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30.10.2019, Jamal Tuschick

Sie lacht Jungen aus, die in ihrer „weißdeutschen“ Ahnungslosigkeit nicht richtig über Rap Bescheid wissen. Aus ihrem Vornamen Reyhan schmiedet Şahin den Künstlernamen Lady Ray. Die Ergänzung zum vollen Programm ergibt sich im Verlauf eines Auftritts in Bremen-Tenever. Soziale Stadt Tenever spuckt Google zuerst aus, gibt man Tenever ein. Muss so was wie Sven Regeners Neue Vahr Süd sein. Ihr nennt mich Bitch und so (geht es) weiter. Man nennt das Reclaiming. Irgendwann geht Bitch so durch wie schwul. Die negative Zuschreibung mutiert zum nobilitierenden Prädikat.

Feindliche Gosse

Migrantischer Feminismus - Nachträgliche Bemerkungen zu Reyhan Şahins Pamphlet „Yalla, Feminismus!“

Brandanschläge und Morddrohungen signalisieren eine gewalttätige Sehnsucht nach ethnischer Homogenität. „Remigration“ heißt „Türken raus“ auf „ethnopluralistisch“. Şahin wächst mit den alten Kodes und einem Vokabular der feindlichen Gosse auf. Noch ist die Aggression laut und das Ressentiment entblößt sich selbst in zügelloser Aussprache.

Reyhan Şahin, „Yalla, Feminismus!“, Tropen-Verlag/Klett-Cotta, 316 Seiten, 20,-

In dieser Vehemenz wächst Şahin auf. Die Vehemenz bildet/bietet einen Raum, der sich ergibt im Doppelsinn. Die einst von den Weißdeutschen aufgegebenen Low-Life-Refugien erfahren in der migrantischen Belebung eine Aufwertung. Chancen ergeben sich auf Flächen, deren ursprüngliche Nutzer*innen sich ergeben haben. Şahin begreift das Spiel. Man muss die Kulturwelle reiten und in den gesellschaftlichen Mittelbau vorstoßen. Ober- und Hochschulen sind weiße Forts. Sie sind uneinnehmbar für jene, die das Geschäft der Einfallslosigkeit im permanenten Penetrationsmodus erledigen. Frau muss so invasiv wie die paradiesischen les fleurs du mal auf die Apparate und ihre Akteure wirken.

Doch bleibt die Gegenwehr heftig. Unter der Überschrift „Antimuslimischer Rassismus“ listet die Autorin auf, was sich an der Peripherie des NSU-Epizentrums im Dunstkreis eines Staatsversagens abspielt(e). Şahin schildert Thilo Sarrazin als Symbolfigur einer Zeitenwende. In Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ seien die Wälle des Sagbaren (nach den Maßstäben der alten Bundesrepublik) geschliffen worden. Von da an, wusste der rassistisch-chauvinistische Bewohner des gesellschaftlichen Mittelbaus wie er seinen Vorbehalten Ausdruck verleihen kann, ohne im Rahmen der freien Meinungsäußerung anzuecken. Ein wichtiger Schritt war die (jede Menge Differenz annullierende) Gleichsetzung von Türke/Araber und Muslim in der Kombination einer Gleichsetzung von Muslim und Problem. In dieser Gleichung gelangt man leicht zu unausgesprochenen Ergebnissen. Der Subtext dominiert den Haupttext. Man sagt Türke und meint Problem. Man sagt Kultur und meint Ethnie. Kurz gesagt, man muss nicht mehr viel sagen, um das Niveau beredten Schweigens zu erreichen. Das Phänomen lässt sich als New Deal beschreiben. Nach diesem Gesellschaftsvertrag können verborgene Unwerturteile permanent zirkulieren, ohne die Sprecher*innen zu diskreditieren. So unter anderem funktioniert Gewalt unter zivilen Umständen.

Meine Besprechung 

Eskalierendes Engagement

Anders als alle – Reyhan Şahin fühlt sich „im gesamtdeutschen feministischen Diskurs … wie eine feministische Insel“. Das offenbart sie in ihrem Pamphlet „Yalla, Feminismus!“

„Es gibt keinen Feminismus, der Rassismus ausklammert. Intersektionalität ist „a way of seeing“; „ein Depot voller ungehörter Geschichten“; eine Kraftquelle und ein Fundus der Gegenrede – backtalk.

„Die Widerrede hat mich zu einer politischen Person gemacht.“

Kimberlé Crenshaw

*

Fuckademia nennt sie den Wissenschaftsbetrieb. Reyhan Şahin marschiert wie eine Alexandra-Alien von Humboldt unserer Tage durch Academia – anders als alle. Mit neun ging sie als Nutte zum Karneval, ganz so als hätte sie etwas grundsätzlich nicht verstanden oder als weigere sich etwas in ihr, auf der fett eingezeichneten Anpassungsmagistrale zu bleiben. Ihren Hamster nannte sie Ice-T, als Hommage an ihre musikalische Sozialisation, die man auch als Zwangsbeschallung bis zum Blow- oder Burnout der Liebe beschreiben kann.

Reyhan Şahin, „Yalla, Feminismus!“, Tropen-Verlag/Klett-Cotta, 316 Seiten, 20,-

Ich war klug schon als Kind, schreibt Şahin dem Sinn nach. Sie lachte Jungen aus, die in ihrer „weißdeutschen“ Ahnungslosigkeit nicht richtig über Rap Bescheid wussten. Aus ihrem Vornamen schmiedete Şahin den Künstlernamen Lady Ray. Die Ergänzung zum vollen Programm ergab sich im Verlauf eines Auftritts in Bremen-Tenever. Soziale Stadt Tenever spuckt Google zuerst aus, gibt man Tenever ein. Muss so was wie Neue Vahr Süd (Sven Regener) sein.

