MenuMENU

zurück zu Main Labor

17.10.2019, Jamal Tuschick

In dem ausgezeichneten Roman „Die Zeuginnen“ spielt Margaret Atwood mit dem Sujet der Doppelgesichtigkeit. Die Gleichzeitigkeit von Apostasie und Opportunismus ...

Postapokalyptischer Gottesstaat

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat (im Rahmen einer Doppelvergabe) den Booker-Literaturpreis 2019 erhalten. Ausgezeichnet wurde „Die Zeuginnen“. Der Roman setzt die 1985 erstmals erschienene Dystopie „Der Report der Magd“ fort.

Wenn der ökologischen die politische Katastrophe folgt

„Zu viel dies, zu wenig das.“

Eine erschütterte Natur hebt die Vereinigten Staaten aus den Angeln. Fundamentalisten etablieren auf den Ruinen der Demokratie eine Diktatur. Die Kommandanten-Junta entmündigt und enteignet alle Bürgerinnen. „Plötzlich ermächtigte Handlanger“, denen bis dahin nie etwas gelungen ist, stabilisieren im Nu das Terrorregime. Es wird interniert, selektiert und eliminiert.

Im Gegenzug nimmt die Frauenfluchthilfe den Betrieb auf.

Eingebetteter Medieninhalt

Qualifiziert vom Liebreiz spielen sie in der Auswahlmannschaft für die Champions League eines postapokalyptischen Gottesstaates auf der nordamerikanischen Landmasse. Unterworfen den Gesetzen von Gilead und versprochen den Söhnen einer militärisch militarisierten Nomenklatura beschränkt sich die Ausbildung der „Kostbaren Blumen“ in der Einübung dekorativer Fähigkeiten.

Margaret Atwood, „Die Zeuginnen“, Roman, aus dem Englischen von Monika Baark, Berlin Verlag, 572 Seiten, 25,-

In Gilead dienen Blindbände wie Blumen der Dekoration. Ledig muss bleiben, wer alphabetisiert wurde. So will es der Kodex im Geist einer alttestamentarischen Ordnung.

Agnes, eine der Auserwählten, macht Angaben wie bei einer Vernehmung. Außer ihr dokumentiert die mit einem Denkmal geehrte Leiterin des „Hauses Ardua“ herrschende Verhältnisse. Lydia überwacht das Training der „Tanten“, die als rigorose Gouvernanten der misogyn-pervers-puritanisch-repressiven Ordnung dienen. Sie erscheint „nebulös“ und viel mehr legendär als lebendig.

Zu einer anderen Zeit war Lydia Familienrichterin. Sie besteht darauf, gerecht gewesen zu sein. Nun bekennt sie sich zu einer „unnachsichtigen Praxis“; vielleicht auch zur Vermeidung einer „moralischen Panik“, deren Auslöserinnen die Zuchtmeisterin in einer Handtasche mit sich herumschleppt. Das sind verbotene Bücher. Lydia setzt den Titel Apologia Pro Vita Sua (John Henry Newman) zur spiegelfechtenden Verteidigung einer Parallelexistenz als Dissidentin ein. In ihren Leserinnen vermutet sie Verräterinnen. 

Atwood zeigt die Doppelgesichtigkeit des Menschen. Sie beleuchtet die Gleichzeitigkeit von Apostasie und Opportunismus. Auf der Reeperbahn des Überlebens werden soziale, sozial-indifferente und antisoziale Stränge zusammengedreht. Ein effektiver Dikator funktioniert wie ein Totalisator. Er hält die Unterworfenen in einem Überbietungswettbewerb fest. Sie konzentrieren sich in der Konkurrenz. Lydia verkörpert offen die Macht und verborgen deren Feindin. In der Vergegenwärtigung dieser Komplexität begreife ich wieder einmal, was man als Intimvertrauter der Literatur nebenbei auch ist: ein Sprengstoff- und Drogenexperte. Die Sprache ist ein Universalschlüssel zu den Explosivarchiven so wie zu den Giftschränken der Menschheit.

Die Apostasie/Opportunismus-Korrelationen drängen sich auf den Strecken pädagogischer Ableitungen auf. Atwood steuert den Verwerfungspunkt in Varianten an. So ist das Haus Ardua eine Bibliothek und insofern ein eingehegter Antagonismus in der weithin buchlosen Gesellschaft. 

Schließlich spricht Nicole, eine Überschreiterin der Grenzen, die Gilead isolieren. Die gerettete Tochter einer „Magd“ lebt in Kanada, ist da aber vor Agent*innen aus ihrer ersten Heimat nicht sicher. Davon weiß sie lange nichts. Nicole wächst als angenommenes Kind bei einem Trödelhändler*innenehepaar auf: in einer chronisch gegenwärtigen Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen die Fridays for Futur-Aktivist*innen, auf der anderen, Klimawandelleugner*innen.

Alle Konsensampeln stehen auf Rot. Es herrscht Unversöhnlichkeit auf der ganzen zersplitterten Linie.  

Wie peinlich ihre Lage ist, begreift Nicole erst nach der Ermordung ihrer Versorgungseinheit. 

Lydia, Agnes und Nicole sind die „Zeuginnen“. Auf ihre Beobachtungen und ihre Urteilskraft nimmt eine Metafiktion Bezug.

Der Alltag vollzieht sich in rustikaler Monotonie. Obwohl er in der Zukunft siedelt und seine Reflexion noch weiter vordatiert ist, passt die Auskleidung des Geschehens eher zu einer knirschenden, vom Anverwandlungsfuror ins Phantastische gedrehten Historien-Darstellung. Atwoods Kolorierungen rammen den Kitsch. Gut ist die Autorin in ihren Übersetzungen biblischer Gleichnisse. 

Aus dem Verlagsprogramm

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr „Report der Magd“ wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.

In den Wahrnehmungen der Zeuginnen ballt sich die Unterschiedlichkeit. Ihre Perspektiven erzeugen drei Dimensionen. Aus der Romantiefe taucht das Ungeheuer des Totalitarismus mit interessanten Fragen auf. Zum Beispiel: Was passiert einer Gesellschaft, die kein kritisches Bewusstsein aufkommen lässt? Schaltet sie sich selbst ab, indem sie diese Erneuerungsinstanz ausschaltet? 

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen