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27.10.2019, Jamal Tuschick

In ihrem Roman „Nahrs letzter Tanz“ erzählt Susan Abulhawa von der palästinensischen Diaspora in Kuwait vor der irakischen Invasion 1990. Ohne Stilisierung und frappierend beiläufig erhebt die Autorin eine radikalfeministische Zuhälterin zur Galionsfigur deklassierter Frauen. Ihre Heldinnen leben in einer patriarchalen Gesellschaft weitgehend ohne Männer. Ihre Notgemeinschaft steht unter hämischer Beobachtung. Immer wieder durchbrechen die Schakale der Verachtung Integritätsschranken. Unter der Aufsicht der Dirnenamme Um Buraq macht Nahr das wahr, was ihr schon lange unterstellt wird. Abulhawa berechnet die sozialen Kosten von Flucht und Vertreibung aus der Perspektive notorisch Ungehörter nach Maßgabe einer unerhörten Frozen Psychology. Wie erfroren wirken die seelischen Figuren auf den inneren Tanzböden der Protagonistinnen.

Belle de Jour auf Arabisch

Eingebetteter Medieninhalt

Nahr ernährt die Familie als sitzengelassene Braut. Sie tritt als wandelndes Nagelstudio auf. Mit Um Buraq zieht sie um die Häuser und macht Kasse als Nachttänzerin.

*

In einer Augustnacht des Jahres 1990 randalieren auf einem Stützpunkt im Nirgendwo der kuwaitischen Staatswüste ad-Dibdiba Offiziere im Vollrausch. Wie in allen Prohibitionsgesellschaften eskaliert das Verbotene im Verborgenen. Die bei jeder Gelegenheit militant Wasser predigenden Wächter der nationalen Moral, verkosten Spirituosen aus sämtlichen Weltgegenden. Nahr mustert die Flaschenbatterien in dem provisorischen Hangar-Casino. Die Erzählerin zeigt sich vom Sortiment beeindruckt. Zur Exzess-Zeugin wird sie als Teilnehmerin einer Escort-Service-Expedition unter der Führung einer ebenso skrupellosen wie wohltätigen Zuhälterin*. Für Nahr mündet die Party in einem Martyrium. Eine öde Qual endet um vier Minuten nach zwei im Großalarm. Saddam Husseins Armee ist im Anmarsch.

Susan Abulhawa, „Nahrs letzter Tanz“, Roman, aus dem Amerikanischen von Stefanie Fahrner, 430 Seiten, 22,-

Die Exil-Palästinenserin Nahr erlebt die irakischen Invasoren als Befreier. Gemeinsam mit ihrem inoffiziellen Präsidenten Jassir Arafat setzt sie auf Saddam Hussein. Die palästinensischen Diasporagemeinden feiern den Diktator als Erlöser. In diesem Kontext bleibt Kuwait eine irakische Provinz, die von europäischen Kolonialmächten abgetrennt wurde, um ein politisch ohnmächtiges Gebilde mit vielen Ölquellen einfach ausbeuten zu können.

In „Nahrs letzter Tanz“ erzählt Susan Abulhawa von einer Palästinenserin in israelischer Einzelhaft. Sie bevölkert ihre Einsamkeit mit dem Personal ihrer verlorenen Freiheit. Abulhawas Vorfahren waren Jahrhunderte in Palästina ansässig. 1948 schaffte es ein Teil (der Vertreibung zum Trotz) zu bleiben. Doch als Israel im Junikrieg 1967 Ostjerusalem und die Westbank besetzte, floh Abulhawas Vater nach Kuwait. Dort wurde Susan Abulhawa 1970 geboren. Die Ehe der Eltern zerbrach. Man reichte Susan in der Großfamilie herum. Sie lebte in den USA, in Jordanien und drei Jahre lang in einem Waisenhaus in Jerusalem. 1983 zog sie endgültig in die USA.

