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14.10.2019, Jamal Tuschick

... ob wohl die hellen Nächte wieder kommen? - Halle. Oktober 2019. Die Nachricht raubt den Schlaf.

Entsetzen – Von Marlis Cavallaro und Lothar Schirmacher

Ich wache auf mit der Erinnerung an den untenstehenden Text.
Ihn schrieb mein Vater in den 50er Jahren. Die Schreie der Gefolterten, von denen das Gedicht spricht, waren auch seine - in den Kellern der Kasseler Geheimen Staatspolizei, die ihn im Alter von 18 Jahren vom Arbeitsplatz bei Henschel weg verhaftet hatte, weil er vor Hitlers Kriegsabsichten warnende Flugblätter verteilt hatte und den "deutschen Gruß" verweigert hatte.
Den "deutschen Gruß" dürfen ohne Anzeige oder Verhaftung erneut "Erwachte Deutschlands" ungestraft auf deutschen Straßen zeigen - einer der Faktoren, die das Klima für das mir noch lange Undenkbare bereitet haben: Angriff mit Massenmordabsicht auf eine Synagoge.

Meine Kindheit war vom erlittenen Grauen meines Vaters überschattet - meine Jugend erleuchtet vom Stolz auf seinen Mut: - nach Folter und mehreren Jahren Zuchthaus verhalf er gemeinsam mit anderen in einer Berliner Untergrundgruppe jüdischen Menschen zum Untertauchen, zu ärztlicher Versorgung unter falschen Papieren und zur Flucht, beherbergte einige in seiner Wohnung - obwohl er unter Aufsicht stand, sich jede Woche als Politischer bei der Gestapo melden musste und nicht in seine Heimatstadt Kassel zurückkehren durfte. Zur bangen Frage am Ende seines Gedichtes fühlte er sich getrieben durch das, was er beschrieb: die in den 50er Jahren vorherrschende Unfähigkeit, das Geschehene auch nur bewusst zu machen, geschweige denn zu verarbeiten.


Geschrieben 1958
von Lothar Schirmacher (1916 - 1976)

November-Requiem

Die Nächte waren hell, als es geschah,
als die verstopften Hirne explodierten,
als die „Erwachten Deutschlands“ blicklos stierten
in Flammen, deren Glut die Synagogen fraß.
Ein Spaß!
Als bleiche Münder irre Worte riefen
und hinter stummen Fenstern alle Christen schliefen,
als kalkigweiße Lichternadeln
in angstvoll aufgerissne Augen stachen,
die spitzen Schreie der Gefolterten
an weißgetünchten Kellerwänden brachen -
da war’n die Nächte hell im deutschen Land-
als Gnade hungernd an den Ecken stand.

Und willst Du’s wissen in den dunklen Nächten,
wenn dir von fern die toten Brüder winken,
und will ein marternd Denken Deine Ruhe trinken,
so suche Antwort bei bekannten Mächten.

Geh in Novembertagen an das kleine Mal,
das von erzwung‘ner Reue Kunde gibt.
Erinn'rung an den abgrundtiefen Jammer ausweglos Gequälter,
an die Millionen Dornenkronen,
die den Geschlachteten für Deutschlands Ruhm und Ehr
das eigne Volk tief in die Stirnen drückte.
In welcher Stadt wirst du ein Denkmal wohl
für jene hunderttausend Kinder finden,
für deren Spiel kein Platz in uns‘rem Volke war?
Und wieviel Messen hörst du für i h r ungelebtes Leben?

Dann wandre weiter zu dem großen Mal,
das sich mit vielen Stufen türmt
aus echtem Marmor und der Palmenzweig
aus echtem Gold getrieben, über Namen dort
beugt sich die Heldenmutter über den gestreckten Sohn,
gefallen für ein Vaterland, das auch die Väter tötet
und das dem Frieden Heimatrecht versagt,
gefällt vom gleichen Mann mit den fünf Sternen,
der einst die Söhne und die Väter
das frühe Sterben in Kasernensärgen lehrte,
durch deren Fenster ahnungslose Enkel heute
noch viele Stückchen blauen Himmels sehen.

So geh an beide Stätten im November,
geh hin um Antwort, zähle dort die Andern,
die dünne Reihe vor der Dornenkrone,
die große Trauer vor dem Heldenmal,
mit Fahnen, Moll-Musik, gedämpften Reden.

Du findest die Ruhe nicht, die dir genommen -
ob wohl die hellen Nächte wiederkommen?

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