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15.10.2019, Jamal Tuschick

„Heimatland und andere Geschichten aus Norwegen“ - Ihre Königliche Hoheit Kronprinzessin Mette-Marit ist Co-Editorin einer Sammlung kritischer Beiträge zum Thema Heimat.

Geschlechtlicher Ablass

Eingebetteter Medieninhalt

Vorbemerkung

In Norwegen duzen sich alle Bürger. Die Distanzform bleibt Angehörigen der königlichen Familie vorbehalten. Sie sind Außenseiter in einem Gesellschaftsspiel, das sich um Spots einer fadenscheinigen Egalität dreht. In einer Deutung der norwegischen Gegenwart lässt ein vorbildlicher, von jedweder Diskriminierung befreiter Sozialstaat keinen am Rand stehen.

Ingen mann venstre bak - No man left behind

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die öffentliche Hand erweist sich als lahm und taub gegenüber einer Reihe semi-prekärer Daseinsvarianten bis tief in einen, streckenweise flächendeckend ausgehöhlten Mittelstand hinein.

Das beschreibt Lotta Elstad in ihrem, auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Roman „Mittwoch also“. Ihre Heldin, eine dreiunddreißigjährige, formal freischaffende Publizistin haust in einem illegalen Dachausbau. Tatsächlich droht ihr Hunger, als sei sie eine Protagonistin des Elends im Globalen Süden. Ihre von Unabhängigkeit gekennzeichnete Vorgeschichte isoliert sie von staatlichen Unterstützungsprogrammen. Elstad beschreibt den norwegischen Sozialstaat als gleichgültigen Griesgram. Sobald sie die Rollen von regressiv gedimmten, mit Bauklötzen spielenden Stuhlkreisexperten verweigern, verweigert er den Verlierern jede Unterstützung. Geräuschlos kippt Elstads Freelancerin aus dem System. Und dann schwängert sie auch noch eine deutsche Niete namens Milo. Zu seinem filterlosen, alles auf einer Betrachtungsstufe egalitär bis zum Blödsinn abhandelnden Wesen gehört ein „schamloser Optimismus“.

Milos schamloser Optimismus reichert Lauren Berlants „Cruel Optimism“ paradox an. Deshalb die Schleife.

Zu

Siri Hustvedt, Karl Ove Knausgård, Dag Solstad u.v.a, „Heimatland und andere Geschichten aus Norwegen“, herausgegeben von I.K.H. Kronprinzessin Mette-Marit und Geir Gulliksen, aus dem Norwegischen von Paul Berf, Ulrich Sonnenberg, Ina Kronenberger, Uli Aumüller, Gabriele Haefs, Elke Ranzinger, Hinrich Schmidt-Henkel, Luchterhand, 324 Seiten, 20,-

Wencke Mühleisen erwähnt in ihrem Beitrag Berlants „Grausamen Optimismus“. Von Berlant stammt auch das schöne Wort „Depressiver Realismus.“ Er folgt dem grausamen Optimismus.

Sozialdemokratische Versprechen

Lässt eine Gesellschaft, die von ihr zur Aufrechterhaltung ihres Selbstbildes gesetzten Leistungsanreize leerlaufen, erzeugt sie eine Frustration, die Berlant als ein Merkmal sozialdemokratischer Nachkriegsgesellschaften schildert. Aus dem sozialdemokratischen Geist kam das Du für alle. Vor dem überfamiliären Näheformel sei Norwegen ein verspäteter Ständestaat gewesen, in dem ein restaurativ-rigides Klassenbewusstsein vorherrschte. Das schreibt Siri Hustvedt in „Zwei Norwegen“. Die Unberührtheit des Landes vom I. Weltkrieg habe Norwegen länger als andere europäische Staaten in einer anachronistischen Verfassung gehalten. Die in Amerika geborene Tochter einer Norwegerin und eines Bindestrich-Amerikaners mit norwegischem Migrationshintergrund beschreibt einschlägige Auswirkungen in den diasporischen Gemeinschaften norwegischer Provenienz. In den herkunftszentrierten Generationen blieben die Auswanderer so konservativ wie das Gros im Mutterland, um im postmigrantischem Stadium frei von Erblasten im weißen Amerika aufzugehen; anders als irisch stämmige und Italo-Amerikaner, die, so Hustvedt, nicht weiß gelesen wurden.

