigkeiten und einer Sogmotorik. Man setzt dem Gegner ununterbrochen zu. Das geht nur, wenn man marschiert. Marschieren kann man nur, wenn man keine Fußtechniken internalisiert hat. Ausnahmen bestätigen die Regel.  

2017 verbrachte er einen Sommer auf Lesbos, um sich „am südlichen Rand Europas“ umzuschauen. Prosser datiert präzise: „Es war das Wochenende des G20-Gipfels.“

Der Schriftsteller skizziert Szenen im Kontext der Gipfelgegnerschaft. Er macht kein Hehl aus seinen Sympathien. Ich zitiere nicht zum ersten Mal an solchen Stellen Paul Mason. Der englische Journalist hat den Job der Erfassung des Spezifischen für alle linken Haltungspublizisten erledigt.

Der Widerstand gegen die Herrschenden findet seine radikalste Kohorte in der Sonderbarkeit von „Mittelstandskindern mit Hochschulabschlüssen und Jobs“. Sie sind es, die „den sozialen Krieg, der seit geraumer Zeit an den Rändern des globalen Systems tobt“, auf die Magistralen siecher Imperien tragen. Mason beschreibt Bürgerkriegsszenen am Tag von Trumps Inthronisierung in der Stadt des Weißen Hauses. „Mit Veteranen der Berichterstattung über Länder, die den Bach runtergehen“, klatscht Mason sich ab, während er sich an Szenen in Istanbul erinnert fühlt.

Katzensprung nach Europa

Die Roaming-Gebühren waren gerade abgeschafft worden; das Smartphone diente der Echtzeitdokumentation ohne Budgetbelastung; das ursprünglich für dreitausend Migrant*innen ausgelegte Flüchtlingslager platzte aus allen Nähten.

Olivenhaine säumten ein Notstandsgebiet.

Neun Seemeilen trennen die ostägäische Olivenriviera von einem kleinasiatischen Surfer-Revier.

„Wenn du siehst, wie nah Europa ist, dann vergisst du alle Bedenken.“

„Je mehr du bezahlen kannst, desto sicherer fliehst du.“

Prosser nennt den Golf von Edremit „ein unauffälliges Massengrab“.

Er scheiterte an der Absicht, die Konzentration des Elends auf Lesbos (vor einer touristischen Kulisse, die einen surfen, die anderen ertrinken) literarisch zu erfassen. Im österreichischen Boxmilieu entdeckte er ein überschaubares Feld der prekären Migration. Prosser reizte „der egalitäre Moment im Ring“.

Er beschreibt Boxen als ein Beispiel für „positive Gewalt“. Indirekt empfiehlt er den Sport als Schule für neurotische Linke, die zwar abstrakt hohe Militanzgrade erreichen, aber den Augenblick der Wahrheit körperlich vermeiden. Prosser kam es exakt darauf an: „Aus einer linken Position über Gewalt zu schreiben.“

Es ginge auch darum, den „jungen weißen männlichen Körper“ als traditionell rechten Vereinnahmungsgegenstand aus dem Mens-sana-in-corpore-sano-Knast zu befreien und ihm eine linke Lesart zu eröffnen. Das ist übrigens schon in meiner Generation versucht worden. Den Antifa-Aktivist*innen von damals war das Training zu anstrengend, vor allem jedoch zu autoritär.

Auch Prossers Personal taugt nicht zur schlagenden Avantgarde und kulturrevolutionären Miliz. Das sind arabische, russische, tschetschenische und österreichische Individualisten, die außerhalb des Trainings wenig miteinander zu tun haben. Im Training bilden sie aber eine geschlossene Gesellschaft mit einem tiefgreifenden Wurzelwerk der Verbundenheit.

Prosser weiß: Die angenehmsten Typen trifft man in Boxkellern und auf Ringkampfmatten. Das schließt Judo, Karate, Wing Tsun ein.

Prosser kann sein Buch auswendig. Sein Vortrag ist nicht nur eine Gedächtnisleistung, sondern auch ein musikalisches Ereignis.

Prosser kann tatsächlich beides: Boxen und Schreiben. Er tanzt den Text, statuarisch auf der Stelle; diszipliniert vom Drillflow. Er will nicht anders sein als er ist. Auch das ist boxerisch gefühlt. Einverstanden zu sein mit sich selbst, ist ein Trainingsresultat.

„Ich in meiner besten Version.“

Das ist Prossers Held Lorenz im Ring. Ich schiebe meine Besprechung des Romans gleich nach.

Amerikanisch verranzt

Robert Prosser verknüpft in seinem Roman „Gemma Habibi“ Großereignisse im Akut der Jetztzeit mit ewigen Wahrheiten der Kampfkunst.

