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25.10.2019, Jamal Tuschick

Die „Augen“ sind brutal. Der Sicherheitsdienst der Kommandanten-Junta überwacht nicht nur die geschlossene Gesellschaft im Gottesstaat Gilead. Seine Kundschafter*innen morden, entführen, sabotieren und indoktrinieren auch im Nachbarland Kanada, zumal in der französischsprachigen Provinz Québec. Das erzählt Margaret Atwood in ihrem mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman „Die Zeuginnen“.

Brutale Augen

Eingebetteter Medieninhalt

In den Wäldern von Vermont nisten Widerständige in besungenen Rotwildrevieren. Die Dissident*innen überleben im Moonshiner-Guerillastil. Mit den „Augen“ spielen sie Katz und Maus. Auf uralten Schmugglerrouten schaffen sie Leute über die Grenze nach Kanada. Wer Glück hat, gelangt mit ihrer Hilfe nach Trois-Rivières, englisch Three Rivers. Da steht die älteste Esse Kanadas im Schatten eines Ursulinenklosters.

Margaret Atwood, „Die Zeuginnen“, Roman, aus dem Englischen von Monika Baark, Berlin Verlag, 572 Seiten, 25,-

Schon im 18. Jahrhundert gab es den illegalen Grenzverkehr. Man entführte jungfräuliche Neuengländerinnen nach Kanada, um einen Brautmangel zu beheben. Außerdem entgingen Schwarze Zwangsarbeiter*innen auf dieser Strecke der Sklaverei. Der Leser erfährt das als Zeuge von Nicoles Erwachen in einem Albtraum. Wie ein Gasthörer vernimmt er die Instruktionen, mit denen Nicole in die Lage versetzt wird, die Gefahr zu begreifen, in der sie schwebt.

Praktikantin der Partisanenpraxis

Nicole wird nicht nur informiert …

als Kind wurde sie unter Drogen gesetzt und über Gebirgspässe in die Freiheit getragen. Die Tochter von Renegaten, die erstaunlicherweise immer noch leben, steht ganz oben auf der Käscherliste der Häscher*innen von Gilead. Nicole kennt ihre Eltern nicht. Als Mündel eines Trödlerehepaares sollte sie so unauffällig wie möglich aufwachsen.

Doch ging die Rechnung nicht auf.

Die konspirativen Kerschelheimer sind tot, und Nicole ist auf der Flucht …

sondern auch initiiert.

Ihre Fluchthelfer*innen führen sie in einer Schattenwelt ein, in der die Leute nur so aussehen wie arglos in ihren Komfortzonen navigierende Protagonist*innen der Iced Latte-Mehrheitsgesellschaft. Nicole begegnet um Unauffälligkeit bemühte Umsturz-Aktivist*innen im Kampf gegen das fundamentalistische Gilead-Regime. Sie riskieren ihr Leben für die Freiheit der #Vielen.

„Welk“ sind die Croissants, „schrecklich“ ist der Kaffee in der Untergrundzentrale. Nicole lernt, worauf es ankommt, sobald man sich im Interventionsmodus neu startet, mit der Hoffnung, als Feindbild mehr bieten zu können als eine Pappkameradin. Die antifundamentalistische Befreiungsmiliz steht gehörig unter Druck. Sie operiert auch in Kanada außerhalb der Rechtsordnung. Immerhin dient ihr ein Maulwurf. Die Quelle besitzt jedoch keine Zugangsberechtigung zum kleinsten Kreis der Macht, die Gilead beherrscht.

Wir, die wir mehr wissen, als die desperaten Freischärler*innen im kanadischen Untergrund, können darüber spekulieren, wer Gilead verrät.

Besprechung vom 18.10.

Segregation der Geschlechter

Mit dem Roman „Die Zeuginnen“ setzt die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood ihre 1985 erschienene Dystopie „Der Report der Magd“ fort. Frauen legen Zeugnis von ihrem Leben im Gottesstaat Gilead ab. Es sprechen Agnes, Nicole und Lydia. Agnes erzählt von ihrer Zeit als Braut in der „Juwelenschule“. Sie zählt zu den Erwählten in einem Menschenzuchtprogramm. Von ihr verspricht man sich normgerechten Kommandantennachwuchs. Ihr Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse erscheint lange konturlos.

Nicole, die als Tochter einer Abtrünnigen außerhalb von Gilead aufwächst und erst als Pubertierende begreift, dass ihre Freiheit an einem (vor dem Hintergrund allgemeiner Freizügigkeit) absurd dünnen Faden hängt, erlebt die Ermordung ihrer Zieheltern als Erwachen in einem Albtraum. Plötzlich begreift sie ihre Realität, die sich dramatisch unterscheidet von dem Protest-Flow ihrer Everyday-is-Friday-for-Future-Generationsgenoss*innen.

