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28.10.2019, Jamal Tuschick

Bill McKibben im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei – Das Urgestein des Klimagerechtigkeitsaktivismus präsentierte seinen Bestseller „Die taumelnde Welt“ im Gespräch mit der Aktivistin Clara Meyer und dem taz-Redakteur Peter Unfried.

Angst um den Hamburger

Von links: Peter Unfried, Clara Meyer, Bill McKibben

Von links: Peter Unfried, Clara Meyer, Bill McKibben

Fossile Brennstoffe sind die lukrativste Substanz der Welt

Gegen G.W. Bush lässt sich eine Menge vorbringen. Auf den Mund gefallen ist der vor Trump dümmste US-Präsident aber nicht. Angesprochen auf die globale Erwärmung, konterte er mit dem Klassiker:

„Those who think we‘re powerless to do anything about the greenhouse effect are forgetting about the White House effect.“

Bill McKibben war schon ein Global-Warming-Warner als seine Gegner noch leichtes Spiel hatten und die Aktivist*innen es sich gefallen lassen mussten, zwischen Hysterie und Esoterik verortet zu werden.

Das ist lange vorbei.

Heute sind die neuen sozialen Bewegungen Global Player. Sie haben die Macht, Regierungen einzuschränken. Konzerne zwingen sie zu Desinformationskampagnen und Camouflage-Strategien. Stichwort Greenwashing.

Im Kesselhaus plädierte McKibben für mehr Aktivismus. Er will Regierungen zu Sidekicks der internationalen außerparlamentarischen Opposition machen; die Prozesse umkehren und sie so beschleunigen. Obwohl der Altmeister die Menschheit bereits unter dem Vordach des Zu-spät vermutet.

McKibben begrüßte „den neuen Mix aus Protest und Politik“ im Fridays for Future-Stil. Er berichtete von einer Begegnung mit Greta Thunberg, die er „smart“ findet.

Greta habe begriffen, worum es geht.

Mit hartgesottenen Kongressleuten sei sie leicht fertiggeworden. Sie verweigere sich grundsätzlich der überkommenen Praxis. Stattdessen verfolge sie einen Konfrontationskurs, der ihre Gegner zu Image schädigenden Manövern zwinge; obwohl sich die größere Machtkonzentration zweifellos auf der Gegenseite etabliert hat. McKibben erwähnte die sagenhaft reichen und mit ihrem Vermögen die amerikanische Politik bestimmenden Brüder Koch.

Kann es einen Wandel der Welt ohne eine neue Ordnung und ohne die totale Entmachtung der alten Spieler geben?

Seit der Feststellung des Treibhauseffekts vor dreißig Jahren haben sich die CO2-Emissionen weltweit verdoppelt. Mehr als die Hälfte der Gase werden in den alltäglichsten Abläufen freigesetzt.

Warum sollte sich daran grundsätzlich etwas ändern, fragte McKibben (vielleicht auch mit pädagogischer Skepsis?) – Da doch fossile Brennstoffe das Weltgeschehen in Gang halten. 

Boss Bashing

Kein Bild einer Entladung erreicht den tristen Furor eines Meteoritensturms. Im Verlauf ihrer Geschichte wurde die Erde immer wieder bombardiert und jedes Mal kam es zu einem Massensterben, das den Kleinsten die größten Überlebenschancen bot.

Der Feind ist „extrem solvent, gut organisiert und entschlossen (mit allen Mitteln) den Status quo zu verteidigen“.

Das gab McKibben der Aktivistin Clara Meyer zu bedenken, die sich berührend zu den anti-klimagerechten Ausbrüchen in den sozialen Medien äußerte. Die Abiturientin sieht sich Angriffen ausgesetzt, seit sie als Klimakämpferin sichtbar wurde.

Auch Clara Meyer bietet Repräsentanten der Großindustrie die Stirn und stellt ihnen verheerende Zeugnisse aus. Sie fragte den alten weißen Mann auf der Bühne:

„Was macht die Leute so wütend an der Klimagerechtigkeit?“

McKibben neigte sein Haupt und sprach: „Sie fürchten, dass man ihnen ihre Hamburger wegnehmen könnte.“

*

McKibben erklärte, dass sich Klimagerechtigkeit in konservativen Kategorien gut beschreiben lässt. Radikal seien die anderen. Die Radikalität trotze auf der Gegenspur dem besseren Wissen und der höheren Einsicht. Indirekt pflichtete die Kollegin McKibben bei.

„Wir tragen den Protest in die Wohnzimmer unserer Eltern.“

Das heißt, diese Jugendbewegung transportiert den Protest in den Mittelstand, wo der Bewahrungswille und das Beharrungsvermögen am stärksten sind. Folglich entspricht die Durchsetzung klimagerechter Ziele einer konservativen Revolution.

Aus der Ankündigung

Im Jahr 1989 warnte Bill McKibben mit seinem Buch »Das Ende der Natur« als einer der ersten vor dem Klimawandel und gilt seitdem als einer der weltweit führenden Umweltaktivisten.

Bill McKibben, „Die taumelnde Welt“, aus dem amerikanischen Englisch von Sigrid Schmid, Karl Blessing Verlag, 396 Seiten, 22,-

Im Jahr 2019 ist sein neuer Aufruf, der unmittelbar nach Erscheinen auf die NYT-Bestsellerlist einstieg, umso dringender und weitreichender. Denn die Menschheit ist dabei, nicht weniger als ihr Fortbestehen aufs Spiel zu setzen. Der Klimawandel ist heute, so McKibben, ein Hebel, der unsere Welt von Grund auf verändert. Die konzentrierte wirtschaftliche Macht in den Händen einiger weniger Spieler ist ein weiterer. Genauso die radikalen Konsequenzen der modernen Genetik sowie das Streben der Tech-Mogule nach künstlicher Intelligenz, das nach dem Sinn menschlichen Daseins gar nicht mehr fragt.

In »Die taumelnde Welt« tritt Bill McKibben einen großen Schritt zurück, um dieses gesamte »Spiel der Menschheit« zu betrachten: Welchen Lauf nimmt es, wer macht die Regeln, und wie wollen wir es in Zukunft spielen? In seinem neuen Buch wirft der Autor einen ungeschönten und doch hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft des Menschen.

Bill McKibben, geboren 1960 in Palo Alto, Kalifornien, ist einer der profiliertesten Umweltaktivisten der Vereinigten Staaten und Autor zahlreicher Bücher, einige davon Bestseller. Er ist Gründer der Initiative 350.org, die für die Reduktion von CO2-Emmissionen kämpft, im Sommer 2006 führte er die größte Demonstration in der US-amerikanischen Geschichte gegen die globale Erwärmung an. 2014 wurde er mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt.

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