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15.10.2019, Jamal Tuschick

Der fünf Tage zurückliegende Terrorangriff auf die Synagoge in Halle am höchsten jüdischen Feiertag beweist einmal mehr die Notwendigkeit eines Schulterschlusses der zivilgesellschaftlich Engagierten im Kampf gegen Rechtsextremismus.

Dünnes Konsenseis

Zwei Tote und mehrere Verletzte forderte der Terrorangriff auf die Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Die Deutungen des Anschlages zeigen einmal mehr, wie dünn das Konsenseis dieser Gesellschaft ist. Was sich da auf der Gegenschräge gewaltfreier Gemeinschaftlichkeit zusammenbraut, oszilliert in der Gegneranalyse zwischen radikalisierter Minderheit sowohl im Einsamer-Wolf- als auch im Rudel-Modus und der randlosen Annahme einer schweigenden Vielfalt.

Abwesend in den Betrachtungen sind jene, die in einem persönlich unmittelbaren Verhältnis zum handelnden Täter gestanden haben: Polizist*innen, Passant*innen: Verkehrsteilnehmer*innen. Es könnten historische Leistungen vollbracht worden sein im Beweis von Einzelmut.

Der Rechtsextremismus weiß sich nicht im Einklang mit der Dominanzgesellschaft. Da, wo es Überschneidungen gibt, gibt es Spannungen und Spaltungen, also Verwerfungen, deren Produkte verworfen werden. Die Risse in der Republik haben zweifellos manchen Ursprung im bürgerlichen Lager; doch haben sie da keine Legitimation.

Die Sprecher*innen auf dem Bebelplatz vor der Humboldt-Universität sprachen nach Schätzungen der Veranstalter*innen vor sechzehntausend angehaltenen Bürger*innen. Es kam keine(n) Repräsentant*in der Zivilgesellschaft, die nicht auch dieser Wut Ausdruck verliehen hätte.

Die Polizei zählte weniger Demonstrant*innen. Die meisten werden kaum auf dem Schirm gehabt haben, dass wir exakt ein Jahr zuvor eine Viertelmillionen Unteilbare auf den Straßen Berlins gewesen sind. Gemessen daran wären auch zweiunddreißigtausend Protestant*innen nicht viel gewesen.

Der Deutschlandfunk zum Thema

Die Autorin Linda Rachel Sabiers sieht die Attacke in Halle recht nüchtern: „Die Tat hat mich schockiert, aber nicht überrascht! Gedanklich ist dieser Mann kein Einzeltäter. Wir können uns als Juden erst sicher fühlen mit mehrheitlicher Solidarität und die ist nicht da. Es betrifft aber nicht nur Juden. Es betrifft jeden von uns.“  

Aus der Ankündigung von „Unteilbar“

Der rechtsterroristische Anschlag in Halle macht uns fassungslos und wütend. Wir gedenken der Opfer. Unsere Gedanken sind bei allen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, allen Betroffenen, Angehörigen der Opfer in und um den Imbiss und an den weiteren Anschlagszielen sowie bei allen, die sich längst nicht mehr sicher fühlen können.

Zwei Menschen kamen bei dem Terroranschlag ums Leben. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind nur knapp einem Massaker entgangen. Inzwischen ist klar, dass der Täter aus antisemitischen und rassistischen Motiven handelte. Die Tat mag er allein verübt haben, ein Einzeltäter ist er deswegen nicht – die Tat steht in einem Zusammenhang:

  • Jüd*innen, Muslim*innen, People of Colour und alle, die nicht in das menschenverachtende Weltbild der Rechten passen, können sich ihres Lebens nicht mehr sicher sein,
  • mehr als 200 Menschen kamen seit 1990 durch rechte Gewalt ums Leben,
  • gefestigte militante Nazistrukturen, das NSU-Netzwerk und rechte Netzwerke in Sicherheitsbehörden,
  • mangelnder Aufklärungswille, wie er sich im NSU-Komplex und bei anderen rechten Gewalttaten gezeigt hat,
  • eine nicht aufhörende Bagatellisierung der rechten Gefahr und eine Diffamierung und Behinderung demokratischen, zivilgesellschaftlichen und antifaschistischen Engagements,
  • und eine voranschreitende Normalisierung antisemitischen, rassistischen und menschenverachtenden Gedankenguts in den Parlamenten, den Medien und der breiten Öffentlichkeit.

Wir verstehen diese Tat auch als einen Angriff auf unsere Gesellschaft! Eine Gesellschaft, in der wir für soziale und Menschenrechte streiten und in der alle Menschen frei von Angst und selbstbestimmt leben können.

Antisemitismus, Rassismus und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind keine bloßen Meinungen, die eine demokratische Gesellschaft aushalten muss. Sie führen zu Unmenschlichkeit, Demütigung, Diskriminierung und Gewaltverbrechen. Dem stellen wir uns gemeinsam und entschlossen entgegen.

Wir stehen in dieser schweren Stunde solidarisch und vor allem unteilbar zusammen!
Wir fordern konsequente und lückenlose Aufklärung aller rechten Gewalttaten!
Wir rufen alle dazu auf, Haltung zu zeigen!
Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen.

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