Gottes Gulag

Agnes und Nicole sind zu jung, um sich gedanklich bis zum historischen Sockel ihrer Gegenwart abseilen zu können. Sie ahnen kaum, dass lange vor ihnen das weltweit größte Demokratieprojekt in den Staatsgrenzen der Vereinigten Staaten gescheitert ist. Die ehemalige Richterin Lydia überlebt als Zeugin dieses Scheiterns. Allein ihre Empirie ist subversiv. Vor dem Putsch, der Nordamerika als extrem bigott organisierten Gottes Gulag neu definierte, lieferte Lydia der Emanzipation ein Muster. Nun verkörpert sie die Segregation der Geschlechter.

Wie ihr gerecht werden?

Lydia begeht mit ihrer Niederschrift in Gilead ein todeswürdiges Verbrechen. Trotzdem produziert sie nicht nur ein Dokument für die Nachwelt. Sie begreift den Schreibprozess als zeitlich nahliegenden Kommunikationsakt. Sie antizipiert eine Interaktion. Lydia imaginiert nicht nur einen Leser, vor dem sie sich gleichermaßen entblößt und rechtfertigt, sondern lädt die Konstruktion auch negativ auf.

Der Leser ist ein Verräter.

In Gilead entspricht Verrat einem Akt der seelischen Hygiene. Wer nicht verrät, verfault oder verdorrt. Jedenfalls verdirbt er. Das weiß auch Kommandant Judd: der sadistische Puppenspieler und Entwickler des Abrichtungsprogramms, das Lydia zu Beginn ihrer zweiten Karriere durchlief. Damals mussten ihr nur die Instrumente gezeigt werden. Lydia vernahm lediglich die Erkennungsmelodien drastischer Maßnahmen. Sie eilte ihrer Vernichtung als eigenständige Person voraus und bewährte sich funktionselitär in der Etablierung eines konsequent frauenfeindlichen Regimes.

Ihr eigener Opportunismus macht Lydia zu schaffen. Er zielt(e) nicht allein auf das Überleben …

„Ich will die Alphahenne sein. Und dazu muss ich eine Hackordnung einführen.“

Mit dieser Ansage startete Lydia durch. Sie übernahm die Leitung einer umgewidmeten Universität. Sie bekennt sich in (zu) dieser Rolle. Im Roman wird ohne weitere Erklärungen aus der Hochschule das Haus Ardua: eine Bibliothek in einer planmäßig kaum alphabetisierten Gesellschaft. Man überlässt die Bewachung des verbotenen Schatzes einer potentiellen Häretikerin. Im Gegensatz zu ihren Zöglingen muss sich Lydia ständig selbst verleugnen. Die gehirngewaschenen Eleven kennen ihre Not nicht.

Meine Besprechung vom 16.10.

Postapokalyptischer Gottesstaat

In dem ausgezeichneten Roman „Die Zeuginnen“ spielt Margaret Atwood mit dem Sujet der Doppelgesichtigkeit. Die Gleichzeitigkeit von Apostasie und Opportunismus ...

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Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat (im Rahmen einer Doppelvergabe) den Booker-Literaturpreis 2019 erhalten. Ausgezeichnet wurde „Die Zeuginnen“. Der Roman setzt die 1985 erstmals erschienene Dystopie „Der Report der Magd“ fort.

Wenn der ökologischen die politische Katastrophe folgt

„Zu viel dies, zu wenig das.“

Eine erschütterte Natur hebt die Vereinigten Staaten aus den Angeln. Fundamentalisten etablieren auf den Ruinen der Demokratie eine Diktatur. Die Kommandanten-Junta entmündigt und enteignet alle Bürgerinnen. „Plötzlich ermächtigte Handlanger“, denen bis dahin nie etwas gelungen ist, stabilisieren im Nu das Terrorregime. Es wird interniert, selektiert und eliminiert.

Im Gegenzug nimmt die Frauenfluchthilfe den Betrieb auf.

Eingebetteter Medieninhalt

Qualifiziert vom Liebreiz spielen sie in der Auswahlmannschaft für die Champions League eines postapokalyptischen Gottesstaates auf der nordamerikanischen Landmasse. Unterworfen den Gesetzen von Gilead und versprochen den Söhnen einer militärisch militarisierten Nomenklatura beschränkt sich die Ausbildung der „Kostbaren Blumen“ in der Einübung dekorativer Fähigkeiten.

