MenuMENU

zurück zu Main Labor

19.10.2019, Jamal Tuschick

Der Journalist Peter Maxwill konstatiert in seiner Reportage-Sammlung „Die Reise zum Riss. Berichte aus einem gespaltenen Land“ das Ende der deutschen Konsenskultur.

Der „Spiegel“ als Revisionsinstanz

Eingebetteter Medieninhalt

Stets heißen sie anders als im Buch: zur Wahrung ihrer Persönlichkeitsrechte. In einer freien Gesellschaft möchten sie sich frei äußern, ohne anderen die Freiheit der personalisierten Gegenrede einzuräumen. Ich sage es noch einmal: Anonymität ist Feigheit. Leute, die mit einer Motorradhelmunterziehhaube auf der Nase oder sonst wie maskiert breitbeinig werden, untergraben den demokratischen Diskurs.

Peter Maxwill, „Die Reise zum Riss. Berichte aus einem gespaltenen Land“, Ullstein, 270 Seiten, 11,-

Torben Müller (Name von der Redaktion geändert) ist einer dieser geistigen Rollmöpse, die sich immer schon jede Menge zurechtgelegt haben, für den Fall das ein Journalist aufkreuzt und sie den Augenblick gekommen sehen, mit in die Luft stechendem Zeigefinger im Nein-Aber-Modus spitzfindig zu werden.

Für solche Torben sind Journalisten Spiegel, in denen sie sich vergolden. Für Journalisten haben solche Torben Containerfunktionen. Unter der Überschrift „Der besorgte Mann“ präsentiert Maxwill Torben M. als Max Mustermann in der Rolle des Wutmops.

Müller erstattete Anzeige gegen eine Seenotrettungsinitiative im Kontext europaweiter Geflüchteten-Hilfe. Die Ermittlungen wurden eingestellt, Müller erachtete den Spiegel als Revisionsinstanz. Obwohl er den Pressekontakt gesucht hatte, zierte er sich bei der Anbahnung einer journalistischen Prüfung seines Falls. Maxwill scheint an diese Schizophrenie so gewöhnt zu sein, dass er darüber kaum ein Wort verliert. Im ersten Gespräch von Angesicht zu Angesicht wird nichts deutlicher, als dass Müller lediglich einen Abfluss für einen stereotypen „emotionalen Reflex“ sucht, den die Soziologin Cornelia Koppetsch als Reaktion „auf einen Epochenbruch“ darstellt. Maxwill erzählt, was Koppetsch analysiert. Ich kürze mit Koppetsch ab: Polythematisch verbunden sich die Problemkreise Weltfinanzkrise, Müllers Stichwort „Griechenlandrettung war Bankenrettung“, „Flüchtlingskrise“, Müllers Stichwort dem Sinn nach: kulturfremde Verschärfer*innen des binnendeutschen Wettbewerbs plus der Warnung vor Rassismus als logischer Folge der Verteilungskämpfe, und drittens die voll verkalkte wahlweise verkrustete Elitenmuschel.

Die emotionale Entfremdung des Führungspersonals vom Fußvolk - Müller spricht Maxwill gegenüber genau die Punkte an, die zur Pseudo-Rationalisierung der Verstörung von AfD-Wähler*innen notorisch gelistet werden. Wo Maxwill konstatiert, bilanziert Koppetsch: Es geht den Rechten um Re-Nationalisierung, Re-Souveränisierung und Re-Vergemeinschaftung.

Anders gesagt, alle Rechten mit Abitur sagen das Gleiche.

Früher war Müller in der FDP, jetzt ist er zornig. Wer sich vom Zorn verleiten lässt, stellt sich ein Armutszeugnis aus. In manchen Weltgegenden gilt er schlankweg als Depp. In Deutschland ist trolliges Grollgerede aber kein Problem. Torben M. bietet den freien Lauf seiner Gefühle in einer Dresdner Trattoria an. Dafür kassiert er Aufmerksamkeit. Er macht gerade ein schlechtes Geschäft nach der Devise

lieber Bad Boy als Nobody

und merkt es nicht.

So wie linksradikal nicht sein kann, wer sich öffentlich dagegen verwahrt, mit Leuten in einen Topf geworfen zu werden, für die Polizist*innen „Bullen“ sind, so kann man sich als rechtsdrehender Dissident der Altparteienrepublik von so vielem, was als neurechtes Allgemeingut kursiert, nicht distanzieren, dass es auf den rechtstaatlichen Rest gar nicht mehr ankommt.

Daraus ergibt sich eine Dynamik im Regelkreis der selbsterfüllenden Prophezeiung. Kein Maxwill muss zum Relotius werden. So ein Container-Torben läuft ganz von selbst stellvertretend für die schweigende Mehrheit zu seiner Hochform auf. Sturm läuft er gegen ein Regime transnational-individualistischer „Markt- und Selbstverwirklichungskulturträger*innen“ (gegenderte Koppetsch), die sich der Idee von einem Volk als Gemeinschaft intrinsischer Exklusivität verweigern.

Maxwill belegt seine These vom Riss, der zur neuen Mauer geworden ist, mit Müllers Gegenspieler Axel Steier. Er schildert den angezeigten Flüchtlingshelfer als linken Aktivisten, „aber ein Linksextremist ist er augenscheinlich nicht“; so wie Müller nicht zum Konterrevolutionär taugt. Die Kontrahenten erleben den Status quo als Debattenverhärmung. Beide äußern Sorge. Beide sehen „den Grat des Zivilisatorischen“ schmaler werden. Beide halten sich für Männer guten Willens.

Maxwills Porträt eines Streits unter Nachbarn lässt seine Leser*innen ratlos nach dem nächsten Titel greifen. Man könnte auch mal wieder ein Lied hören und in den Galeriewäldern am Rand der Viralsteppe nach seltsamen Erscheinungen Ausschau halten.

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen