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01.11.2019, Jamal Tuschick

Sven Regener meets Michael Lentz - Begleitet von den sekundierenden Literaturwissenschaftlern Jan Wilm und Stefan Greif, begegneten sich die beiden Ausnahmekönner im Berliner Haus für Poesie. Weitere Bemerkungen zu einem schönen Abend.

Unverhofftes Zeug

Genies im Gespräch

Michael Lentz übt täglich

„Anagramme sind für mich immer rot.“

Ihn interessiert der Kreislauf von Regel und Exzess. Michael Lentz war Anagrammatiker vor jedem Anfang. Der Dichter näht dem Zwanghaften ein Schlupfloch; so dass es entweichen und im Publikum Zuflucht finden kann. Da präsentiert sich das Zwanghafte als Jedermann.

Die anagrammatische Vorschrift „ist eine starke Regel“, die trotzdem die Individualität „einer Handschrift“ erlaube. Man könne sich die Sache mit zusätzlichen Regeln erschweren: um „unverhofftes Zeug“ zu ernten.

„Da entwickelt sich ein Furor“ am Spieltisch beim Scrabbeln.

„Ich darf gar nichts mehr lesen.“

Die Süddeutsche Zeitung musste abbestellt werden, da sie Lentz so korrekturbedürftig und ungereimt erschien.

Der Lentz befragende Jan Wilm erkannte im fortgeschrittenen Anagrammieren eine „kabbalistische Technik“.

Lentz widersprach nicht. Für ihn gehört das Grimm’sche Wörterbuch zur täglichen Arbeit. Vorbildlich findet er Celinés „Reise ans Ende der Nacht“ als „Weltreise durch das Französische“.

Lentz spricht schließlich auch noch in außer Kurs geratenen Wörtern „eingefaltete (überlebende) Lautgestalten“ an, denen sich ein Dichter zu widmen hat (im Rahmen seiner Fürsorgepflichten).

Sven Regener ist „zwischen Depression und Witzelsucht“ ganz anders gelagert und temperiert. Im Vergleich mit Lentz wirkt Regener simpel. Seinem weltberühmten Herrn Lehmann sagt er ein „trauriges Leben“ nach. Herr Lehmann „marodiere“ durchs gesellschaftliche „Unterholz“.

Ich habe die Lehmann-Roman so nicht gelesen. Vermutlich sollte man jeden Autor davon abhalten, das eigene Werk zu interpretieren. Isabel Allende sagte ein paar Abende nach dem Berliner Lentz-Regener-Gipfel zum Moderator: „Was bin ich froh, dass Sie mir mein Buch erklären. Ich weiß manchmal gar nicht, was ich geschrieben habe.“

Ich finde Herr Lehmann vorbildlich und tröstend. Er ist ein Überlebender der alten Bundesrepublik. Seine Sozialisation fand statt, bevor der Leistungsgedanke in alternativen Verhältnissen durchgriff. Er verkörpert die gute alte Zeit der sozialdemokratisch geprägten Anarcho-Biertrinker und Punk-Versteher. Sein Humor erschöpft sich in der Selbstverteidigung.

Regener zitierte Freuds Einsicht vom Humorgewinn als ersparten Gefühlsaufwand. Man schenkt sich was und führt Gefühle ab im Sinn von: man führt sie weg von ihrem Ursprung oder man lässt sie nach der Abführung unter sich liegen.

Nicht egal ist, wer über wen lacht.

Stets ist man Teil von dem, was man verlacht.

Ein Witz macht die Runde:

Der Delinquent wird am Montag zum Galgen geführt. Das veranlasst ihn zu der Bemerkung:

„Die Woche fängt gut an.“

Regener betonte die Aggression im Humor. Ausgedachten Figuren böte sich keine Beschwerdeinstanz. Sie seien den Zumutungen, mit denen ihre Schöpfer sie traktieren, rechtlos ausgeliefert. Herrn Lehmann quält aber nichts im Besonderen. Wie man allgemein weiß, ist HL jener Kreuzberger Kiezkauz und Marottenkönig aus Bremen, den Regener in seinem literarischen Debüt berühmt machte. Da hatte das letzte Jahrtausend gerade die Luken geschlossen, der Autor erklärte lapidar, Lehmann sei ihm „so zugelaufen“.