Ihr nennt mich Bitch und so (geht es) weiter. Man nennt das Reclaiming. Irgendwann geht Bitch so durch wie Schwul oder Punk. Dann guckt man nach und stellt fest: Aha, 2. September 1666 - Wie Mr. Povy sagt, verbringt der König die meiste Zeit damit, die Frauen, die man ihm nackt ans Bett schickt, abzutatschen und abzuküssen. Der alte Punk wird seine Geilheit nie los. Ungefähr Samuel Pepys

Natürlich stand Şahin mit ihrem Antizipationsvermögen ziemlich allein auf weiter Schulflur. Sie nahm #metoo vorweg. Zum Feminismus „kam sie über die Praxis, nicht über die Theorie“. Heute steht sie für „subversiven Feminismus via expliziten Sex-Rap“ fern jeder „feministischen Benenn-Mafia“.

Der weiße Mittelstandsfeminismus ist ein Hauptgegenstand der Kritik, die Şahin übt. Die Autorin, Musikerin und Wissenschaftlerin bringt Yalla in den Feminismus. Aufbruch und Zuversicht sind Marken des Yalla-Feminismus. Das YF-Konzept erlaubt zwar konfrontative, aber keine konformistischen Lesarten.

Feministische Intersektionalität

1989 prägte Kimberlé Crenshaw den Begriff der Intersektionalität, um das Zusammenspiel von unterschiedlichen Unterdrückungsformen zu beschreiben. Intersektionalität gibt Mehrfachdiskriminierungen nicht nur einen Namen, sondern auch eine Analyse.

Unter der Überschrift „Feministische Intersektionalität“ behandelt Şahin die Hauptstoßrichtung des nicht-weißen Feminismus. Sie stimmt mit Natasha A. Kelly überein, die gelegentlich feststellte:

„Der Schwarze Feminismus hat viele Ansätze.“

Das Verbindende ist die Intersektionalität.

Şahin referiert eine feministische Traditionslinie von Sojourner Truth über … bis zu ihr selbst.

Kurz zu der bannbrechenden Rede, die Sojourner Truth 1851 auf einem Frauenkongress in Akron, Ohio, hielt:

Lasst sie nicht sprechen

Es waren Frauen, die eine der ersten Schwarzen Feministinnen auf einem Emanzipationskongress vor hundertsiebzig Jahren nicht zu Wort kommen lassen wollten. Weiße Feministinnen traten als Garantinnen der Ungleichheit auf. Sie forderten:

„Lasst sie nicht sprechen.“

Sojourner Truth hielt trotzdem eine die Himmel der weißen Selbstgerechtigkeit erschütternde Rede vor Geschlechtsgenossinnen, die zwar strukturell erniedrigt wurden …

Dagegen rappt, schreibt und forscht Şahin an.

„Ich habe für mich Räume festgelegt … in denen ich unabhängig sein konnte.“

Das brachte Probleme und entschleunigte die Karriere.

Şahin weiß, dass nicht-weiße …

Emotionale Stahlbolzen in einer von Penissen bestimmte Infrastruktur

… deutsche Frauen „als Schlagbolzen für die Emotionen aller Menschen in ihrer Umgebung herhalten“ müssen (Natasha Kelly).

Eingebetteter Medieninhalt

Şahin beschreibt „eine von Penissen bestimmte Infrastruktur“ in dem Geschäft mit den Gefühlen Heranwachsender. Die aus den Ketten der Fremdbestimmung zumindest halbwegs geschlagene Visionärin schafft das Narrativ von der zumindest halbwegs unabhängigen, die Benennung von Missständen sozial überlebenden, mit verschiedenen Positionen jonglierenden Akteurin.

Şahin schildert ihre Vorgängerinnen und Mitbewerberinnen als Garantinnen eines Partisanenmuts in einer breitbeinigen Männerdomäne mit lyrisch gehypten Abzweigungen Richtung Kriminalität und menschenfeindlichem Verhalten. Eine falsche Berichterstattung hilft Profiteuren des Systems die Mutlosigkeit jener zu fördern, die ohnehin zur Unsicherheit neigen, ohne die Mächtig-Miesen aus dem Sattel zu heben.

Şahin spricht über die Krux des „hinnehmenden Song-Sexismus“. Sie plädiert für „gezielte feministische Interventionen“, die Rap-Rahmenbedingungen ändern und Sexismus ächten sollen. Das ist bestimmt die nächste Welle. Die Macho-Marginalisierung hat schon angefangen. In ihrer Logik setzen die Verteidiger einer untergehenden Welt nur noch das Geld des Hauses aufs Spiel. Das heißt, niemand, der jetzt mit großem Potential dazustößt, wird es so machen wie die Altvorderen mit und ohne „Migrationsdefizit“. Der nächste Newcomer mit Kawumm wird Chimamanda Ngozi Adichies Titel/Slogan/Ansage/Aufruf We Should All Be Feminists auf der Brust und auf den Lippen tragen.

Deshalb kommt Şahins Plauderei zur rechten Zeit. Die Pionierin steckt ihre Claims ab, bevor ein run auf das Gold der genderfluiden Diversität losgeht und Agent*innen der Zukunft den Rap der alten Männer zu Makulatur erklären.

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