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23.10.2019, Jamal Tuschick

Kino-Splitter im Mainlabor

Christa Ritter sah den Joker

Hab einen verstörenden Film gesehen: JOKER. Er fällt so aus dem Hollywood-Rahmen, dass ich nachts aufwachte, um darüber nachzudenken. Dieser verrückte Typ, selbstverliebt und doch ein entsetzlich-liebender Loser. Mama-fixiert, der Vater weit weg und stinkreich. Die Story bricht manchmal ab, weg, unwichtig, die Kamera irrt weiter, immer diesem Irren hinterher. Zwei Stunden lang: Gotham City, das schaurige NY der 70er Jahre. So einem wie ihm wird nichts gegeben, immer mehr weggenommen, bis er anfängt, den Menschen in seiner Nähe das dürre Leben wegzunehmen. Wegzuballern. Amokläufer, Pillenfresser, Extrem-Armut vs. Superreich, ein Comedian, der es schließlich in die Talkshow schafft. Joker ist zart und ohne Erbarmen, ein Messias, ein schwarzer natürlich, einer, der aus der Kälte kommt. Nur so einer findet irgendwann? In sein Tagebuch schrieb er: Das Leben ist tot, nur im Tod das Leben. Vater, warum hast du mich verlassen, fragt er den reichen Mann, den er für seinen Vater hält. Liebst du mich endlich?

Ich folge atemlos diesem verzweifelten Lauf eines Clowns, der nach Licht sucht, der die verletzte Mutter mit dem Kissen erstickt, aus Mitleid vielleicht, nicht fassbar für die Ermittler, auch nicht für mich. Seinen Kreuz-Amoklauf durch den Film, rasend, zärtlich, entsetzlich, sehe ich als eine Allegorie auf das Amerika heute. Der Joker ist Trump oder er ist die Wähler, die Trump wählten. Erbarme dich unser: Make America great again! Die Demokraten, das aufgeklärte Amerika sind die Schattenfiguren der Korruption, der Verlogenheit, des tödlichen Systems. Ich sehe den fortschreitenden Tod des Kapitalismus, da hat vielleicht sogar einer von den Mächtigen schon den Knopf gedrückt. Und die Jugend brandschatzt durch die Straßen, zwei heben den Verletzten mit der Clownsmaske auf ihre Schultern. Sie lieben Joker, großartig, Tränen in seinen Augen. Kill the Rich! Heißt es auf ihren Flyern. Gibt es irgendeine Rettung? Für Joker, für Amerika, für uns, für mich? In der letzten Einstellung sieht man einen langen weißen Gang, alles weiß, fast überirdisch zart. Hinten stürzt der Joker, ganz in Weiß gekleidet, von einer Seite ins Gegenüber, gefolgt von einem ebenso weißen Wesen. Sie verschwinden und tauchen rasend wieder aus der Ecke auf. Zurück. Wohin? Ein fantastischer Film über Amerika, aber letztlich auch über uns.

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