In seiner soziophobischen Versteinerung wirkt Lehmann wie ein Exponat im Lapidarium des Lebens. Sein bester Freund Karl erscheint nicht so reduziert. Am Anfang des Regener’schen Erzähluniversums, gleich nach dem Urknall, bereitet der Skulpturenschweißer eine Ausstellung vor. Schmidt bricht „mit verschmorten Synapsen“ zusammen. An einem neunten November gibt ihn Herr Lehmann im Urban-Krankenhaus ab.

Bei Regener haben Hänger die ideale Passform

Von älteren Semestern wird Karl immer noch Charly genannt. Hic Rhodus, hic salta. Karl-Charlys Rhodus heißt Hamburg-Altona. Da lebt er nun im Trödel des geschütztes Wohnens und der betreuten Werkstätten. Daheim ist er in einem Inferno des guten Willens. Karl darf nur noch Kaffee und Zigaretten und Eisbecher nach Absprache. Die Wohlfahrt hat ihn im Griff mit ihren Weisheiten für den sedierten Schlumpf auf Haloperidol.  

Regener stellt dem alten Karl aufgeschwemmt, „grau und impotent“ vor. „Charity-Haubitzen“ degradieren ihn in „therapeutischen Bastelstunden“. Ertragen muss er Typen wie Henning, einen „vom Baum des Alkoholismus geschüttelten Apfel“.

In dieser trüben Verfassung wird er zur Entdeckung von Raimund Schulte:

„Ich sah ihn lange bevor er mich sah. Ich hatte gerade Paranoia und die Tür fest im Blick, weil Werner nicht wollte, dass wir ins Eiscafé gingen, und ich hatte die Pillen abgesetzt und Angst davor, dass Werner beim nächsten Plenum aus einem Eisbecher ,Monteverdi‘ ein großes Ding machen würde, da hätte ich kaum für mich garantieren können ohne Pillen.“

Werner führt Aufsicht in der „gemischtgeschlechtlichen Drogen-WG“, Raimund stellt sich als ein anderes Fossil aus Berliner Tagen heraus. Raimund kennt „keinen Subtext, keine Metaphern, keine Rücksicht“.

So bündig schreibt Regener.

Raimund hatte mehr Glück als Karl. Er reüssierte in der 1994 (an allen Ecken und Enden der Republik triumphierenden, auch von solchen Vergnügungsfrontveteranen wie Raimund gekaperten) Spielart Techno. Dem Kumpel aus „Glitterschnitter“-Tagen stellt Raimund Zukunft in Aussicht. Die Begegnung im Eiscafé La Romantica kriegt eine utopische Dimension in Karls Hoffnung auf Entmündelung. Bald biegt Karl vor Uelzen nach Berlin ab, im Gepäck einen Stadtplan „noch mit Mauer“. Er hält am umbenannten Marx-Engels-Platz: „Ich wollte in das Berlin, das ich nicht kannte.“ Es sieht aber auch nur aus „wie Bielefeld mit anderen Mitteln kurz nach dem Krieg“.

Willkommen in Mitte. Es riecht nach „Müll, Kotze, Schimmel, die Mischung, die anzeigt, dass es draußen schon wieder hell ist“.

Raimund und noch so ein übriggebliebener Ferdi haben sich als Medizinmänner im Rave-Fieber spät noch einmal neu erfunden. Ihre Abteilungen für „Gummistiefel-Techno“ und „Techno mit Anspruch“ expandieren. Sie planen eine „Magical Mystery Tour“, siehe hierzu auch https://www.textland-online.de/index.php?article_id=1447

in Anspielung auf „das Hippieding“ ihrer zerschellten Sehnsüchte – die Nostalgie der DJs. Karl soll den Tourbus fahren, da er doch sowieso nüchtern bleiben muss. Er steuert zuerst Bremen an. Schon ist er im Besitz eines Taschentelefons. Der seltene Apparat gibt ihm Gelegenheit, an Apparate zu erinnern, die man in Kühlschränke packen musste, da sie nicht aufhörten zu klingeln. Karl Schmidt teilt mit Frank Lehmann einen Hang zum Nebensachen-Fetischismus. 

