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28.10.2019, Jamal Tuschick

Bevor sie auf Andy Warhol schoss, befand Valerie Jean Solanas: „Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und abenteuerlustigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten.“ Mit der radikalfeministischen Einsicht erleuchtet Marta Górnicka ihr Chorstück „Jedem das Seine“, dessen Premiere wiederum den Berliner Herbstsalon im Maxim Gorki Theater illuminierte.

Alles plattmachen

Im Stimmenrausch

Das Maxim Gorki Theater ist ein Zentrum für politische Schönheit. Es verbindet Haltung mit Experiment und ist folglich Bastion & Labor. Statt einer Rede zur Eröffnung des Herbstsalons kritisieren Aktivistinnen um Hito Steyerl die Haltung der Bundesregierung im Zusammenhang mit der türkischen Intervention in Nordsyrien. Sie stellen ein Versagen der Völker fest und überschreiben das Versagen mit Rojava. Weil ich es nicht besser weiß, glaube ich, die Intervention sei inkorporiert; der Protest verschmelze in einer Inszenierung mit dem Chor der #Vielen zum Stimmenrausch.

Doch vollzieht sich das theatralische Geschehen in einer Segregation. Die Verkünderinnen des Unfriedens räumen die Bühne, um einem anderen Widerstand den Raum zu geben. Ein vokaler Sturm hebt an im Chorgesang. Das Ensemble meldet:

„Wir kotzen in den Gender-Gap.“  

Manche Worte schaffen es von jetzt auf gleich in jeden Zusammenhang. Die plötzliche Omnipotenz produziert eine Leerstelle. Was war da vorher? Was sagte man, bevor man Gap sagte? 

Die Regisseurin als Dirigentin oder vom Wahn ermächtigt

Egal. Im Publikum erhebt sich eine Person, schiebt Ärmel zu Ellen, und fängt an, wuchtig zu gestikulieren. Könnte eine Irre sein, die mitspielen will. Ich sitze so gut wie neben mir/ihr und nehme lustvoll alles auf, was an Irritation um uns stattfindet. Die Geistesgegenwart nimmt mit dem Grad der sozialen Implosion ab. Je unauffälliger/angepasster eine Person im postbürgerlichen Jetzt agiert, desto langsamer reagiert sie in ungeregelten Situationen. Zur Auswertung bald mehr.

Die sich da erhoben hat, dürfte sich noch ganz anders exaltieren. Das ist ihre Show, die Marta Górnicka lenkt wie ein Arabergespann.  

„Jedem das Seine“ ist von den Nazis mit Orwell‘scher Neusprech-Tücke zu einem bösen Wort gemacht worden. Vermutlich strebte Górnicka nach einem feststellenden Begriff. In aufmarschförmigen Durchgängen mutieren Prämissen. In True Love Machine erscheint eine Harmony im Nice-to-meet-you-Modus sowie im Plural der singenden Schauspielerinnen. Harmony hält Sex für das „faszinierendste Ding der Welt“. Sie changiert zwischen einer autonomen Position und totaler Verfügbarkeit (als Puppe oder Roboter).

Im übernächsten Ablauf „spricht aus Frauen der Tod“. Sie sind „die Fremden“. Ihnen folgt Donald Trump als Botschafter seiner selbst.

Ich bin die Botschaft.

„Tschüss weißer Mann“

Trumps Trolltolle im Toupetstil repräsentiert ihn auf der Bühne. Vor lauter Ich fängt er an zu krampfen. Er verkörpert die Welt als Wille und Vorstellung in einer Farce. Ich fragt mich, wer ihm in der Tragödie voranging … das Geschehen im Verfolgerschein hält ein hohes Tempo auch bei der Verabschiedung des Hege(dä)monen. Seine Zeit ist abgelaufen. Wir wissen es alle. Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend, fragte Heiner Müller. Er wusste, weshalb Brecht die Nase vom Leben voll hatte. Er starb, so Müller, um sich nicht länger verhalten zu müssen. Der weiße Mann betet in jedem Fall vergeblich um Aufschub. Der Kelch dieser Kulturrevolution geht an keinem vorbei. Das ist Górnickas Sendung. Sie kommt gut an.    

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