MenuMENU

zurück zu Main Labor

27.10.2019, Jamal Tuschick

Sven Regener meets Michael Lentz - Begleitet von den sekundierenden Literaturwissenschaftlern Jan Wilm und Stefan Greif, begegneten sich die beiden Ausnahmekönner im Berliner Haus für Poesie.

Feuer der grammatischen Deregulierung

Jan Wilm, Michael Lentz, Sven Regener, Stefan Greif

Jan Wilm, Michael Lentz, Sven Regener, Stefan Greif

Eugen Gomringer, Michael Lentz

Der Literaturwissenschaftler Jan Wilm hat die Buchmessengrippe aus Frankfurt eingeschleppt. Nun will er nach Kräften infizieren. Mit dieser Absichtserklärung betitelt er seine Einführung in das Werk von Michael Lentz.

Wir sind mal wieder im Berliner Haus für Poesie. Lentzens Lektor Oliver Vogel sitzt neben mir, und ein verträumter Bewohner meiner Innenwelt bemerkt, dass es diese Konstellation seit dreißig Jahren immer wieder gegeben hat.

Die, die überleben, scheinen noch nicht mal richtig zu altern.

Wilm zitiert Michael Brauns auf Lentz gemünztes Wort vom „Feuer der grammatischen und semantischen Deregulierung“. Im Original unterschreibt es die Zeile:

„was hört was kommt vom draußen ich“.

Wilm spricht von „Kontingenzen in den Lücken“, deren Untersuchung der „poetische Ordnungsfanatiker“ zu seinen vornehmen Beschäftigungen zählt.

Wilm ruft die Gewährleute des Dichters auf: Oskar Pastior, Eugen Gomringer, Franz Mon und Friederike Mayröcker.

Aus der Ankündigung

Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher kaum sein: Sven Regener und Michael Lentz. In diesem Jahr erscheinen zwei TEXT+KRITIK-Ausgaben über die beiden Künstlerpersönlichkeiten, die als Autoren und Musiker Vortragskünstler von Gnaden sind. Der eine ein lässiger Antipathetiker, der das Beiläufige in einer Sprache preist, die kein Literaturfett ansetzt. Er singt Lieder über verschusselte Träume und sich verfusselnde Zeit, „Kaffee und Karin, Birgit und Bier“. Die Schauplätze seiner Songs sind die Ränder der Stadt, Mehrzweckbecken und ein Graben hinter Huchting. Der andere ist ein Artist, dem die historischen Avantgarden in Fleisch und Blut übergegangen sind. Er schreibt Gedichte in einer „steckschlosssprache“, „glossolall“ und durchsetzt mit Archaismen und Neologismen. In ihnen ergründet er den „fieberton einer mücke“, und übt sich in Etüden über ins Kaffeelicht getauchte Zuckerlöffel.

Die Mutter aller Künste

Die Künstler des Abends sind Musiker und Schriftsteller. Ihre Sekundanten wollen wissen, wie „die Verfahren zusammenhängen“. Eingehend beschweigen Lentz und Regener die Frage, wer zuerst antwortet. Regener rutscht immer tiefer in eine Unbequemlichkeit der leiblichen Lage. Er kultiviert den Habitus des Lümmlers. Der Lümmler beweist mit intransigentem Sitzgebaren Unabhängigkeit. Trotzdem fühlt sich Regener vor dem Kollegen zu einer Einlassung bemüßigt. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun.

„Songschreiben ist eine musikalische Handlung.“

Deshalb sei im Verwertungskorridor die Gema und nicht VG-Wort zuständig.

Regener nennt Musik „eine abstrakte Kunst“ und „die Mutter aller Künste“. Sofern zwei Begabungen in einer Person zusammengepfercht sind, ergibt sich daraus nichts Zwingendes. Offenbar ist die Musik fordernder als die Literatur. Regner übt zwar, schreibt aber nicht täglich.

Er konturiert den Gegensatz zwischen der Einsamkeit des Schreibens und der Kollektivität … Seine Bandgenossen will er nicht „in Geiselhaft für meine Romanschreiberei“ nehmen. Er wisse überhaupt nicht, was die Kollegen von ihm als Autor halten.

Ich glaube, Regener war der erste, der in Deutschland Lesungen mit tausend und mehr Zuhörern bestritt. Vorher hatten sogar Veranstaltungen in der Bill-Gaddis-Liga den klandestinen Bibelkreischarakter sektiererischer Zusammenkünfte. Wenn Martin Amis oder T.C. Boyle auf Europatournee in Frankfurt am Main gastierten, traf sich die Branche mit ihrem Weinatem und einem Tross aus zwangsverpflichteten Praktikantinnen, deren größter Horror es war, als bessere Buchhändlerinnen in den unteren Schubladen des Verlagswesens wie in stillen Kämmerchen zu verblühen.

Dann platzte die Blase der Heimlichkeit, und die Regners und Hornbys brachen alle Zuschauerrekorde. Jetzt sind sie die alten Männer ohne Mehr, und am Rand ihrer Strecke zum Friedhof gedeiht kein Meerrettich der Überraschungen.

Lentz postuliert die Kombination von Regeln und Ekstase. (Ekstase als Ordnungsgröße.) Er stimmt Regener zu …

der junge Lentz bewegte sich auf dem Grat zwischen Slam und Konstruktivismus. Er zeigte sich scharfgeschnitten im Gegenlicht zum Anything goes der Verspielten, die mit einem einzigen Begriff operierten. Alles ging auch als Kunst und war in jedem Fall postmodern

… er schmirgelt den Regener-Wall zwischen Text und Ton, indem er die Zweckdichtung in der Musik nicht außer Acht lässt. „Peinlich“ findet er „synästhetische Annäherungsversuche“ zwischen den Künsten. Warum auch sich eine Nähe ans Bein binden, die man für nichts braucht. In Lentzens Gedichten ist die Rede von „Truhen, die nicht ruhen“, in konsequenter Kleinschreibung.

Ich spreche nicht von Kleinschreibungskrämerei. Ein sich grämender Krämer kommt auch nicht weiter als ein hoher Reiter. (Ein anti-anagrammatischer Selbstversuch am frühen Morgen.)

„ein irres so eng sein“ im Stasi-Anagramm

Von Holunder gelangt Lentz zu „dich hol unter …“.

Ein Gedicht heißt „Kunst ist Mangel“. Ein Gedicht hat einen unaussprechbaren Titel. Ein „Stasi-Anagramm“ erschöpft sich in „Mielkes Lieblingswort: Desorganisieren“.

„Das Lesen ist geschicktes Sammeln.“

„Sich verbreiten, heißt verschwinden.“

Lentz erkannte, „es wird Zeit für eine Brille“. So reagierte er auf keinesfalls auffällige, mir jedenfalls nicht zu Ohren gekommene Versprecher, die sich vielleicht nur in einem Resonanzabteil des Sprechers zu erkennen gaben, im Unterschwall falsch angespielter Silben. Mir ging das gestern Abend so mit dem Wort „charismatischer Schlackekegel“. Bis ich ein im Kontext der Lektüre überhaupt nicht auftauchendes kregel aus Schlackekegel herausbekam, verging eine verdutzte Weile des Nichterkennens (eines Wortes).

Lentz ärgert sich „zwei Wochen lang“ über Versprecher so sehr, dass er die Spanne nur krankgeschrieben übersteht.

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen