MenuMENU

zurück zu Main Labor

31.10.2019, Jamal Tuschick

Jeder kennt Ewan MacColls Evergreen „Dirty Old Town“. Die Wenigsten wissen, dass das Lied als Hommage an MacColls und eben auch Shelagh Delaneys Geburtsstadt Salford entstanden ist. MacColl ehrte das Gemeinwesen in der Munizipalität von Manchester ursprünglich nur, um mit der Leiernummer einen Szenenwechsel in seiner Show glatt über die Bühne gehen zu lassen. Die Rede ist buchstäblich von einer Übergangslösung. MacColl half sich so aus einer Verlegenheit. Daraus wurde ein Klassiker. Spekuliert man auf industrielle Tristesse und Rust Belt Romance, dann übertrifft Salford das zur Metapher eines obsoleten Lebensgefühls im Spektrum negativer Großartigkeit avancierte Manchester.

Rust Belt Romantik

Mareile Metzner und Jon-Kaare Koppe lesen Shelagh Delaney

Gastgeberin Britta Jürgs, Tobias Schwartz

Franziska Melzer

A Taste of Honey: The Smiths - This Night Has Opened My Eyes

Eingebetteter Medieninhalt

Darf man Morrissey noch gut finden?

Es wäre die richtige Frage gewesen für eine öde Debatte, in der sich im akuten Jetzt alle möglichen Leute als Aktivist*innen zu erkennen geben, um sich im Fusel-Furor der richtigen Gesinnung zu echauffieren und zu distanzieren. Aber Tobias Schwartz stellte den Zwiespalt seiner Empfindungen dann doch nicht zur Diskussion. Der edierende Übersetzer einer unter dem Titel „A Taste of Honey“ gehaltenen Textsammlung aus dem Werk von Shelagh Delaney hielt es sogar für möglich, dass im Publikum nicht jeder mitbekommen hatte, weshalb Morrissey auf einer weltweit kursierenden Ächtungsliste gelandet ist.

Shelagh Delaney, „A Taste of Honey“, herausgegeben von Tobias Schwartz u. André Schwarck, aus dem Englischen von Tobias Schwartz, AvivA Verlag, 398 Seiten, 22,-

Schwartz präsentierte den Band im Rahmen einer Wohnzimmerlesung. Die Delaney verlegende Gastgeberin Britta Jürgs sekundierte dem The Smiths- und im Besonderen Morrissey-Aficionado.

Wikipedia weiß: Shelagh Delaney (* 25. November 1938 in Broughton, Salford, Lancashire; † 20. November 2011 in Suffolk, East Anglia, England) war eine britische Schriftstellerin und Drehbuchautorin, die vor allem durch ihr Theaterstück Bitterer Honig (Originaltitel A Taste Of Honey) bekannt wurde.

Der sperrige und stachelige Musiker aus Manchester half mit seinen Liedern dem Referenten am Leben zu bleiben. Morrissey stellte den Kontakt zu Delaney her, ohne sich persönlich zu bemühen.

Sie war die einzige Frau unter angry young men

Von Delaney erfahren wir, wie Manchester wirklich war … damals als überall die Ratten durch die Wände brachen.

Schwartz kennt seit fast dreißig Jahren Texte von Delaney auswendig, war sich dessen jedoch lange nicht bewusst. Der Fan reagierte auf Morrisseys lyrische Landnahmen extrem verzögert. Er realisierte einfach nicht jede Fremdvers in seiner übernommenen Wörtlichkeit. Zwar habe Morrissey fremde Quellen in seinem Werk stets angegeben, doch sei der Ursprung in der Aura des Idols verschwunden.

Das ist eine interessante Beobachtung. Morrissey überstrahlte Delaney in der Wahrnehmung des jungen Schwartz, bis sich die Schriftstellerin in dieser Wahrnehmung von ihren Nebenrollen emanzipierte und Morrissey zu ihrem Sidekick machte.

Schwartz zählte die Helden auf, die Delaney ihre Reverenz erwiesen. Wie zum Beispiel die Beatles, deren Magical Mystery Tour-Soundtrack, so Schwartz, von einer Delaney-Geschichte namens „The White Bus“ inspiriert wurde.  

Die Literatur- und Theaterkritik habe sich förmlich an Delaney vergangen, die Schriftstellerin „aufs Frausein reduziert“ und einen Grottenolm-Sexismus gefeiert.

Britta Jürgs gestattete sich die Bemerkung:

„Delaney war zu rebellisch.“

Vielleicht wollte man ihr den Widerstand, den sie (mit dem sie Leute gegen sich) aufbrachte, heimzahlen mit fiesen Rezensionen.

Goethe furios: „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“  … ein nichts könnender Alleswisser.

Zu Delaneys Zeiten war Manchester ein Hotspot des Prä-Swinging London-Appeals. Die Kapitale der industriellen Revolution bot in den 1950er Jahren als Muster einer kaputten Industriestadt den Nighthawks malerische Schauplätze und Kulissen. Schwartz behauptete, dass Delaney Salford der großen Stadt den Rang ablief, soweit es den Dirty-Old-Schick- und Charme betraf.

Delaney sei eine 24/7-Partygängerin gewesen, die sich oft auf dem federnden Boden im Tanzsaal des Ritz ausgelassen habe. Die Rezeption ihrer Prosa und der dramatischen Sachen verlief im Takt der Epochensichtungen vergleichsweise angemessen. In jeder Angry Young Men-Bestandsaufnahme tauchten Pinter und Osborne - und Sillitoe mit seinem wunderschönen Titel The Loneliness of the Long-Distance Runner …

Ein Satz meiner auf Sportplätzen absolvierten Jugend:

The can't kid me, the bastards. Alan Sillitoe

… und Delaney auf. Man lobte die „spröde und ungestüme Schönheit“ ihrer Sprache. Heute würden die späten Fünfziger literarturwissenschaftlich vernachlässigt. Das steuerte Mitherausgeber André Schwarck bei:

„Es liegt ein Schleier auf dieser Zeit.“

Franziska Melzer, Marc Eisenschink

Aus der Ankündigung

… möchte ich Dich schon jetzt sehr herzlich zum Presseempfang anlässlich des Erscheinens von »A Taste of Honey« von Shelagh Delaney einladen. Der Herausgeber und Übersetzer Tobias Schwartz präsentiert am Mittwoch, dem 30. Oktober 2019 um 19.30 Uhr den am 16. Oktober erscheinenden Band, der die Erzählungen und Stücke der britischen Autorin in vollständiger Neu- und Erstübersetzung versammelt. Die Veranstaltung findet … statt. Die 1938 in Salford bei Manchester geborene Shelagh Delaney ist die einzige Frau unter den »Angry Young Men« der britischen Nachkriegsliteratur – und weit mehr als nur eine feministische Fußnote. Shelagh Delaney verkörpert eine neue, aufstrebende und radikale Autor*innen-Generation und auch den Zorn einer wirtschaftlich und kulturell vernachlässigten Schicht. Sie entwickelt sich zu einer Ikone der Popkultur im Vereinigten Königreich.»A Taste of Honey« lädt nun dazu ein, das facettenreiche Werk Delaneys, die in Großbritannien längst zur Klassikerin geworden ist, endlich auch im deutschsprachigen Raum zu entdecken. Die Schauspielerinnen Franziska Melzer und Mareile Metzner und der Schauspieler Jon-Kaare Koppe präsentieren an dem Abend Passagen aus Delaneys Erzählungen und Stücken. Tobias Schwartz erzählt, wie er dazu kam, Shelagh Delaney zu übersetzen; im Anschluss geben Franziska Melzer und der Musiker Marc Eisenschink ein kleines Live-Konzert mit Songs von Elvis, den Beatles, Joy Division und The Smiths – Songs also, die weitestgehend aus dem Delaney-Kosmos stammen.  

The dream has gone but the baby is real

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen