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22.10.2019, Jamal Tuschick

Deutsche Szenen

Kultureller Dissens

Das westdeutsche Paar steckt die Köpfe zusammen:

„Dass die sich immer als Opfer stilisieren müssen.“

Sie fallen auf, die Wessis, an diesem Abend in der Tucholsky-Buchhandlung. Vermutlich erscheinen sie sich imposant mit ihren Extras. Er hat die Jackenärmel gekrempelt und erzielt so einen Stulpeneffekt. Sein Bart ist auf Kaiser getrimmt. Er zwirbelt an sich herum, ein steinalter Pfau, der sich bestimmt stets attraktiver fand als seine Frau. Sie ist die aufgedonnerte Mauerblume mit dem schönen Mann. Das Urteil zischt sie mit fanatischer Schärfe:

„Dass die sich immer.“

Du Volksgerichtshof von einem Weib, denke ich. Wie überall wähnt sie sich in der Überzahl. Davon geht sie einfach aus. Wo sie ist, ist Westen. Sie hat nun die Orientierung verloren. Außer ihr, ihrem Gatten, dem Buchhändler und einem Zaunkönig in der letzten Reihe sind nur Ossis am Start. Missbilligung breitet sich aus. Sie bildet sich ab auf den Gesichtern einer Résistance. Der kulturelle Dissens ist mit Händen zu greifen.

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