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20.10.2019, Jamal Tuschick

„Child in Time …“ - Jede Schicht birgt eine Gegenerzählung. Josef Haslingers illustrierte Geschichten türmen sich wie kollidierendes Treibeis hochfahrend-splitternd.

Spekulativer Plural

Mit fünfzehn hört Josef H. zum ersten Child in Time. Eines Abends „zog Frater Dominic eine Platte aus dem Schrank, auf der Hülle Mount Rushmore mit den Köpfen von fünf Langhaarigen: Deep Purple in Rock hieß das Album.“

Eingebetteter Medieninhalt

Da ist dieses Küchenmädchen „auf einem Gutshof in Baden bei Wien“. Es sticht einem im Zivilleben ergrauten Dragoner ins Auge. Gerade hat die Belle Époque ihren Geist aufgegeben, der Dragoner ist ein Bauernkrieger. Er zieht nicht nur ins   Feld. Er kommt auch vom Feld. Als es an ihm ist, sich um den trommelnden Tod herumzudrücken, ist die Magd in anderen Umständen. Vier Jahre später „macht (sie) sich auf den Weg ins Waldviertel“. Sie fragt sich durch und findet den Vater ihres Kindes schließlich „auf dem Feld“.

Josef Haslinger, „Child in Time. Ein literarisches Bilderbuch“. Fotografisch eingerichtet von Maix Mayer, Faber & Faber, 124 Seiten, 20,-

Er weist sie ab, sie quartiert sich im Dorf ein und lässt es darauf ankommen, bis für den Bauern die Schande zur Not wird. Als ungeliebte Bäuerin fristet sie ihr Dasein. Sie bleibt die Fremde aus Mähren; eine Frau, der Sprachen zur Verfügung stehen, die sonst keiner spricht im Dorf. Sie kennt Gedichte; den Erzähler lehrt sie Reime. Josef lernt, dass der Reim dem Gedächtnis hilft.

Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will. Cees Nooteboom

Josef erscheint Jesus wie ein Teddybär. Die Großmutter spricht erlöst in die Unbefangenheit des Enkels hinein. Er strahlt sie an und zeigt sich empfänglich. Ich stelle mir vor, dass er ihre Sonne war. Nicht vorenthält sie ihm ihren Augenblick der Bedeutung für die verstockte Gemeinde. Als nach dem II. Weltkrieg die Russen kamen, da konnte sie mit ihnen verhandeln.

„Was sie plötzlich so wichtig machte, war ihre Sprache.“

Die Geschichte ist unglaublich. Ich lese sie wieder und wieder, fasziniert von ihren kaum auftragenden Schichten. Jede Schicht birgt eine Gegenerzählung. Die Geschichten türmen sich wie kollidierendes Treibeis hochfahrend-splitternd. Mancher Einfall hängt verborgen wie ein Nest unter der Traufe.

Josef wächst in einem Milieu auf, dem alles Akademische so fern liegt wie Afrika. Jeder hat solche Verwandten, die nach der Devise:

Lieber ein Schwein schlachten als ein Buch lesen

den Geltungsdrang des Höheren verhöhnen. Jeder hat so einen bramarbasierenden Schlachter zur Verfügung, der als Onkel oder Großneffe das Recht besaß, an einer langen Sonntagstafel den Blutsäufer zu spielen.

Nicht einen Studenten kann das Dorf aufbieten. Zum „Sound der Kindheit“ gehört auch der „kohlrabenschwarze …“. Haslinger behauptet in einem spekulativen Plural, dass wir als Erinnernde kaum in der Lage seien, die Bedeutung herabsetzender Bezeichnungen „auf rassistische Implikationen“ zu durchforsten.

„Es gibt kein Argument gegen Erfahrung“, weiß der Autor. Wie viele Schriftsteller geriet er als Heranwachsender an einen Geistlichen, der sich wegen ihm Hoffnungen machte. Wer in Berufungskategorien fühlt und sich von schnöder Erwerbstätigkeit ausgenommen weiß, riecht nach Seelsorger; nach einem, der nie richtig gearbeitet und natürlich auch nicht bei der freiwilligen Feuerwehr mitgemacht hat.

Ein böses Versäumnis. Es holt einen ein. So weit weg kann man gar nicht laufen, als dass man den Folgen verweigerter Verpflichtungen entkäme.

Ein Kleinbauer aus dem Unterdorf verwechselt seine Kinder, so dass ihn alle auf die gleiche Weise fürchten müssen. Seine Ahndungen verbreiten die Botschaften: ohnehin könne er n seinem Geltungsbereich keinen Falschen treffen.

Im Internat ist es nicht besser. Es ist nur anders übel. Mit fünfzehn hört Josef H. zum ersten Child in Time.

Eines Abends „zog Frater Dominic eine Platte aus dem Schrank, auf der Hülle Mount Rushmore mit den Köpfen von fünf Langhaarigen: Deep Purple in Rock hieß das Album.“

Ich höre jetzt Haslingers Titellied, froh, dass mir das immer noch Freude macht. Ich war dreizehn, als ich zum ersten Mal Smoke on the Water hörte. Ich saß in einem nach Magnesium, Schweiß und ungewaschenem Zeug stinkenden Käfer, Monster drehte den Lautsprecherregler auf Anschlag …

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