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17.10.2019, Jamal Tuschick

Alina Bronsky erzählt in „Der Zopf meiner Großmutter“ eine Einwanderungsgeschichte aus der Perspektive eines abgeklärten Kindes.

Pseudopantoffelheld

Dass es für jedes Leben mehr als eine Version gibt, ist eine Lektion, die Max früher lernt als die meisten. Dabei helfen dem Grundschüler die Hausschuhe seines Großvaters Tschingis. Es gibt davon zwei Paare.

Man kann den Punkt auch anders ansteuern. Aber vorher möchte ich erzählen, dass Max zwar keinen Begriff davon hat, was in Tschingis steckt, aber trotzdem bei seinem Großvater Potential vermutet. Schon mit sechs bringt er es fertig, zwei diametral entgegengesetzte Perspektiven zu synchronisieren. Frühreif wettet er gegen die bloße Anschauung. Max kennt Tschingis als Zurückweichenden, von seiner Geduld förmlich lahmgelegten Pseudopantoffelhelden. Das entspricht der offiziellen Lesart. Sie wird gefördert von Tschingis‘ Frau, die um ihren Mann wie um einen Säugling fürchtet.

Alina Bronsky, „Der Zopf meiner Großmutter“, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 214 Seiten, 20,-

Die andere Lesart geht so: Max erkennt in Tschingis einen alten Steppenfuchs, der das ausufernde Wesen seiner Frau zu ignorieren die Kraft besitzt. Zudem zeichnet ihn die Unverfrorenheit aus, mit der Wohnheimnachbarin Nina, die als Klavierlehrerin auch eine Rolle im Leben des hin- und hergerissenen Max spielt, ein Kind zu zeugen. Mehr muss man zu den Hausschuhen nicht sagen.

Ninas Augen haben „die Farbe von deutscher Milchschokolade“. Sie ist „die sanfteste Person“ im Leben des Erzählers. Max ahnt das Begehren des Großvaters. Es atmet in ihm. 

Mentale Buchführung

In der postmigrantischen Gesellschaft bestimmt eine Ungleichzeitigkeit die Kurse, die in den Diskursen vernachlässigt wird. Da viele Migrationsbiografien nicht mehr mit den Belastungen einer Einwanderung verbunden sind, und außerdem die Tendenz vorherrscht, Neueinwanderer mit Geflüchteten zu identifizieren, fällt der postsowjetische Exodus im Verlauf der 1990er Jahre unter den Tisch der Betrachtung. Ich nenne die Gründe. Erstens bleibt die Unterscheidung zwischen den sogenannten Russlanddeutschen und anderen Einwanderern aus der UdSSR, wie etwa den sogenannten Kontingentflüchtlingen, grundsätzlich so unscharf, dass eine Art Repatriierung angenommen werden kann, wenn man sich weiter nicht damit aufhalten will. Zweitens sorgte eine kulturelle Nähe zum mitteleuropäischen Kanon für eine Verschleierung von Dissens & Differenz. Drittens bewirken der Aufstiegswille und die formale Anpassungsbereitschaft der Einwanderer aus den GUS-Staaten, dass man sie nicht außerhalb der Mehrheitsgesellschaft vermutet/ansiedelt. Das Phänomen bietet sich als Beispiel für mentale Buchführung an. Ich komme darauf zurück, wenn wir uns wieder mit Richard Thaler beschäftigen. Der ungenaue Blick unterschlägt, dass die direkten Nachkommen dieser Einwanderer selbst Einwanderer sind. Das separiert sie von jenen, die zwar einen Migrationshintergrund, aber keine Einwanderungserfahrungen haben.  

Die treibende Kraft

Alina Bronsky thematisiert diese Nähe zum Ursprung jener Kraft, die den Auswanderungswillen antrieb. Bronsky exponiert den „neunstöckigen Wohnblock, in dem wir vor der Auswanderung gelebt hatten“. Ihr Erzähler ist etwas gegenwärtig, was die meisten ethnisch differenten Deutschen und in Deutschland lebenden Ausländer*innen nur vom Hörensagen kennen. Er erinnert die erste Heimat seiner alles beherrschenden Großeltern als seine eigene erste Heimat. Er teilt mit den Alten das Schicksal eines Kontingentflüchtlings.

Als Kontingentflüchtlinge bezeichnet wurden zuerst Vietnamesen, dann Albaner und schließlich Juden aus den GUS-Staaten:

„Nach Angaben des Bundesverwaltungsamtes und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind zwischen 1991 und 2004 insgesamt 219.604 jüdische Zuwanderer nach Deutschland gekommen. Im Jahr 2004 wanderten 11.208 jüdische Zuwanderer zu, womit sich der abnehmende Trend weiter fortsetzte. Zum Vergleich: Im oben genannten Zeitraum sind rund 1,9 Millionen Spätaussiedler aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik eingewandert.“ Wikipedia

Interessant ist, dass die der jüdischen Auswanderung zugerechnete Großmutter kein Hehl aus ihrem Antisemitismus macht. Sie ist mit ihrer Familie unter „Vortäuschung falscher Tatsachen“ in den „goldenen Westen“ vorgestoßen und begegnet da den Indigenen mit dem rabiaten Hochmut der Pionierin.

Max erklärt sie die Sache so, dass der Enkel begreift, dass man ihm notfalls auch einen Arierpass ausstellen kann. Die Jüdin, die zur Auswanderung gebraucht wurde, war die Schwägerin eines Onkels jenes legendären Opas, der in der Handlungsgegenwart Max zwar war wie ein alter Mann erscheint, jedoch in meiner Perspektive mit seinen fünfzig Jahren allenfalls am Anfang des Abbaus steht.

Die Großmutter gibt Max Rätsel auf. Sie steckt voller Widersprüche und nimmt sich von allem selbstehrend aus. Wenige haben die Traute, der Giftspritze zu widersprechen. Auch Max übt vorauseilenden Gehorsam. Er ist erschreckend abgeklärt und zuvorkommend.

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