*Um Buraq führt deklassierte Frauen Freiern in einer Gesellschaft zu, in der es keine legale Prostitution gibt. Sie animiert ihre Sexarbeiterinnen zu Beischlafdiebstählen. Sie erpresst, stiehlt, betrügt und unterschlägt. Zugleich bildet sie Vermögen für ihre Komplizinnen.

Nahr erlebt die männerhassende Radikalfeministin als grandiose Unterstützerin und leidenschaftliche Freundin mit einem ans Sagenhafte grenzenden therapeutischen Geschick. Sie erscheint ihren weitgehend schutzlosen Gefolgsfrauen als Heilerin.

Erster Teil der Besprechung 

Bevölkerte Einsamkeit

In ihrem Roman „Nahrs letzter Tanz“ erzählt Susan Abulhawa von einer Palästinenserin in israelischer Einzelhaft. Sie bevölkert ihre Einsamkeit mit dem Personal ihrer verlorenen Freiheit.

Der Originaltitel greift an und (lädt) aus. Das Übersetzungsresultat ignoriert nicht nur den vehementen Ursprung, es widerspricht sogar Susan Abulhawas programmatischer Feststellung: I’m not your hero, not your terrorist, not your whore.

Namensgebung als Affront

Das sagt eine Gefangene in israelischer Einzelhaft. Sie bevölkert ihre Einsamkeit mit dem Personal ihrer verlorenen Freiheit. Alle nennen sie Nahr wie nahr al-Urdunn (Jordan). In Wahrheit heißt sie Yaqoot nach einer Geliebten ihres Vaters. Doch ist Nahr viel mehr das Kind ihrer Mutter, die im Juni Siebenundsechzig schwanger über den Jordan ging. Auf einer berstenden Brücke beschwor sie die Flussgöttin. Die Geflüchtete versuchte es mit einer kleinen Bestechung: Falls du mich nicht absaufen lässt, ehre ich dich in den Namen meiner Kinder.

Jahre später erinnert die Erzählerin, wie ihr Vater nach dem Ergattern eines diasporischen Notbehelfs in Kuwait sofort den Rückweg antrat.

„1948 hatten die Palästinenser eine Lektion gelernt: Gehst du weg“, verlierst du alles.

Nuhrs Vater erduldete monatelang die verschärften Schikanen des Ausnahmezustands, zumal die Kalamitäten einer Ausgangssperre, um sich schließlich, wenn auch mit einem entwürdigenden Status, immer noch als Hausbesitzer fühlen zu dürfen. In der Lesart der Besatzer war er ein „Ausländer“ in seiner Heimat.

Fremde sagten ihm, wer er sei - Abulhawa setzt aktivistische Akzente. Die Autorin formuliert ihre Position kämpferisch:

Aus einem Interview

Denken Sie, dass Autoren wie Sie auch eine Vermittlerrolle im Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel einnehmen können?

Abulhawa: Zunächst einmal handelt es sich hierbei nicht um einen Konflikt. Als Konflikt bezeichnet man, wenn sich zwei ungefähr gleichgestellte Parteien über etwas nicht einig sind. Kolonisierung, Kolonialismus und Neoliberalismus sind keine Konflikte. Sie sind Formen der Unterdrückung, der ethnischen Säuberung und Auslöschung. Und die Situation zwischen den Palästinensern und Israelis ist ein Fall von Siedlungskolonialismus und Apartheid. In diesem Prozess können wir keine Vermittler sein. Doch Literatur ist eine Facette deiner Gesellschaft. Und wenn du zu einem Volk gehörst, dessen Existenz verleugnet wird, dem die ganze Welt sagt "Ihr seid nicht real, ihr existiert nicht" wird das Schreiben deiner Geschichte und das Schaffen deiner Kunst zu einem Akt der Dekolonialisierung.

