MenuMENU

zurück zu Main Labor

27.10.2019, Jamal Tuschick

Young Curators Academy Marathon - Die Young Curators Academy lädt internationale Programmmacher*innen ein, die an der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus arbeiten, um in einen empowernden Austausch zu treten. Die Autor-Aktivist*innen teilen Erfahrungen mit dem Publikum.

Politik des Zuhörens im Micro Context Container

Roha Khayat im M. Gorki-Containerlabor

Das ist kein Workshop, erklärte der Chefkurator

Antike Collage

„Das ist kein Workshop“, verkündet der Chefkurator.

Ich habe seinen Namen nicht verstanden. Maxim-Gorki-Theaterchefin Shermin Langhoff hat ihn in Singapur kennengelernt, und so wie er die Geschichte erzählt, gleich mitgenommen. Der Maître de Plaisir erklärt den Raum seiner Verkündungen zum Open Space und Micro Context Container – zu einem Schauplatz der Politik des Zuhörens. Er gibt den magischen Rat: Betten Sie sich ein in den Moment. Wir kennen das Wort embedded - eingebettetaus der Kriegsberichterstattung. Hier kriegt es einen schnuckeligen Kontext. Zum Vorsprechen eingeladen sind Activator. Der Begriff findet eine synonyme Verwendung mit Kurator. Die neuen Kuratoren treten als Animateure ihrer Szenen auf. Sie mobilisieren ihre Leute.

Epochensignatur und Kollaboration (unter Geschwistern)

Rola Khayyat ist so eine neue Kuratorin. Die aus dem Libanon stammende Aktivistin nennt ihre Präsentation eine Kollaboration unter Geschwistern.

Pieces of us

zeigt Fotos aus dem Familienalbum. Eine antike Collage feiert den Siegeszug der Brownies und Kalaschnikows. Das Bild erfasst die Signatur einer Epoche. Es wirkt so narrativ, dass ich den Urheber als Autor begreife. Scharfsinnig kombinierte er die AK 47-Metaphorik der Dekolonisierung (die Kalaschnikow als Schlagzeug des Befreiungskampfs) mit der US-imperialistischen Bestechungspolitik im Zuge einer weltweiten Verbreitung von Coca-Cola etc.

Kalaschnikow versus Coca-Cola

Leicht lässt sich der Autor als längst ausgestiegener Bewohner des globalen Südens identifizieren. Aus der Hegemonialperspektive befand er sich in einem namenlosen Außerhalb. Da lag aber ein archimedischer Punkt der Erkenntnis, zu dem Khayyat einen Mix aus aktuellen und historischen Szenen beisteuert.

Der Vater stammt aus Saudi-Arabien, die Mutter aus dem Libanon. Khayyat erlebt in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Beirut „eine amerikanische Kindheit“.

Das ist das Thema der Aktivistin: die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln. Ihre Umgebung glich den weißen Vororten nordamerikanischer Städte. Die Familienwerte ihrer muslimischen Mutter entsprachen einem protestantischen Ideal der 1950er Jahre.

Khayyat erzählt von PoC, die sonst wo im Nahen und Mittleren Osten „die weißen Dominanzkultur“ komplett adaptiert hatten, mit Baseball und Barbecue in der Wüste. Sie fühlten sich „erleuchtet von den amerikanischen Errungenschaften“.

Ich wünschte, ich könnte Khayyat Darstellungspräzision überliefern. Ihre Präsentation erklärt die Prozesse einer Korrumpierung, die uns alle geprägt hat. Sie wirkt so konstituierend, dass jede substantielle Widerrede auf eine Selbstamputation hinausliefe. Wer so eine Dekonstruktion zulässt, kann sich, glaube ich, nur radikalisieren.  

Khayyat schildert einen Anfang - Camping in der Wüste. Ziegen und Esel vor einem Bohrturm. Unter lauter Djellaba-Trägern ragt Khayyats Ingenieurs-Großvater amerikanisch auf. Man sieht den Willen zur Differenz; den Glauben an einen Fortschritt mit westlichen Vorzeichen.

Ein Hüttenhalbrund säumt die vor einem brandigen Himmel skelettös aufragende technische Installation einer Experimentalbohrung. Das auf einer öden Fläche verstreute Equipment offenbart sich nicht als Gegenstandsensemble der Exploitation – eines massiven Eingriffs – einer Usurpation, die sich zu einem Industriestandort von der Größe einer Stadt auswächst.

Die Negative der Pionierzeitdokumente lagerten Jahrzehnte in Kodak-Schachteln, die in ihrer Funktionalität so amerikanisch verheißungsvoll aussehen wie die Sieger-Devotionalien in meiner Kindheit. Ab den 1930er Jahren entstand Suburbania wie ein anderes Babylon an der Peripherie einer Monsterraffinerie. Bald gab es alles schon damals: Burger, Pfadfinder, Christmas & Halloween in der arabischen Wüste.

Auf einem Foto sieht man Beduinen Baseball spielen.

Zwei Generationen später hat sich das alles verfestigt.

„Als wir anfingen nachzudenken, stießen wir auf lauter Widersprüche.“ 

Wir führten ein amerikanisches Leben in der arabischen Welt. Es beweist die Überlegenheit der Brownies gegenüber den Kalaschnikows. Zu denken ist hier auch an G. W. Bushs Verdikt: The american way of life is not up for negotiation.

Khayyats Beweisführung ist exzellent.

Aus der Ankündigung

Unter der Überschrift DE-HEIMATIZE IT! versammelt der 4. Berliner Herbstsalon eine Werkschau bildender Künstler*innen mit einem umfangreichen Theater-, Performance- und Ausstellungsprogramm, einer Konferenz und einer Young Curators Academy, um aus intersektional-feministischer Perspektive über Konstruktionen von Identität, Nation und Zugehörigkeit zu diskutieren. Mit dem Siegeszug von männlichem Autoritarismus, Nationalismus und neoliberalen Regimen geht der Ausschluss von Entrechteten und Enteigneten einher. »Heimat« ist also immer auch »Vaterland«, ihre mehrheitsfähige Etablierung ein Akt der Privilegierten. In Anlehnung an Bilgin Ayatas Forderung »De-heimatize Belonging!« rücken wir gesellschaftliche Ausschlusskriterien von race, class, gender in den Blick und fragen: Wie können wir andere Zugehörigkeiten denken? Der 4. Berliner Herbstsalon lädt unter DE-HEIMATIZE IT! ein, solidarische Praktiken gegen Unterdrückung und Ausschluss zu entwickeln und gemeinsam der -ismen-Kultur neue Impulse entgegenzusetzen.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen