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22.10.2019, Jamal Tuschick

In China ist Science Fiction ein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Aktivistische Künstler*innen verkleiden ihre Botschaften als Nachrichten aus der Zukunft. Sie stellen katastrophische Szenarien in phantastische Räume. Im Gegenzug nimmt der Staat Einfluß, indem er die Avantgarde aufkauft und mit kommerziellen Produktionen im Megabereich in die Garagenkunstszene hineinfährt. Underground-basierte Werke erscheinen so in Krieg der Sterne-Formaten. Chi Hui, Liang Shuang und Song Mingwei diskutierten den avanciertesten Akut-Stand der Dinge in der chinesischen SF-Comicsphäre auf der Berliner Acud-Bühne.

Mutiertes Moos

Von rechts: Vera Trollmann, Übersetzerin, Chi Hui, Liang Shuang, Song Mingwei

In China ist Science Fiction mehr als Unterhaltung

Poesie des Unsichtbaren

In China wirken die freie Kunst und ihre Szenen wie Katalysatoren. Das ist die Quintessenz einer Diskussion, die zuletzt auf der Acud-Bühne stattfand.

Am 19. Oktober startete die Redaktion des Kapsel-Magazins eine fünfteilige Diskussionsreihe über Zukunft und Literatur im Kunsthaus Acud. Bei der ersten Diskussion ging es um Zukunftsentwürfe aus China. Gefragt wurde, warum chinesische Science Fiction gerade so beliebt ist. Darüber sprachen die Autorin Chi Hui, die Journalistin Liang Shuang und der am Wellesley College im US-Bundesstaat Massachusetts lehrende Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Song Mingwei. Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Vera Tollmann moderierte.

In der Zukunft von Gestern

Jules Vernes literarische Spekulationen sind vielfältig Realität geworden. Wir leben in der Zukunft von Gestern. Das erklärte Chi Hui auf der Acud-Bühne. Ausgangspunkt eines instruktiven Gedankengewitters war ihre Kurzgeschichte „雨林“ („Der Regenwald“). Gelesen werden kann sie als knallharte Auseinandersetzung mit sozioökologischen Fragen unter dem Deckmantel der Kunst. Song Mingwei deutete die Arbeit der 1984 in Chengdu geborenen Autorin als Technologie revers-subversives Experiment. In der Erzählung zieht mutiertes Moos so viel Kraft aus den Schwermetallen im vielfältig verseuchten Boden, dass es ein Hochhaus leicht zum Einsturz bringen kann.

Chi Hui gehört zur Redaktion von Chinas bedeutendster Science Fiction-Zeitschrift Kehuan Shijie. Das Magazin erreicht am Reichweitenlimit eine halbe Millionen Leser*innen. Es erscheint in Chi Huis Heimatstadt. Da gibt es eine World Science Fiction Society. Auf diesem voroffiziellen Resonanzboden finden Themen Verhandlungsspielräume, die sonst in China keinen Rahmen haben.

Viral-Invasiv

Umweltzerstörung und Geschlechterfragen bleiben im chinesischen Alltag ausdruckslos. Autorinnen wie Chi Hui überwinden die Sprachlosigkeit. Ihre Werke sind Repräsentanzen eines klandestinen Widerstands gegen Denkverordnungen und -verbote.

Man sagt dann: Ihre Geschichten sind mehr als unterhaltsam.

In Chi Huis „Regenwald“ überwinden intelligente Pflanzen den globalen Zerstörer Mensch. Die Autorin rechnet mit viral-invasiven Killern, die im Auftrag einer höheren Ordnung die bestehenden Verhältnisse im Dezimierungsmodus revidieren werden.

Song Mingwei bezeichnet die chinesische Science Fiction als Poesie des Unsichtbaren”. Ihre Renaissance im 21. Jahrhundert trägt den Namen New Wave. Der Wissenschaftler erklärte: “Jede Art von Animation erreicht ein großes Publikum.”

Aufgekaufte Garagenkunst

Vom Kino in den Buchladen - Filmanimationen führen Massen der Literatur zu. Die Kulturindustrie hat sich die Rechte an allen möglichen Underground-Produkten bereits als „Investment für später” gesichert.

In China zählen staatliche Übernahmen subkultureller Emanationen zu den strukturelementarsten Überwachungsmaßnahmen. Man kauft die Garagenkunst auf.

Weitere Kapsel-Termine

  1. November 2019: Der Schutzgott von Jiang Bo
    30. November 2019: Screening To Other Shores
    18. Januar 2020: Das verlorene Paradies von Regina Kanyu Wang
    22. Februar 2020: Die Blume von Shazui von Chen Qiufan
    28. März 2020: Nachtstreifzug des Drachenpferds von Xia Jia
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