MenuMENU

zurück zu Main Labor

31.10.2019, Jamal Tuschick

„Die Geschichte hat sich so zugetragen.“ Das bekräftigte Isabel Allende, indem sie es wiederholte im Gespräch mit dem Literaturagenten Thomas Böhm, der die Schriftstellerin im Rahmen der „Schönen Lesung“ - einer Sendung von radioeins des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) - zu ihrem aktuellen Titel „Dieser weite Weg“ befragte.

La Retirada

Es kommt zu Abschwächungen der Authentizitätsbehauptung. Die Narration habe die Wirklichkeit stellenweise überholt.

Wovon die Rede ist in

Isabel Allendes zurzeit weltweit diskutierten Roman, „Dieser weite Weg“ (aus dem Spanischen von Svenja Becker, Suhrkamp, 384 Seiten, 24,-)
Als republikanisch-idealistischer Sanitäter im Spanischen Bürgerkrieg beweist der angehende Arzt Víctor Dalmau Fingerspitzengefühl bei der Wiederbelebung eines aufgegebenen Soldaten. Er rettet ein halbes Kind, dass für ihn namenlos bleibt, während es den Namen seines Retters in Erfahrung bringt und sich als Schriftzug auf die Brust tätowieren lässt.

Dalmau erinnert eine Wunde wie gemalt. Nachdem die Hoffnung auf Freiheit zu Grabe getragen wurde, wir erinnern an die Legion Condor und an Picassos Guernica, konsultiert Dalmau den chilenischen Konsul in Paris und erwirbt bei dem Granden Pablo Neruda das Recht einer Passage. 

Guernica - Im Madrider Museo de Reina Sofia

Es kommt zu Abschwächungen der Authentizitätsbehauptung. Die Narration habe die Wirklichkeit stellenweise überholt.

Wovon die Rede ist in

Isabel Allendes zurzeit weltweit diskutierten Roman, „Dieser weite Weg“ (aus dem Spanischen von Svenja Becker, Suhrkamp, 384 Seiten, 24,-)
Als republikanisch-idealistischer Sanitäter im Spanischen Bürgerkrieg beweist der angehende Arzt Víctor Dalmau Fingerspitzengefühl bei der Wiederbelebung eines aufgegebenen Soldaten. Er rettet ein halbes Kind, dass für ihn namenlos bleibt, während es den Namen seines Retters in Erfahrung bringt und sich als Schriftzug auf die Brust tätowieren lässt.

Dalmau erinnert eine Wunde wie gemalt. Nachdem die Hoffnung auf Freiheit zu Grabe getragen wurde, wir erinnern an die Legion Condor und an Picassos Guernica, konsultiert Dalmau den chilenischen Konsul in Paris und erwirbt bei dem Granden Pablo Neruda das Recht einer Passage.

„A Treasure of Talents“

Er verlässt das blutende Europa als Ehemann der Geliebten seines gefallenen Bruders und als angeblich leiblicher Vater seines Neffen. Rosa heißt die Frau, die Dalmau heiratet, um mit ihr und dem Marcel seines Bruders eine Notgemeinschaft zwischen Verzweiflung und Leidenschaft zu bilden. Das ist der Dreh des Überlebens auf allen Ebenen der sinnlichen Auffassung. Familien haben Vorrang. Neruda lädt auftragsgemäß „nützliche“ Migranten ein, zählt dazu aber irregulärer Weise auch Künstler und Intellektuelle.

Die Autorin bezeichnete die Fähigkeiten der Argonauten als einen Schatz, den Chile heben durfte.

Allende ferner und weiter: „Wissen und Kultur kann man nicht in ein Ghetto sperren.“

Sich selbst bezeichnete sie als eine „überall Fremde“.

Im August 1939 gehen die Dalmaus in Pauillac-Trompeloup an Bord der weltberühmten „Winnipeg“. In Chile werden sie von Bürokraten in Empfang genommen. Ramón Huidobro, einer der Regierungsvertreter, avanciert in den 1950er Jahren zum Stiefvater der Heldin auf dem Radiobühne.

Fremde hin oder her, Allende scheint mit allen bedeutenden Chilenen verwandt, verschwägert oder wenigstens bekannt zu sein. Ramón Huidobro sei von Erlebnissen mit den Einwanderern geläutert worden. Seine strikt katholisch-reaktionäre Prägung verschwand unter einem progressiven Schonbezug.

*

Allende will jenen eine Stimme geben, die von der männlichen Geschichtsschreibung ignoriert wurden. Dazu zählten die meisten der fünfhunderttausend spanischen Flüchtlinge, die Chile aufnahm.

Den Exodus der Republikaner nennt man la Retirada.

Neruda habe Spanien geliebt, erklärte Allende dem immer wieder von ausholenden Sprechakten mit Impaktcharakter verdutzten Böhm.

(„Frontal Attack“, nennt die Schriftstellerin das Verfahren. Erprobt hat sie es und bewährt hat es sich in drei Ehen. Das sagte sie so.)

Allende gibt dem chilenischen Nationalgenie ein arabisches Aussehen zumindest im Brauenbereich. Sein letzter Ehrgeiz war, nicht vor Franco zu sterben. Zehn Monate, bevor Pinchot Salvador Allende entmachtete, ehrte man Neruda in jenem Fußballstadion, dass dann zum Internierungslager für die geschlagenen Verteidiger*innen der Demokratie wurde. Nun erlebt Dalmau zum zweiten Mal eine faschistische Übernahme. Er spielt Schach mit S. Allende, als der Präsident noch glaubt, die Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte auf seiner Seite zu haben. Kurz darauf erkennt S. Allende seine Lage. An einem „historischen Scheideweg“ gibt er seinem Leben die Bedeutung eines nationalen Symbols.

Der kleine Soldat aus der Schnullerkohorte

Pablo Neruda wähnte sich für alle Zeit im Gedächtnis der Völker aufgehoben nicht seiner Dichtung wegen. Vielmehr glaubte das chilenische Nationalgenie, den Ehrenplatz verdient zu haben, weil er den im spanischen Bürgerkrieg geschlagenen Republikanern als Konsul in Paris weit entgegen kam. Doch wer weiß das noch? Isabel Allende lässt den aktivistischen Stolz der lateinamerikanischen Ikone einer anachronistischen sozialistischen Internationale in ihrem, im Titel bereits Neruda zitierenden Roman „Dieser weite Weg“ noch einmal aufleben. Darüber sprach Literaturagent Thomas Böhm mit der Schriftstellerin im Rahmen der „Schönen Lesung“ – einer Sendung von radioeins des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

Eingebetteter Medieninhalt

Literaturagent Thomas Böhm tat sich schwer mit der in einer Art Altersadoleszenz stürmenden und drängenden Autorin. Mehr als einmal brachte ihn Isabel Allende in Verlegenheit. Sie trieb ihn so weit, dass er schließlich sogar eine verbale Vorkampfstellung einnahm:

„Fordern Sie mich nicht heraus.“

Es ging um Sex: durchaus mit sachlichem Ernst und einem mühsam bezähmten Verlangen ins körperliche Detail zu gehen.

Isabel Allende gehört zur Sturmspitze einer zwischen Jetlag und Shuttle Service oszillierenden salonsozialistischen Internationale. Dem Berliner Publikum erklärte sie, es sei ihr Job, „die Herzen der Menschen zu öffnen“. Stürmischen Applaus erntete sie für eine Menge Allgemeinplätze der Humanität und der Klimagerechtigkeit. Ihre Hoffnungen setzt sie furios in Fridays for Future. In ihrer, das Vermächtnis der verstorbenen Tochter Paula erfüllenden Stiftung empowert sie Frauen. Den Geschlechtsgenossinnen im Saal gab sie Tipps im Stil einer Gazettenratgeberin. Obwohl ihre literarische Produktion auf „Verlusten und nostalgischen Empfindungen“ basiert, verkörpert Allende die glückliche Frau. Böhm begab sich ungewollt auf Glatteis, als er seinen Gast fragte, woher den die überschießende Energie käme. Allende brannte darauf, aus dem Nähkästchen zu plaudern; sie hat gerade wieder geheiratet und balancierte coram publico auf dem schmalsten Grat der Peinlichkeit im Honeymoon-Modus.

*

Allende hatte um Lilien auf der Bühne gebeten, nun bat sie Böhm um die story behind the flowers. Die Antwort steht im Buch: „Bald streut man wieder Blumen aufs Blut“. Allende zitiert den Neruda-Vers vor einer Schilderung des Grauens. Einen Kindersoldaten aus der „Schnullerkohorte“, der auf den katalonischen Schlachtfeldern „die Engel gesehen hat“, reißt ein Tross-Zug zurück in die Etappe. Man legt ihn schließlich ab, auf dem kalten Beton eines Bahnhofs.

Die Verletzten bleiben bis zu Tod oder Genesung in Reih und Glied einer Ordnung, die vorsieht dem Knaben nicht einmal mehr Morphium zum Trost zu spenden. Er ist ein Kandidat für die wiegenden Schwestern, die nach ihren Müttern schreiende Sterbende halten: in Erfüllung eines Vertrags, der vorsieht, dass an anderer Stelle Schwestern das Gleiche für die Söhne, Brüder und Bräutigame der anderen tun.

Das erzählt Allende gekonnt, auch wenn alles abgegriffen ist. Der spanische Bürgerkrieg war für viele Hochbegabte ein Faszinosum. Die Hoffnungen einer Epoche starben mit einer Republik. Bis zum Untergang der Internationalen Brigaden entsprach bewaffnete Intellektualität keiner besonderen Überhebung. Man ging an die Front wie ins Theater.

Hand aufs Herz

Der Schatten eines Medizinstudenten fällt auf den kleinen Soldaten. Víctor Dalmau, der Held des Romans, hilft als Sanitäter, wo er kann. Neugier treibt ihn ab. Er öffnet den Verband und bemerkt eine so saubere Wunde, als sei sie dem Angeschossenen „auf den Leib gemalt“ worden. Dalmau sieht das Wunder eines unbeschädigten Herzens, das gleichwohl vor seinen Augen aufhört zu schlagen. Da ergreift der Samariter das verstummte Herz, unterzieht es einer Massage und setzt es so wieder in Tätigkeit.

Bis zu den Knöcheln durch Blut waten, aber mit Standesbewusstsein

Das ist eine wahre Geschichte gegen jede Wahrscheinlichkeit. Ein Arzt beobachtet die Szene und heuert Dalmau auf der Stelle als Famulus an. Zwar zählt er zu jenen, für die „Gott und die Heiligen“ abgedankt haben, doch will er immer noch gesiezt werden. Auch verbittet er sich die uniforme Ansprache Genosse.

Dalmau verliert den kleinen Soldaten rasch aus den Augen, aber der Gerettete bringt den Namen des Geretteten in Erfahrung und lässt ihn sich auf die Brust tätowieren.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen