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18.10.2019, Jamal Tuschick

Mit Revolver und Rollator – In „Ein Schuss ins Blaue“ jagt Robert Fallner einen Kalifat-Killer, während rechtsradikale Seilschaften im Staatsapparat ihre Schlingen auslegen. Als Rollator-Pilot getarnt, durchkämmt der antifaschistische Privatermittler und bayrische Kopfgeld- und Freiheitskämpfer den Münchner Untergrund. Er streift den NSU-Sumpf: „Wenn man den Mord an (Michèle Kiesewetter) ... als ungeklärt bezeichnet, ... dann muss das gesamte Verfahren gegen die Nazi-Terrortruppe neu aufgerollt werden." Ein handschriftlich verfasster Brief löst Erinnerungen an die bundesrepublikanische Steinzeit aus. Fallner stößt auf das Phänomen der Formwandler. Das sind humanoid-reptiloide Erben der in lateinamerikanischen Kellerlaboratorien verbesserten faschistischen Weltmachtergreifungsformel. Die Zwischenwesen setzen alte und neue Nazis als dolose Werkzeuge für ihre Zwecke ein.

Ein Fall für Fallner

Eingebetteter Medieninhalt

Den Firmensitz von Saftey International Security findet man da, wo Geschäfte in der Blackwater-Grauzone so unvermeidlich erscheinen wie hinterhöfische Kobrafarmen in Vietnam: nahe dem Bahnhof an einer Magistrale des Niedergangs und der kleinen Lösungen.

Franz Dobler, „Ein Schuss ins Blaue“, Roman, Klett-Cotta, 283 Seiten, 20,-

Inzwischen firmiert Blackwater unter dem Dach von Academi. Ein Ableger hört auf den wappenstolz-prunkenden Namen International Development Solutions. Das klingt deutlich steiler als Saftey International Security. Man hört förmlich den Unterschied zwischen transkontinental und, wenn es hochkommt, überregional.

Academi ist ein weltweit agierender Sicherheitsdienstleister „für Regierungsbehörden“ (Wikipedia) und unterhält außerdem einen High End-Shaolin Tempel für Söldner-Supplikanten und -Replikanten auf dem Weg zum perfekten Androiden.

Seit Jahren liefert Franz Dobler Gegenmodelle zu dem Master-of-the-Universe-Design der Schwarzwasser-Reaktionäre in all ihren schillernden Schattierungen. Der Autor schildert die Heimstatt von Saftey International Security als des Helden Bruders „Bude, Burg und Bunker“ über einem Untergrundlabyrinth mit Überlebenstunnel; im Dunstkreis von Phone-Boutiquen und Alkoholtankstellen; auf einem Schauplatz migrantisch-anarchisch-fluider Betriebsamkeit.

Im Bauch der Burg residiert der „Chef“ als Arbeitgeber von Kontrasttypen. Das sind verbrauchte Idealisten, die sich auf den Strecken persönlicher Niederlagen kaum mehr bewahrt haben als ihre Waffentüchtigkeit. Zur Erheiterung des Publikums treten sie in einem Panoptikum zivilgesellschaftlich couragierter Expert*innen auf. Star des Ensembles ist ein Ex-Polizist. Sein Schöpfer schickt Fallner als Fleisch gewordenes Veto gegen Rassismus aufs Feld.

„Sie standen etwa in der Mitte des Bahnsteigs, vier gegen eine, die weißen Männer gegen die schwarze Frau.“

Fallner täuscht Schwäche vor, er wiegt den Feind in Sicherheit, „er (zieht) seine Pistole … (und rammt) den Lauf mit aller Kraft frontal gegen die Schulter“ eines Rassisten.

*

Alles knirscht. Nichts macht mehr Spaß. Fallners schwergängiger Charakter lässt der Leichtigkeit des Seins wenig Luft zum Atmen. Als Nährvater einer „taffen Zwölfjährigen“, die als „Ossigirl“ (auch) mit Gott und der Kirche nichts anfangen kann, laviert er in einem permanenten Erklärungsnotstand. Fallner erkennt: Was er sich zurechtgelegt hat, um durchzuhalten, hält einer hochenergetischen Überprüfung nicht stand. Nadines Neugier zeigt ihm, wo es bei ihm hakt. Er ist zu früh in die Gleitphase gegangen, er muss noch einmal zurück aufs Hochseil. Er hat nicht das Recht, sich aufzugeben. Das begreift Fallner im Trommelfeuer der Fragen einer Heranwachsenden, die mit Fallners erschöpfter Weltsicht in einer erlösenden Weise nichts anfangen kann.

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