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19.10.2019, Jamal Tuschick

Norwegen in der Literatur - Heute: „Viga-Ljot und Vigdis“. Der Roman von Sigrid Undset erschien zum ersten Mal vor hundert Jahren. Ausgangspunkt des Geschehens ist eine ökologische Katastrophe im frühen Mittelalter.

Gepresste Epik

In Island wurden im Rodungsfuror der norwegischen Landnahme Wälder vernichtet. Also musste man sich schon im Mittelalter sonst wo mit Bauholz eindecken. 

Eingebetteter Medieninhalt

Zwei Isländer, der eine jung, der andere alt, wenigstens gemessen am Epochenmaßstab, doch jeder für sich in seinem Zenit stehend, fahren in die Heimat ihrer Vorfahren, um da „Bauholz zu kaufen“. So beginnt ein vor über hundert Jahres erstmals veröffentlichter Roman von Sigrid Undset. Zwei historische Marken stehen wie denkmalgeschützte Torwächter vor den Spielräumen der Nordmänner.

Sigrid Undset, „Viga-Ljot und Vigdis“, Roman, aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Hoffmann und Campe, 188 Seiten, 24,-

Erstens erscheint der in einem Satz abgehandelte Fernverkehr zwischen Island und Norwegen selbstverständlich, wenn auch nicht selbstverständlich im Sinn einer sicheren Angelegenheit. Undsets Schilderung evoziert die Vorstellung von einer skandinavischen Reisefreiheit im großen Stil. Die Freiheit war ohne Risikobereitschaft nicht zu haben. Raub, Mord, Entführung und Vergewaltigung liegen auf einer Linie des Alltäglichen in Undsets Saga-förmig abgefassten Berserker-Gutschrift. Wer nicht töten kann, soll auch nicht leben. Das ist die Quintessenz in gepresster Epik. Transportiert wird sie vom weiblichen Personal. Die Verführerischste von allen sagt einmal verächtlich: Ich glaube nicht, dass er töten können wird. Der so Herabgesetzte ist ihr Sohn, hervorgegangen aus einer Vergewaltigung. Die Geschändete rühmt sich, keine Träne im Kampf vergossen zu haben.

Ich stieß auf den Rigorismus vor ein paar Wochen in Jo Nesbøs neuem Roman „Messer“.

„Mit etwas Training erkannte man an ihren Augen, ob sie Wiederkäuer waren und dem Teil der Menschheit angehörten, der den Instinkt zu töten verloren hatte.“

Um auf Punkt Eins zurückzukommen. Als verifizierte Ahnung taucht Amerika am Horizont auf. Aber davor geht es um die zweite Etappe der geglückten Kolonisierung in der Regie von Erik dem Roten, der einer Bluttat wegen zum Pionier in Grönland wurde.

Zweitens dreht sich die Spindel um ein Beispiel für Wüsten von Menschenhand. In Island wurden im Rodungsfuror der norwegischen Landnahme Wälder vernichtet. Schon im Mittelalter musste man sich sonst wo mit Bauholz eindecken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sigrid Undset (1882-1949) den Punkt problembewusst ansteuerte. Das macht die Sache umso interessanter. Migration und Umweltzerstörung bilden das Eingangsspalier, ganz so als hätte eine geschmeidig Gegenwärtige den Roman am Reißbrett entworfen. Doch erscheint es unwahrscheinlich, dass für die Nobelpreisträgerin von 1928 mit dem Einstieg eine heutige Absicht verknüpft war. Die Autorin brauchte ein Motiv, um eine andere Verknüpfung von Jedem-Anfang-wohnt-ein-Zauber-inne mit Tragik beziehungsweise mit dem abgestandenen Es-kommt-immer-anders-als-man-denkt belegen zu können. Ihre Helden, verwandt im Verhältnis von Onkel und Neffe, gehen in Romerike an Land. Ljot verguckt sich da in die Großbauerntochter Vigdis. Sie tanzt ihm auf der Nase herum, er wird nicht schlau aus ihr. Er ist noch zu jung, um zu begreifen, dass er auf dem Prüfstand steht. Ljot wird gewogen, er wiegt schwer genug; hat er doch das Zeug zum Häuptling.

Die Ereignisse vollziehen sich im ersten Jahrhundert des ersten christlichen Jahrtausends. Alles geschieht sehr gedrängt und unmittelbar. Ein abgewiesener Verehrer kann zum Wolf werden, der ein Anwesen so lange umschleicht, bis er eine Lücke entdeckt oder final zurückgeschlagen wird.

Man führt Stellvertreterkriege mit Pferden, die sich aufführen wie Menschen. Angst und Stolz liegen mit wechselndem Gewicht auf der Waage der Empfindungen. Die Stadien des Lebens werden wie bei einer Prozession abgeschritten.

Ein großer Bauer ist zumindest ein kleiner Fürst. Daraus folgt, dass Vigdis als kapitale Braut den Heiratsmarkt aufmischt.

Das Buch ist nicht dick genug, um sich darin verirren zu können. Die Geschichte entblättert sich im Nu. … Romerike ist ein südnorwegischer Landstrich. In der Handlungsgegenwart wird da ununterbrochen Holz geschlagen. Die Zerstörung der Vegetation nimmt allmählich isländische Dimensionen an. Das wirkte sich natürlich aufs Klima aus. Ich stelle mir Kapitänin Rackete hoch zu Ross an der Spitze fußläufiger Extinction-Rebellion-Aktivist*innen vor. Man ist lustig auf dem Weg zum Camp am Großen Stern (stor stjerne). Noch ist der Wald dicht genug, um Vigdis Deckung zu geben. Sie nennt ihren Sohn, der ihr von Ljot aufgezwungen wurde, einen „Köter“. Sie will ihn hetzen und heiß machen, auf dass er einmal seinem Erzeuger die Gurgel zerbeißt.

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