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25.10.2019, Jamal Tuschick

Unter Kiffern gewinnt der Begriff Joint Venture eine Dimension im Jenseits der Geläufigkeit. So ein Joint Venture längst vergangener Tage holt den Staatssekretär Dr. Marcel Kamrath just in dem Augenblick ein, als er für ein Ministeramt in Frage kommt. Das erzählen die seit dreizehn Jahren niederrheinisch grenzüberschreitend kollaborierenden Autoren Thomas Hoeps und Jac Toes aka Hoeps & Toes in ihrem Thriller „Die Cannabis-Connection“.

Kamraths Verhängnis

Viel später, wenn alle Gegenwärtigen längst tot sein werden, könnte ein gründlicher Dokumentarist zu der Überzeugung gelangen, dass die Geschichte bereits 1960 einen ersten Anfang nahm. Zwei von ihren autoritären Eltern verbrühte Teenager gefallen sich in einer gemeinsamen Bewunderung von Marcello Mastroianni in dessen Paraderolle als Marcello Rubini in „La dolce Vita“. Der Name Marcello wird zum Signal einer Glut, die sich immer wieder entfachen lässt. So erscheint es nur natürlich, dass die Mastroianni-Fans im Hochgefühl von Achtundsechzig ihren Sohn Marcello nennen. Doch dann schieben sich Wolken vor die Sonne und der im Frankfurter Häuserkampfmilieu sozialisierte Sponti-Sohn wird prosaisch zum Marcel. Als Marcel taucht er im Amsterdamer Häuserkampf der Kraker-Bewegung mit Kombattantenstatus auf. Auch das ist ein Anfang. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Der Grachten-Zauber kulminiert in einer Liebe zu dritt, mit einer Punkerin als Kaiserin Kiki im Mittelpunkt der Ereignisse. Kiki überlebt diesen Anfang nicht.

Hoeps & Toes, „Die Cannabis-Connection“, Thriller, Unionsverlag, 350 Seiten, 19,-

Im nächsten Anlauf macht Marcel Kamrath, inzwischen promoviert und ausgenüchtert, Karriere mit allem, was dazugehört. Die Scheidung geht dann als „Ermüdungsbruch“ über die Bühne.

Zwei vor Gegensätzlichkeit strotzende Möglichkeiten drängen sich vor, sobald man sich Kamrath begreiflich zu machen versucht. In der ersten Lesart ist er ein von seinen Schluri- und Schlaffi-Eltern, die sich nie der altbundesrepublikanischen Wohngemeinschaftstrottelei (nach den antiautoritären Maßstäben der APO-Ära) entziehen konnten, fehlgeleiteter, vom energischen Großvater nach der Devise besser spät als nie doch noch aufs richtige Gleis gesetzter Leistungsträger, dessen wahre Persönlichkeit sich in seiner geschmeidig ausgefüllten Rolle als Staatssekretär auf dem Weg zum Minister offenbart.

Getunter Jedermann

Nicht weniger plausibel lässt sich Kamrath als Krimineller beschreiben. Eine Bereitschaft zur Überschreitung zieht sich durch alle Stadien seines Daseins. Als Adoleszent war er bereit, sich ein Stück vom Kuchen des organisierten Verbrechens auf den Teller zu schieben. Mit knapper Not entkommt er einem mörderischen Desaster. Jahrzehnte später ignoriert er impulsiv rechtsstaatliche Normen. Auch wenn seine Schöpfer, das niederländisch-deutsche Autorenteam Thomas Hoeps und Jac Toes aka Hoeps & Toes, von Jugendsünden und Bagatellen sprechen, die Kamrath zum Verhängnis werden, ist die Latte strafbarer Handlungen doch viel zu lang, um in der Einschätzung keine Beschönigung zu erkennen. Ich rede von Untreue, Unterschlagung, Betrug, Gefährliche Körperverletzung, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, unbefugte Gebrauchsanmaßung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, zig Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Amtsmissbrauch und Körperverletzung mit Todesfolge. Ein Staatsanwalt würden sagen: sieben Jahre Sonnenschein ohne Aussicht auf weniger.

Trotzdem genießt Kamrath in der Handlungsgegenwart das Ansehen eines getunten Jedermanns. Der Leser begleitet ihn in ein Designhotel, das aus einem sakralgotischen Bau destilliert wurde. Er segelt mit auf der Yacht eines Superreichen. An Bord wirkt Kamrath netzwerkaktivistisch. Er wirbt eine prächtige Parteispende ein und bringt im Vorübergehen ein Gesetzesvorhaben aus dem Takt seiner Durchsetzung.

Kamrath steht kurz davor, der Legalisierung von Cannabis einen gesetzlichen Rückhalt zu verschaffen, als ihn seine Drogenhändlervergangenheit in der Gestalt eines ehemaligen Komplizen einholt. Kamraths Drogenkarriere fand statt in einem Spannungsfeld zwischen genossenschaftlicher Leutseligkeit im Sit-in-Stil der frühen Achtzigerjahre und Revierkämpfen, die mit härtesten Bandagen ausgetragen wurden. Damals kristallisierten sich die Konturen einer kriminellen Struktur heraus, die, so sagt es Jac Toes in einem Hintergrundgespräch, die niederländische Gesellschaft zersetzt. Abgeordnete der Kartelle treten biedermännisch in Gemeinderäten auf und dirigieren die Kommunalpolitik. Der Korruptionskrake verfasst sämtliche Gesellschaftsgliederungen. Ein Gottvater der Mafia sitzt in Dubai. Seine Wünsche haben Gesetzeskraft. Ordnet er den Tod an, sollte es jedem Gefolgsmann eine Ehre sein, der Anordnung Folge zu leisten.

Kamrath hat es mit solchen Leuten zu tun. Ich berichte bald mehr über seine Abenteuer in einem Überlebenskampf ohne Regeln und Moral. Einmal appelliert er an das Gewissen seines ehemals besten Freundes und nun größten Widersachers. Sander lacht Kamrath freudlos aus. Der Ex-Kraker erklärt: Ein Politiker, der ihm moralisch käme, stünde im Begriff das Niveau von Kneipensuffinsuffizienz zu unterschreiten. Ach so, die beiden (von falschen Entscheidungen) Verschlungenen treffen sich oft in der legendären Berliner Politikerschwemme „Anna Koschke“.  Ebenda sprach ich mit Thomas Hoeps und Jac Toes in der Gegenwart leibhaftiger Staatssekretäre.

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