Skandinavische Skepsis

Dass sich kein folkloristischer Saum an der Peripherie der Amerikaner mit norwegischen Vorfahren ergab, lag daran, dass Norweger medial als tölpelhaft und Norwegerinnen als sexuell leichtfertig eingestuft wurden. Es gab, so Hustvedt, auch auf norwegischer Seite starke Vorbehalte gegen Amerika. Eingewanderte rieten Verwandten davon ab, es ihnen gleich zu tun. Das Heimweh grassierte, und nicht wenige kehrten verbraucht in die alte Heimat zurück, um nach einem Leben in der Fremde da nicht auch noch sterben zu müssen.

Einen ganz anderen Ton schlägt Wencke Mühleisen an. Sie erzählt von einer in Würden ergrauten, erotisch unterforderten Professorin in einer Gesellschaft, die sich etwas vormacht. Der akademische Nachwuchs zählt nur noch habituell zur Mitte.

Gehetzte in der Optimismusfalle

De facto befindet er sich in einem Verteilungskampf um befristete, das sozialstaatliche Ideal aushebelnde Verträge. Wie ein weiblicher Mandarin erhebt sich Mühleisens Erzählerin über die Gehetzten in der Optimismusfalle. Ständig müssen die Graduierten gute Miene zum bösen Spiel machen. Optimistischer und fröhlich fleißiger zu sein als andere in einer depressiven Realität räumt ihnen winzige Vorsprünge ein. Sie sind sich nicht zu schade für Distinktionsgewinne im Millimeterbereich, während die (ihre habilitierenden Hamster im Laufrad beobachtende) Professorin im vollen Ornat und mit den Insignien der universitären Macht auftritt.

Nicht, dass sie zufrieden wäre mit ihrer Lage.

Sie stellt sich auf eine Galeere mit „asexuell strengen Mutterfiguren“. Sie fragt: „Verlangt die (Macht von Frauen) einen „geschlechtlichen Ablass?“

„Die männliche Kompetenz wird (hingegen) zum erotischen Kapital“, schreibt Mühleisen. Ihre Erzählerin fühlt sich vom Alter degradiert und in die Kulissen gestellt. Sie findet kaum noch Beachtung. In der Unsichtbarkeit erkennt sie eine neue Freiheit und ein altes Unglück. Sie sehnt sich nach Körperkontakt und memoriert eine Affäre als Elevin mit einem verheirateten Lehrer. Sie will einen jungen Mann spüren. Sie lockt und verleitet ihn unter dem Vorsatz: „Begierde im Zeitalter des Neoliberalismus.“

So schließt sich ein Kreis zwischen dem kollektiven Du und einem heruntergekommenen Sozialstaat, in dem Postdoktoranden ihre Karriere liebedienerisch vorantreiben. Ich verstand den kritischen Ansatz erst, nachdem ich den Titel der Geschichte gegoogelt hatte. „#Shetoo“ - Es geht um weibliche Täterschaft … Ich fand das Andocken melierter Kulturbetriebspotentaten, die ihre Absichten mit Galanterie tarnten und jungen Frauen in Verlagen und Redaktionen vor den Augen unangenehm berührter Kolleg*innen ungezwungen Blumensträußen aufzwangen, schon immer so widerlich, dass ich darüber nie hinaus gedacht habe. Ließen sich die Verehrten nicht von den Greisen freien, wurden die Verehrer mitunter fürchterlich. Man schrieb noch Briefe. Mehr als einmal kam mir die denunzierende Post eines Abgewiesenen unter. Der kriegte dann eine männliche Bezugsperson und weiter gings.

Bald mehr.

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