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23.10.2019, Jamal Tuschick

Karamba Diaby gefällt es, als „Schwarzes Sprachrohr“ das Glück im Winkel deutscher Kleingärten weltweit zu kommunizieren. Der im Senegal geborene und in Halle an der Saale zufrieden hängengebliebene Chemiker und Bundestagsabgeordnete stellte im Berliner Afrika-Haus nicht nur seinen, gemeinsam mit der gleichfalls anwesenden Eva Sudholt erarbeiteten Lebensroman „Mit Karamba in den Bundestag“ vor. Vielmehr stellte er auch einen Rekord der Kurzweiligkeit auf.

Die wildfremde Tante

Karamba Diaby

Eingebetteter Medieninhalt

Es klappte auf Anhieb. Die Zusammenarbeit war die reine Freude. Doch eines Tages sah sich Co-Autorin Eva Sudholt, im Hauptberuf Welt-am-Sonntag-Redakteurin, zu der Bemerkung veranlasst: „Karamaba, ich bin schwanger.“

Karamba Diaby fiel aus allen Wolken. Ich wüsste das nicht, wäre der Held seiner eigenen Geschichte nicht so gut darin, des Lebens wunderbare Wechselfälle aus dem Stehgreif zu theatralisieren.

Diaby erlaubt sich die Freiheit, einem Impuls bei jeder Gelegenheit nachzugeben, der ihn zu szenischen Illustrationen animiert, die wiederum animierend auf das Publikum wirken. Er fängt die Leute mit dem Lasso der Spontanität und einer einnehmenden Ansprache ein.

Sein Fach ist die anekdotische Evidenz. Jeder Lebenslaufmoment wird zum Momentum und avanciert zur Parabel, Fabel, Morität. Stets verbindet sich damit eine Lektion. Der pädagogische Eros steuert den Erzähler.

Er fürchtete, dass die Schwangerschaft Sudholt als treibende Kraft des gemeinsamen Vorhabens demobilisieren könnte.

Kind und Buch wie in einem Atemzug

Diaby stellt vor den Zuhörern seinen Egoismus aus. Er demonstriert Wahrhaftigkeit. Er schildert einen in Sekunden vollzogenen Sinneswandel hin zu einem gratulierenden Verkehrsteilnehmer.

Sudholt winkt die breitgetretene Läuterung als Arabeske eines Doppelsiegs durch. Diaby feiert sich als leidenschaftlichen Genossen im Geist der alten Willy-Brandt-SPD. 2013 wurde er zum ersten Mal von seiner Partei nominiert. Über hundert Journalisten kamen nach Halle, um den Schwarzen Kandidaten in einer von der New York Times für Migranten als No-Go-Area apostrophierten Stadt zu porträtieren. Diaby sang für jeden einzelnen Berichterstatter ein Loblied auf Halle. Der erste Schwarze Student, der in Europa eine Universität besuchte, tat dies in Halle. Die erste Frau, die an einer Hochschule promoviert wurde, erfuhr die Ehre in Halle.

Diaby unternahm mit jedem, der es wissen wollte, die lokale Grand Tour

Die Altstadt sei ein Traum; der Hallenser ein Gemütsmensch, dazu geneigt, vom Einzelnen aufs Angenehme zu schließen. Seine Bonhomie beweise er nicht zuletzt in der Kleingärtnerei. Diaby nennt die Bundeskleingärtnerverordnung „eine Verfassung en miniature“. Er findet sie so vorbildlich wie das Grundgesetz.

Aus der Verlagsvorschau

Er sitzt als erster Schwarzer im Deutschen Bundestag. Mit einem Stipendium kam er in den Achtzigern vom Senegal in die DDR, und er promovierte über deutsche Schrebergärten. Die einzigartige Lebensgeschichte von Karamba Diaby widerlegt so manches Klischee. An seinem ersten Tag als Abgeordneter rief ihm die Kassiererin in der Bundestagskantine von weitem zu: »Nein, Sie nicht!«

Karamba Diaby, Eva Sudholt, „Mit Karamba in den Bundestag“, Hoffmann und Campe, 15.99 Euro

Aus Karamba Diabys Hautfarbe schloss sie wohl, er gehöre zum Putzpersonal. Und noch immer sprechen Leute auf der Straße lieber gleich mit seiner blonden, blauäugigen Assistentin, weil sie glauben, er verstehe sie nicht - selbst wenn er ihnen auf Deutsch antwortet und nicht etwa auf Mandingo. Mit Humor bringt Diaby Vorurteile ins Wanken und entlarvt etliche Formen dieses »gar nicht so gemeinten« Alltagsrassismus in Deutschland. Er erzählt von seinem Geburtsland, dem Senegal, vom Leben in der DDR und im Nachwendedeutschland. Und nicht zuletzt von seiner Vision einer offenen und zukunftsfähigen Gesellschaft.