Belle de Jour auf Arabisch

Alles ist Kampf in einer langen Retrospektive. Nuhr verliert nahezu umgehend ihren Gatten. Er macht aus ihr eine „abgelegte Frau“. Die Düpierte sucht den Beistand einer anderen Verlassenen, die sich als Männer hassende Madame entpuppt. Um Buraq führt deklassierte Frauen Freiern in einer Gesellschaft zu, in der es keine legale Prostitution gibt. Ihre kriminelle Energie grenzt ans Sagenhafte. Sie animiert ihre Sexarbeiterinnen zu Beischlafdiebstählen. Sie agiert erpresserisch mit kompromittierendem Material.

Trotzdem erlebt sich Nuhr zumindest nicht nur als Opfer. Abulhawas Heldin assoziiert Freiheit mit dem von Drohungen überschatteten Doppelleben, das ihr, ich weiß gerade nicht, wie ich es besser sagen kann, die Kupplerin ermöglicht. Um Buraq unterhält eine Wohnung, die von den Sexarbeiterinnen auch als Refugium der Stille genutzt wird. Sie separieren sich da und entziehen sich der Allgewalt ihrer Familien.

Abulhawa beschreibt einen von Nuhr als in jeder Hinsicht profitabel empfundenen Betrieb. Sie verbindet damit Aspirationen des Widerstands.

In einem Interview erklärte die Autorin:

Ich möchte nicht in die „Orient-Falle“ tappen, starke Charaktere bei palästinensischen oder generell arabischen Frauen für ungewöhnlich zu halten. Meiner Erfahrung nach ist das westliche Standard-Bild einer passiven, unterwürfigen, demütigen arabischen Frau eine absolute Seltenheit. Ich kann mich tatsächlich an keine einzige Frau erinnern, die diesem Bild entspricht. Es ist zudem eine Tatsache, dass Frauen das Rückgrat der palästinensischen Kultur, Kunst und des Kampfes sind und immer waren. Aber wie bei ihrem westlichen Gegenüber genießen nur wenige Ansehen für ihre Arbeit und Brillanz.

Nuhr formuliert es so:

„Bevor ich Um Buraq kannte, war mir nie in den Sinn gekommen, dass das Patriarchat vielleicht nicht unbedingt die natürliche Ordnung der Dinge darstellte.“

Jemand, den man in einem anderen Kontext ohne Weiteres als mies & fies subkulturell inkorporieren würde, erscheint in Abulhawas Kosmos galionsfigural inspirierend. In der Regie von Um Buraq inszeniert sich Nuhr als Belle de Jour auf Arabisch (nach Anlaufschwierigkeiten und der Gewöhnung an Alkohol).

Abulhawas weitgespannter, manchmal paradox aufgezogener Bogen fordert den Leser heraus. Beschrieben wird eine rauschhaft urbanisierte Wüstengesellschaft (zunächst vor dem irakischen Einmarsch). Die höchste Erhebung des Landes ragt keine dreihundert Meter auf. Fauna und Flora sind kaum der Rede wert. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung füllt die Kaste der arbeitenden Ausländer*innen. Nuhr gehört zu diesen, institutionell benachteiligten Außenseiter*innen. Ambivalenzen regieren sie. Als Make-up-Artistin mit ambulantem Nagelstudio präpariert die sitzengelassene Exilantin hegemoniale Gattinnen für familiäre Großereignisse. Außerdem geht sie drei weiteren geldwerten Beschäftigungen nach, ohne mit dem Aufwand auch nur an die Nähe der Standards des prestigebesessenen kuwaitischen, überwiegend müßiggehenden Mittelstands zu gelangen.

Ausgerechnet dem gewalttätigsten Freier, einem in Kuwait geborenen Palästinenser, dessen Vater als Ausnahme von der Regel eine herausragende Stellung einnimmt, vertraut sich Nuhr an. Der Schläger kauft sie frei und hält sie sich zu seiner persönlichen Verfügung. Er verliert das Interesse und Nuhr hält sich wieder an die Weisheiten einer Zuhälterin:

Männer „haben alle Macht der Welt, aber es ist möglich, die Macht über sie zu erlangen.“

Bald mehr.

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