In Gilead dienen Blindbände wie Blumen der Dekoration. Ledig muss bleiben, wer alphabetisiert wurde. So will es der Kodex im Geist einer alttestamentarischen Ordnung.

Agnes, eine der Auserwählten, macht Angaben wie bei einer Vernehmung. Außer ihr dokumentiert die mit einem Denkmal geehrte Leiterin des „Hauses Ardua“ herrschende Verhältnisse. Lydia überwacht das Training der „Tanten“, die als rigorose Gouvernanten der misogyn-pervers-puritanisch-repressiven Ordnung dienen. Sie erscheint „nebulös“ und viel mehr legendär als lebendig.

Zu einer anderen Zeit war Lydia Familienrichterin. Sie besteht darauf, gerecht gewesen zu sein. Nun bekennt sie sich zu einer „unnachsichtigen Praxis“; vielleicht auch zur Vermeidung einer „moralischen Panik“, deren Auslöserinnen die Zuchtmeisterin in einer Handtasche mit sich herumschleppt. Das sind verbotene Bücher. Lydia setzt den Titel Apologia Pro Vita Sua (John Henry Newman) zur spiegelfechtenden Verteidigung einer Parallelexistenz als Dissidentin ein. In ihren Leserinnen vermutet sie Verräterinnen. 

Atwood zeigt die Doppelgesichtigkeit des Menschen. Sie beleuchtet die Gleichzeitigkeit von Apostasie und Opportunismus. Auf der Reeperbahn des Überlebens werden soziale, sozial-indifferente und antisoziale Stränge zusammengedreht. Ein effektiver Dikator funktioniert wie ein Totalisator. Er hält die Unterworfenen in einem Überbietungswettbewerb fest. Sie konzentrieren sich in der Konkurrenz. Lydia verkörpert offen die Macht und verborgen deren Feindin. In der Vergegenwärtigung dieser Komplexität begreife ich wieder einmal, was man als Intimvertrauter der Literatur nebenbei auch ist: ein Sprengstoff- und Drogenexperte. Die Sprache ist ein Universalschlüssel zu den Explosivarchiven sowie zu den Giftschränken der Menschheit.

Die Apostasie/Opportunismus-Korrelationen drängen sich auf den Strecken pädagogischer Ableitungen auf. Atwood steuert den Verwerfungspunkt in Varianten an. So ist das Haus Ardua eine Bibliothek und insofern ein eingehegter Antagonismus in der weithin buchlosen Gesellschaft. 

Schließlich spricht Nicole, eine Überschreiterin der Grenzen, die Gilead isolieren. Die gerettete Tochter einer „Magd“ lebt in Kanada, ist da aber vor Agent*innen aus ihrer ersten Heimat nicht sicher. Davon weiß sie lange nichts. Nicole wächst als angenommenes Kind bei einem Trödelhändler*innenehepaar auf: in einer chronisch gegenwärtigen Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen die Fridays for Futur-Aktivist*innen, auf der anderen, Klimawandelleugner*innen.

Alle Konsensampeln stehen auf Rot. Es herrscht Unversöhnlichkeit auf der ganzen zersplitterten Linie.  

Wie peinlich ihre Lage ist, begreift Nicole erst nach der Ermordung ihrer Versorgungseinheit. 

Lydia, Agnes und Nicole sind die „Zeuginnen“. Auf ihre Beobachtungen und ihre Urteilskraft nimmt eine Metafiktion Bezug.

Der Alltag vollzieht sich in rustikaler Monotonie. Obwohl er in der Zukunft siedelt und seine Reflexion noch weiter vordatiert ist, passt die Auskleidung des Geschehens eher zu einer knirschenden, vom Anverwandlungsfuror ins Phantastische gedrehten Historien-Darstellung. Atwoods Kolorierungen rammen den Kitsch. Gut ist die Autorin in ihren Übersetzungen biblischer Gleichnisse. 

Aus dem Verlagsprogramm

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr „Report der Magd“ wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.

In den Wahrnehmungen der Zeuginnen ballt sich die Unterschiedlichkeit. Ihre Perspektiven erzeugen drei Dimensionen. Aus der Romantiefe taucht das Ungeheuer des Totalitarismus mit interessanten Fragen auf. Zum Beispiel: Was passiert einer Gesellschaft, die kein kritisches Bewusstsein aufkommen lässt? Schaltet sie sich selbst ab, indem sie diese Erneuerungsinstanz ausschaltet? 

Bald mehr.

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