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18.10.2019, Jamal Tuschick

In Kjersti Annesdatter Skomsvolds Roman „meine gedanken stehen unter einem baum und sehen in die krone“ erzählt eine verliebte Mutter ihrer soeben geborenen Tochter von den Wundern und Fährnissen des Lebens.

Verständnislose Empfänglichkeit

Eingebetteter Medieninhalt

„Schreien hilft nicht“, sagt die Hebamme im Kreißsaal. Das erzählende Ich schreit trotzdem: in einer Gebärbadewanne.

Gebären, Halluzinieren, Imaginieren

Es halluziniert sich in einen Wald und imaginiert die titelstiftende Szene. Blätter klammern sich an Äste wie das Kind sich kommunikativ an die Mutter klammert.

Kjersti Annesdatter Skomsvold, „meine gedanken stehen unter einem baum und sehen in die krone“, Roman, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein, Hoffmann und Campe, 127 Seiten, 20,-

Nichts beschönigen will die Erzählerin im Zwiegespräch mit ihrer Zweitgeborenen. Die Mutter spricht begeistert in eine verständnislose Empfänglichkeit hinein. Immer wieder kehrt sie in ihren Phantasiewald zurück, um das gerade unter Aufbietung aller Kräfte auf die Welt Gebrachte vor der Welt zu bewahren. Dabei erscheint sie so fürsorglich wie flüchtig.

„Ich glaube im Wald zu sein, ist, wie Gedichte zu lesen.“

Die Erzählerin sagt es von einer Geschichte und könnte es von allen Geschichten sagen:

„Das ist keine Geschichte, die man seinem Kind erzählt.“

Die Mutter spricht zu der Erwachsenen, die ihre Tochter einmal sein wird. Sie transferiert ihr Gedächtnis projektiv mit der Erwartung, die Nachkommende sei im Kontext dieser Paarbildung genauso angebunden wie sie selbst. Während die Erzählerin eine notwendige Freiheit und deren zwangsläufige Folgen ignoriert, paraphrasiert und evoziert die Autorin das Thema der voraussehbaren Entfremdung.

Das macht den kleinen Roman komplex. Skomsvold unterläuft und korrigiert Neigungen einer Überschäumenden, die es nicht versäumt, die Hotelbetten zu erwähnen, die als Zeugungsplätze erwogen wurden. Zu Spekulationsobjekten werden die Mietlager, da es die Erzählerin für möglich hält, dass sie die Erwählte ihrer Tochter ist. Immer wieder passt sie nicht auf und verläuft sich, in einem Botanischen Garten genauso wie im Text.

Komplex ist auch das Verhältnis zwischen der Erzählerin und dem Erzeuger eines überwältigenden Du. Der leibliche Vater dient einer großen Wut als Vorlage. Er figuriert als Kranker voller Angst und Alkohol. Doch geht von dem „Gespenst der Vergangenheit“ keine Gefahr mehr aus.

Die Erzählerin, das ist die Moral, agiert im Zenit. Sie hat (sich) entbunden. – Und dann gibt es auch noch einen zwischen den Polen Nähe & Distanz nahezu perfekt eingestellten Gesellen namens Bo. Die Schilderung seiner Rolle vollendet das Bild einer sich alles Mögliche einverleibend Zuführenden.

Skomsvolds Porträt einer Egomanin lässt den Leser nicht kalt.

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