„Mein Leben ist geprägt von Grenzüberschreitungen.“

Diaby skizziert eine Waisenkindheit und -jugend. Um voranzukommen wurde er herumgereicht und untergebracht. Nach europäischen Maßstäbe ihm fremde Personen, die als Freunde, Onkel und Tanten auf den Plan gerufen wurden, in Wahrheit aber auch den Diaby ursprünglich versorgenden Verwandten nicht vertraut waren, garantierten Unterkunft und Mittagessen für die Spanne der schulischen Ausbildung.

Diaby spricht von „innerfamiliärer Solidarität“. Das entspricht einer landesweiten Auffassung von innerfamiliär. Die Fürsorge unter dem Dach des Welpenschutzes zeigte dem Eleven, wozu eine menschliche Gemeinschaft die Kraft finden kann. Sie lehrte ihn Optimismus, durchaus auch auf der Failure-is-not-an-option-Schiene. Diaby ergatterte ein Stipendium in der DDR. Er hätte nach dem Auswahlverfahren auch in Bulgarien landen können. Da der Senegal keine diplomatischen Beziehungen zur DDR unterhielt, konnte Daiby kein Visum beantragen. Ohne Visum brauchte er aber für die Europareise ein Hin- und Rückflugticket. Es gelang ihm sogar dies: Wohlmeinende zu verschwenderischen Ausgaben zu veranlassen. Via Bukarest und Moskau flog er aeroflott nach Berlin und landete in Schönefeld. Da wurde er erwartet.

„Alles war perfekt organisiert.“ – Im Rahmen einer fast perfekten Segregation. Diaby unterschlug in seine Einlassungen weitgehend den DDR-Rassismus im Alltag vor Neunundachtzig.

Aus einer Mitteilung des Afrika Hauses

Im Rahmen seiner Integrations- und Bildungsarbeit führt der Farafina Afrika-Haus e.V. eine besondere Veranstaltungsreihe durch. Afrikanische Gäste berichten als „Lebende Bücher“ über ihre Erfahrungen, ihren Lebensweg, ihren Beruf sowie ihren Umgang mit der Doppelverantwortung gegenüber Deutschland als ihrer neuen Heimat und Afrika als ihrer Ursprungsheimat. Wege für Partizipation und gelingende Integration werden aufgezeigt.

Afrika-Haus Berlin, Bochumer Str. 25, 10555 Berlin

Geboren im Senegal, kam Karamba Diaby 1985 zum Studieren in die DDR – und blieb. Nach vielfältigem Engagement gegen Rassismus wurde er 2009 in den Stadtrat von Halle gewählt und zog 2013 in den Deutschen Bundestag ein. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe.

„Deutschland ist zu schön, um das Land den Rechten zu überlassen.“

Kein Kontakt reichte über die Universität hinaus. Diaby untersuchte Schwermetallbelastungen in Schrebergartenböden. Er prüfte die Wasserqualität, der von drei Chemiestandorten vor den Toren der Stadt belastet wurde, bis ihn eine Professorin stoppte. In der DDR durften Umweltdaten nicht selbständig erhoben und schon gar nicht veröffentlicht werden.

Doch dann kam die Wende, und überall gingen Türen auf.

Kurzer Nachtrag

Die erste Promovierte war die im 18. Jahrhundert lebende Dorothea von Erxleben.

Zum ersten Schwarzen Studenten zitiere ich aus Wikipedia: „Anton Wilhelm Amo, auch bekannt als Antonius Guilielmus Amo Afer ab Aximo in Guinea (* um 1703 in Nkubeam bei Axim, heute Ghana; † nach 1753 vermutlich im heutigen Ghana), war der erste bekannte Philosoph und Rechtswissenschaftler afrikanischer Herkunft in Deutschland.“

Bald mehr.

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