MenuMENU

zurück zu Main Labor

25.10.2019, Jamal Tuschick

Häresie versus Orthodoxie - Cornelia Koppetsch erwartet in ihrer Analyse „Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“ eine „globale Adresse für übergreifende Solidarität“ in naher Zukunft. Die Soziologin stützt sich auf Pierre Bourdieu, der dem Aufstand der Bewahrer gegen die Erneuerer die Bedeutung einer Epochensignatur gibt.

Koalitionen der Deklassierten

Eingebetteter Medieninhalt

Noch existiert keine globale Adresse für übergreifende Solidarität. Cornelia Koppetsch lässt keinen Zweifel daran, dass es diese Adresse bald geben wird. Die Soziologin schildert den reaktionären Protest rund um die AfD und ihre europäischen Schwesternparteien als Abstiegskampf aus, ohne in Frage zu stellen, dass der Widerstand seine stärksten Motoren im Mittelstand hat, der in einer anderen Zeit FDP oder CDU wählen würde.

Cornelia Koppetsch, „Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“, Transcript Verlag, 281 Seiten, 20,-

Häresie versus Orthodoxie

Nicht der materielle Verlust sowie entsprechende Verlustszenarien definieren jene, die sich vom Rechtspopulismus richtig angesprochen fühlen, sondern die Gewissheit, einige Gewissheiten nicht mehr zu besitzen. Koppetsch spricht von traditionell versprochenen „sozialen Anwartschaften“, die ihren Garantie- und Absicherungscharakter verloren haben. Für viele ist zwar noch alles da, was sie privilegiert, aber die schützende Umgebung ist weg. Das reicht, um die Sieger vergangener Verteilungskämpfe rebellisch zu machen.

Die zentrale Konfliktlinie der Gegenwart

Koppetsch beschreibt den Rechtspopulismus als „emotionalen Reflex auf einen Epochenbruch“. Das Dispositiv der zentralen Konfliktlinie steckt in dem Postulat, man müsse sich „das Land zurückholen“. Das Reconquista-Phantasma wendet sich gegen transnational agierende, national ungebundene Häretiker, die Deutschland angeblich nach einem neuen Verteilungsschlüssel zur Disposition gestellt haben. Koppetsch stützt sich auf Pierre Bourdieu, der dem Aufstand der Bewahrer gegen die Erneuerer die Bedeutung einer Epochensignatur gibt.

Koppetsch nennt „den Aufstieg der Rechtsparteien“ eine „Konterrevolution“, die sich als Bewegung gegen die globale Moderne zur gleichen Zeit ausbreitet, in der sich „transnationale Communities“ herausbilden und ein „Flickenteppich globaler Zugehörigkeiten“ entsteht. Das Mobilisierungspotential der AfD ergibt sich aus

Ideologischer Unschärfe

Ideologische Unschärfe ist die Voraussetzung dafür, „unterschiedliche Milieus zusammenzubringen“. „Die kulturellen Inklusionschancen werden in ethnisch heterogenen Gesellschaften fragiler.“ Das heißt, man kann mit einem identitären Wurmfortsatz Bauernfängerei betreiben. Das als Rückholaktion deklarierte Ziel, einem untergegangenen Modell in einer (zweifellos nicht nur ethnisch, sondern auch intellektuell) geschlossenen Gesellschaft wieder Geltung zu verschaffen, hat einen fiktiven Charakter. Vielmehr rekurriert man auf Angst. Sie allein ist greifbar, der große Rest existiert als Schimäre.

Wenn nun aber die Rechten so wenig Zukunft (und so viel falsche Vergangenheit) anzubieten haben, warum können sie dann als Antagonisten auf der Gegenseite einer „zentralen Konfliktlinie“ agieren? Koppetsch klärt auf: Die Aufteilung, in der Rechte als Akteure der Geschichte erscheinen, ergibt sich nicht aus rechtspopulistischer Potenz, sondern aus einer

Repräsentationskrise

der Linken. Die Linke dreht sich zwar reibungsarm mit dem Rad der Geschichte. Doch dreht sie zu schnell für viele, die folglich als Abgehängte auf allen Diskursebenen auftreten. Mit einer „Transnationalisierung der Sozialräume“ können sie nichts anfangen. Sie reagieren allergisch auf „globale Öffnungen“ (Bourdieu). Die damit einhergehenden Neuverhandlungen auf sämtlichen Märkten erleben sie nicht mit der Bereitschaft von Aufsteigern, Belastungen aller Art anzunehmen, sondern mit der Mentalität von Absteigern, die auf den Rettungsflössen des Beharrungsvermögens Gefahr laufen, ihr soziales Gleichgewicht zu verlieren.

Wie gesagt, in dieser Überlegung geht es primär nicht um finanzielle Verluste. Stattdessen analysiert Koppetsch Verarbeitungs- Deutungs- und Bewertungsmechanismen. Dabei ergibt sich nicht zuletzt das Bild von Verlierern, die (noch) wie Sieger aussehen.

Wird fortgesetzt.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen