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22.10.2019, Jamal Tuschick

„Antisemitismus (kann) unter den 15 bis 22 Millionen in Europa lebenden Muslimen nicht auf Ausnahmen reduziert werden, sondern (ist) so weit verbreitet, dass Judenhass oft die Norm bildet.“ Mit dieser Einschätzung von Günther Jikeli argumentiert Matthias Küntzel in seiner historischen Bestandsaufnahme „Nazis und der Nahe Osten“.

Nazis und der Nahe Osten

Eingebetteter Medieninhalt

Zweifellos hat „die migrantische Täterschaft“ als Topos in einem mehrheitsgesellschaftlichen Diskurs der Verdächtigungen eine verlässliche Repräsentanz. Sobald es aber um Antisemitismus geht, so Christian Geyer, herrsche eine Tendenz der Relativierung und Kontextualisierung von Täterschaften, „bis sie unsichtbar geworden sind, damit nur kein fremdenfeindlicher Zungenschlag aufkommt“.

Matthias Küntzel, „Nazis und der Nahe Osten“, 19.90 Euro, Hentrich & Hentrich, 269 Seiten, 19.90 Euro

Matthias Küntzel zitiert Geyer in seiner Untersuchung des eingewanderten Judenhasses. Der Autor verbindet die Hoffnung auf Hassheilung mit Diagnosepräzision. Er nennt Antisemitismus eine Krankheit in Anführungszeichen.

Küntzel betreibt narrative Soziologie. Er schneidet solche Vignetten: drei Söhne muslimischer Eltern im Berufsschulalter individualisieren sich in ihren Reaktionen auf Ramadan-Fastenvorschriften. Einer isst öffentlich und lässt einen Dissens zum Standard der Altvorderen im Verzehr von Schweinefleisch eskalieren. Einer verzieht sich mit Lebensmitteln aufs Klo. Einer verzichtet traditionell auf den Pausensnack.

So pluralistisch die Berufsschüler in ihrer Eigenmächtigkeit erscheinen, so hermetisch könnten sie im antisemitischen Einvernehmen wirken.

Aus dem Verlagsprogramm

1937 kam mit der Broschüre „Islam und Judentum“ eine neue Form von Judenhass in die Welt: der islamische Antisemitismus. Die Nationalsozialisten taten alles, um diese neue Hassbotschaft mithilfe ihrer arabischsprachigen Radiopropaganda zu verankern. Das Buch beleuchtet dieses bislang unbekannte Kapitel deutscher Vergangenheit. Es präsentiert neue Archivfunde, die belegen, wie sich das Judenbild im Islam zwischen 1937 und 1948 unter dem Einfluss dieser Propaganda und sonstiger Nazi-Aktivitäten veränderte.

Dieser neue Blick auf die Nahostgeschichte ermöglicht eine präzisere Beurteilung der Gegenwart: Was genau ist „islamischer Antisemitismus“? Wie tritt er gegenwärtig in Deutschland und Frankreich in Erscheinung? Was macht ihn besonders gefährlich?

Erst wenn wir begreifen, wie stark die moderne Nahostgeschichte von den Nachwirkungen des Nationalsozialismus geprägt ist, werden wir den Judenhass in dieser Region und dessen Echo unter Muslimen in Europa richtig deuten und adäquate Gegenmaßnahmen entwickeln können.

Feind ohne Nimbus

Küntzel erkennt einen Ausgangspunkt des im Ornat der uneinholbaren Überlegenheit sich gerierenden arabischen Anti-Judaismus in Mohammeds Sieg über den letzten in Medina verbliebenen jüdischen Stamm: den Banū Quraiza.

Fortan „war jüdische Präsenz für muslimische Gesellschaften ein untergeordnetes Problem … solange sich Juden ihrer Demütigung fügten“.

Der Politikwissenschaftler setzt Fleiß in seine Beispielliste. Als Feind ohne Nimbus macht der arabische Blick den anderen*, so der Islamforscher Bernhard Lewis, zitiert nach Küntzel, zum „Objekt der Lächerlichkeit“.

*Zu bedenken ist hier das Thema Othering: „Der Begriff Othering bezeichnet die Differenzierung und Distanzierung der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, von anderen Gruppen.“ (Wikipedia)

Der in Berlin auf offener Straße mit einem Gürtel geschlagene Kippaträger weist sich als nicht-jüdischer Israeli aus. Ohne Kippa wird er arabisch gelesen. 

Küntzel will darauf hinaus: Dem arabisch-muslimischen, primär religiös motivierten Anti-Judaismus fehlt die diabolische Dimension. „Die jüdische Weltverschwörung“ gedieh als witterungsbeständiges Hassformat in Europa. Sie aspirierte die Renaissance.

Die Neuzeit kam mit der Pest, die, so die Theorie, „im Pakt mit dem Teufel (von) Juden … über die Christenheit gebracht“ wurde.

Was aber geschah, als der arabische, auf einem Suprematie-Phantasma aufbauende Anti-Judaismus mit dem im Dritten Reich zur Staatsdoktrin erklärten Antisemitismus verkoppelt wurde? Dazu bald mehr.

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