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24.10.2019, Jamal Tuschick

In ihrem Drehbuchroman „Taxi“ erzählt Cemile Sahin von einer (an)geordneten Anverwandlung.

Gefälschte Erinnerung

Eingebetteter Medieninhalt

„Wir sterben mehrmals im Laufe des Lebens.“ Tomas Espedal

„Ähnlichseherei ist das Merkmal schwacher Augen“. Vielleicht Adorno

Epigenetischer Rausch

Die Folter erschöpft sich in unsystematischem Grobianismus. Der Vernehmer verausgabt sich, der Vernommene entlässt sich. Er entzieht sich durch einen Hinterausgang im malträtierten Gefüge der vom Schmerz gefälschten Erinnerung an eine Person, die er gewesen sein könnte.

Cemile Sahin, „Taxi“, Roman, Korbinian Verlag, 220 Seiten, 20,-

Im epigenetischen Rausch zerfällt die Identität eines bürgerlichen Punks und etwas kommt zum Vorschein, das in seiner basalen Plausibilität so anziehend wie ein Schlupfloch wirkt.

„Wenn du einmal stark bist, bleibst du ... stark.“

Das teilt sich als Gewissheit dem Gefangenen mit; seine Zelle misst vier mal vier Meter. Die Gewissheit ist ein Fetzen rauer Kindheit. Die Kindheit zieht sich durch eine endlose Kriegsgegenwart. Von Bomben versehrte Häuser liefern den Versammlungen der Nachbarschaft Kulissen, nach denen sich jede Freelancer-Filmcrew die Finger lecken würde. Der Schauplatz liegt fern der CNN-Kriegsnomadenrouten.

In der nächsten Einstellung verfügt der Gemarterte in einem anderen Land über eine hundert und zwanzig Quadratmeter große Wohnung. Er hat ein Fahrzeug, aber keinen Führerschein. Trotzdem behandelt er das Automobil nicht wie eine Immobilie. Auf eine ungesellige Weise kommt er gut zurecht. Kommt man ihm zu nah, spielt er den „Ausländer“ und trumpft in einer Phantasiesprache auf.

Menschen sind ihm ein Gräuel. Es gelingt ihm, seine Abscheu den Kolleg*innen vorzuenthalten. Doch dann holt ihn das Schicksal in der Gestalt einer Verstörten ein, die sich lange und gründlich darauf vorbereitet hat, den Isolierten in der Rolle des verlorenen Sohnes auftreten zu lassen.

Die Geschichte vom verlorenen Sohn, so wie sie Wikipedia erzählt:

Der jüngere Sohn verlangt von seinem Vater sein Erbe. Sobald er es erhalten hat, zieht er fort und verprasst das Geld im Ausland. Zum Bettler herabgesunken, arbeitet er als Schweinehirte und hungert dabei so sehr, dass er sich reumütig nach dem Haus seines Vaters zurücksehnt und sich vornimmt, dem Vater seine Sünde zu bekennen und ihn um eine Stelle als geringer Tagelöhner zu bitten. Als er dann tatsächlich nach Hause zurückkehrt, ist der Vater so froh über die Rückkehr seines Sohnes, dass er ihn kaum ausreden lässt und sofort wieder bei sich aufnimmt. Er kleidet ihn festlich ein und veranstaltet ein großes Fest.

Die Hauptrolle entpuppt sich als Statistenjob. Rosa Kaplan, Kaplan heißt Tiger, macht aus dem buchstäblichen Nachwuchsdarsteller einen Komparsen ihrer Phantasie. Nichts lässt sie ihm durchgehen. Das rigorose Regime kommt dem Ersatzmann entgegen. Ich nenne ihn Aushilfspolat, da der Tote, den er doubelt, Polat hieß.

Tot ist eine unscharfe Bezeichnung in diesem Fall. Polat wurde lediglich für tot erklärt. In Wahrheit zählt er zu den Vermissten eines Krieges, den er und sein Double als Gegner erlebt haben könnten.

Cemile Sahin inszeniert ein Vexierspiel, das auch ohne den Ehrgeiz durchzusteigen interessant bleibt.

Als erzählendes Ich lässt sich Aushilfspolat in die zu kleinen Schuhe stopfen, die er sich bloß anziehen sollte. Er untergräbt sich in der Übererfüllung mütterlicher Erwartungen. Er baut sich um. Sogar seine Linkshändigkeit passt er an. Er geht in Kaplans Traumatisierung hinein wie in einen Wald. Ihm sollte das Trauerprogramm makaber erscheinen. Aber Aushilfspolat hat kein Repertoire mehr für Reserve. Die Selbstbestimmung erlischt wie ein altes Sendeschlussbild. Und Tschüss.

So reiht sich Bild an Bild in der Realness-Serie, die so heißt wie der Roman. Sie beschert dem Erzähler eine Verlobte namens Esra. 

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