Die alten Okinawa-Meister sagten: Jeder Mensch hat seinen Kampf. Dem kann er nicht ausweichen. Sollte ihn eine Niederlage erwarten, so wird er sie förmlich begrüßen; da sie ihn erleichtert und unter Umständen sogar erlöst. Robert Prosser illustriert in seinem mitreißenden Boxer- und Fluchtroutenroman „Gemma Habibi“ (der Titel paart eine idiomatische Aufforderung auf Österreichisch mit dem arabischen Wort für Liebling) schön beiläufig den Punkt. Der beste Mann in Jos amerikanisch „verranztem Gym“, Andi, genannt die Sense, ein Hooker vor dem Herrn, knickt bei einem kaum beachteten Treffen in der Wiener Neustadt ein. Der Kontrahent, ein Kroate, wirkt grundsätzlich eher ebenbürtig als überlegen. Es gelingt ihm aber, Andi unter Druck zu setzen. Er drückt die Sense aus ihrem Repertoire. Er macht sie das Geläufigste vergessen und setzt schließlich eine Hand, die „Andis Selbstvertrauen einen Riss“ verpasst.

Robert Prosser, „Gemma Habibi“, Roman, Ullstein Fünf, 223 Seiten, 22,-

„Manche Treffer … erschüttern das Denken“, schreibt Prosser.

Manche Treffer beenden einen Traum. Sie wecken den Träumer. Hölderlin schreibt: „Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da …“   

„Man kann keinen zum Sieg streicheln.“  Manfred Wolke.

Wirkungslos ist alles, was den Willen nicht bricht. Jo war mal wer als Boxer und führt jetzt ein Autohaus mit Werkstatt. Mit Trash-Dekor hält der Box-Romantiker Fitness-Studioten davon ab, bei ihm anzudocken. Der Sagenhafte, die magische Erscheinung und Verkörperung des Spirits, der Ostdeutsche Simon, ist durch die sowjetische und die (von einer DDR-Trainer begründete) kubanische Schule gegangen. Die Unerreichbarkeit der Kubaner erklärt er mit ihrer Salsa-Geschmeidigkeit.

Simon lehrt Boxen auch als Tanzstil.

Das erfährt man in einer langen Rückblende, die ausgeht von einem Halbfinale der österreichischen Staatsmeisterschaften 2015. Lorenz, der Erzähler, den ein akademisches Interesse in den roten Kreis der Kampfkunst gespült hat, existiert nun da, wo man in den Dimensionen des Boxens atmet. Er zelebriert die Kunst als Lebensstil, so wie Zian, genannt Z, der lange vor Lorenz auf den Geschmack kam. Die beiden begegneten sich zuerst in Syrien, nun lebt der Syrer in Wien.

Z kennt die „verfluchten Zwischenwelten der Ladeflächen“. Ihm gelang die Vermeidung einer Registrierung als Asylsuchender in Ländern wie Bulgarien.

„Du musst diese Länder überwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen.“ – Und darfst deine Identität erst da preisgeben, wo sie etwas wert ist.

Als Bewohner einer europäischen Komfortzone mit sämtlichen Zugangsberechtigungskodes ist Lorenz natürlich interessant; Z füttert ihn mit Geschichten und zieht Informationen aus dem Weichgespülten.

Z erzählt von Facebook-Fake-Identitäten zur Täuschung von Islamisten.  

Er marschiert mit „unter dem Banner von Refugees Welcome - Es ist genug für alle da“.

Zwei Frauen spielen ihre Rollen im Dunst des Erzählers: die hyperaktiv-aktivistische Fotografin Elena und eine boxende Polizistin. Christine hat Lorenz viele Einheiten voraus. Doch der Affizierte holt auf. Er formt sich und lässt sich formen. Er wird biegsam und hart. Die Beine fangen an zu begreifen. Die Hüfte dreht sich auf, so wie man den Deckel vom Marmeladenglas schraubt.

Der Laie sieht wenig von dem, was einen Boxer ausmacht. Wie genau Prosser diesen Punkt der Eigentlichkeit trifft, zeigt eine Stelle, an der Z dem Freund den Kampfnamen Spinne verpasst. Lorenz versteht erst nicht. Wieso Spinne? Ich erzähle jetzt nicht, warum der Name passt. 

Herz, Auge, Luft – Mut, Timing, Ausdauer. Das ist das eine. Das andere ist die große Sachlichkeit in Anbetracht eines Gegners, der dich zerstören kann. Zur Sachlichkeit gehört der gute Schlaf, eine Verdauung, die von Nervosität nichts weiß. Solche Dinge machen den Boxer. Wie anstrengend ist es für ihn, sein Gewicht zu halten. Wie dicht am Ideal ist das Verhältnis von Größe und Gewicht. Wie verarbeitet er Niederlagen.

Lorenz fliegt nach Accra, beflügelt von Elenas Nachrichten. Die Fotografin wird als „Thunderpussy“ verehrt.

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