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14.10.2019, Jamal Tuschick

Tom Müller las in Britta Gansebohms literarischem Salon in der Berliner Z-Bar aus seinem Roman „Die jüngsten Tage“.

Der Marsch auf Fiume

Britta Gansebohm, Tom Müller

Fast mit Händen zu greifen ist die Faszination der Rebellen für die grandiosen Überschreitungen legendärer Vorgänger. Man könnte Che Guevaras trotzig-gescheiterten Versuch, einen Flächenbrand des Befreiungskampfes zu legen, unter den Vorzeichen der Gegenwart neu auflegen. Doch lieber halten sich die Helden in Tom Müllers Roman an den italienischen Edelmann Gabriele D’Annunzio.

Der Dichter war ein Pionier der Luftkampfästhetik nicht zuletzt.

„Du wirfst deine Bombe über den Flügel/ hinunter auf das plötzlich einsetzende Massaker/ das dein Herz im Schwung des Windes zum Glühen bringt.“

Der geniale Großgaukler düpierte im I. Weltkrieg die Flugabwehr der Habsburger Monarchie. Den Wienern empfahl er am italienischen Wesen zu genesen. Am 11. September 1919 traf er, von Triest kommend, an der Spitze einer Freischar in Fiume ein und übernahm die Hafenstadt im heutigen Kroatien.

Ihm folgten Leute, „die nicht wussten, wie sie im Frieden leben sollten … Träumer und Traumatisierte, Übergeschnappte …“

Tom Müller, „Die jüngsten Tage“, Rowohlt Hundert Augen, 235 Seiten, 22,-

Ihr Anführer proklamierte die Italienische Regentschaft am Quarnero. Er erklärte eine Verfassung für verbindlich, die Homosexualität legalisierte, Pressefreiheit garantierte und Frauen ein weitreichendes Wahlrecht zuerkannte.

Tom Müller bringt D’Annunzios Herrschaftsstil so auf den Punkt: „Der Dichter regierte mit Opern und Opium.“

Seine Geliebte spielte Klavier auf dem Marktplatz.

Müller schildert D’Annunzio als Prototypen des Populisten. Er habe den ersten Führerkult des XX. Jahrhunderts etabliert und darüber hinaus Maßstäbe gesetzt; wenn ich das richtig verstehe, auch im Hinblick auf die Frage, wie viel Utopie die Wirklichkeit verträgt.

„Ohne Utopie kann man nicht leben. Doch ist ihr letztes Mittel stets die Gewalt.“

Das sagte Müller im Gespräch mit Britta Gansebohm. Jonathan, Müllers Erzähler der „Jüngsten Tage“, erinnert sich an den historischen Hochpunkt seiner Biografie, als an einen Moment der Freiheit, in dem Gewalt zur Durchsetzung eines alternativen Lebens nahelag. Der große Augenblick vollzog sich in einem Autoritätsvakuum. In den Schulen wurde der Geschichtsunterricht ausgesetzt, weil sich kein Lehrer um Kopf und Kragen reden wollte.

Nach den (in der DDR gültigen) Lehren des Historischen Materialismus ist der Geschichtsverlauf unumkehrbar. Unaufhaltsam strömt er dem Kommunismus entgegen. Soweit die Theorie. In der Praxis von Neunundachtzig ließ sich nur der schlimmstmögliche Fall konstatierten: Der Klassenfeind stand im Klassenzimmer. Die Ohnmacht der Erwachsenen treibt Jugendliche auf einer verwunschenen, insular erlebten Randstelle der Hauptstadt in die Selbstermächtigung. Jonathan und sein allen vorausgehender Freund Strippe begreifen, dass sich „aus jeder Situation der Schwäche eine Situation der Stärke ergeben kann“, sofern man von einem passenden Narrativ „getriggert“ wird. Für die Adoleszenten geht es darum, sich ihr Leben zumindest sinnhaft zu erzählen. In ihrem Berliner Zipfel gründen sie das Imperium. Der Jugendbund bewährt sich in Opposition zu einer ausgreifenden Regression. Seine Akteure besetzen das „Gebürge“. So heißen öffentliche Räume im Volksmund der Da-Gegend. Irgendwo steht ein „grünes Ledersofa“, alle rauchen. Man spielt Mau-Mau.

Ein Stichtag gewaltiger Ereignisse ist der 11. September. Müller bezieht sich mit dem Datum auf D’Annunzios surreal geprägten Ein- und Aufmarsch in Fiume und auf „die zwei Flugzeuge in New York“.

Sein Westentaschen-D’Annunzio Strippe postuliert:

„Wir schmieden keine Pläne. Wir glühen.“

Strippe will zur Tat schreiten und ein Zeichen setzen. Wenn ich das richtig ahne, erscheint er seiner Gefolgschaft nicht mitreißend genug. Selbst D’Annunzio scheiterte, so wie jeder scheitert, der glaubt, dem Wahnsinn des Lebens wahnhaften Aktionismus zu schulden. Am Ende kehren die Protagonist*innen der Beharrung stets an ihre angestammten Plätze zurück.

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