Meine erste Besprechung des Lentz-Regener Gipfels

Feuer der grammatischen Deregulierung

Sven Regener meets Michael Lentz - Begleitet von den sekundierenden Literaturwissenschaftlern Jan Wilm und Stefan Greif, begegneten sich die beiden Ausnahmekönner im Berliner Haus für Poesie. 

Der Literaturwissenschaftler Jan Wilm hat die Buchmessengrippe aus Frankfurt eingeschleppt. Nun will er nach Kräften infizieren. Mit dieser Absichtserklärung betitelt er seine Einführung in das Werk von Michael Lentz.

Wir sind mal wieder im Berliner Haus für Poesie. Lentzens Lektor Oliver Vogel sitzt neben mir, und ein verträumter Bewohner meiner Innenwelt bemerkt, dass es diese Konstellation seit dreißig Jahren immer wieder gegeben hat.

Die, die überleben, scheinen noch nicht mal richtig zu altern.

Wilm zitiert Michael Brauns auf Lentz gemünztes Wort vom „Feuer der grammatischen und semantischen Deregulierung“. Im Original unterschreibt es die Zeile:

„was hört was kommt vom draußen ich“.

Wilm spricht von „Kontingenzen in den Lücken“, deren Untersuchung der „poetische Ordnungsfanatiker“ zu seinen vornehmen Beschäftigungen zählt.

Wilm ruft die Gewährleute des Dichters auf: Oskar Pastior, Eugen Gomringer, Franz Mon und Friederike Mayröcker.

Die Mutter aller Künste

Die Künstler des Abends sind Musiker und Schriftsteller. Ihre Sekundanten wollen wissen, wie „die Verfahren zusammenhängen“. Eingehend beschweigen Lentz und Regener die Frage, wer zuerst antwortet. Regener rutscht immer tiefer in eine Unbequemlichkeit der leiblichen Lage. Er kultiviert den Habitus des Lümmlers. Der Lümmler beweist mit intransigentem Sitzgebaren innere Unabhängigkeit. Trotzdem fühlt sich Regener vor dem Kollegen zu einer Einlassung bemüßigt. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun.

„Songschreiben ist eine musikalische Handlung.“

Deshalb sei im Verwertungskorridor die Gema und nicht VG-Wort zuständig.

Regener nennt Musik „eine abstrakte Kunst“ und „die Mutter aller Künste“. Sofern zwei Begabungen in einer Person zusammengepfercht sind, ergibt sich daraus nichts Zwingendes. Offenbar ist die Musik fordernder als die Literatur. Regner übt zwar, schreibt aber nicht täglich.

Er konturiert den Gegensatz zwischen der Einsamkeit des Schreibens und der Kollektivität … Seine Bandgenossen will er nicht „in Geiselhaft für meine Romanschreiberei“ nehmen. Er wisse überhaupt nicht, was die Kollegen von ihm als Autor halten.

Ich glaube, Regener war der erste, der in Deutschland Lesungen mit tausend und mehr Zuhörern bestritt. Vorher hatten sogar Veranstaltungen in der Bill-Gaddis-Liga den klandestinen Bibelkreischarakter sektiererischer Zusammenkünfte. Wenn Martin Amis oder T.C. Boyle auf Europatournee in Frankfurt am Main gastierten, traf sich die Branche mit ihrem Weinatem und einem Tross aus zwangsverpflichteten Praktikantinnen, deren größter Horror es war, als bessere Buchhändlerinnen in den unteren Schubladen des Verlagswesens wie in stillen Kämmerchen zu verblühen.

Dann platzte die Blase der Heimlichkeit, und die Regners und Hornbys brachen alle Zuschauerrekorde. Jetzt sind sie die alten Männer ohne Mehr, und am Rand ihrer Strecke zum Friedhof gedeiht kein Meerrettich der Überraschungen.

Lentz postuliert die Kombination von Regeln und Ekstase. (Ekstase als Ordnungsgröße.) Er stimmt Regener zu …

der junge Lentz bewegte sich auf dem Grat zwischen Slam und Konstruktivismus. Er zeigte sich scharfgeschnitten im Gegenlicht zum Anything goes der Verspielten, die mit einem einzigen Begriff operierten. Alles ging auch als Kunst und war in jedem Fall postmodern

… er schmirgelt den Regener-Wall zwischen Text und Ton, indem er die Zweckdichtung in der Musik nicht außer Acht lässt. „Peinlich“ findet er „synästhetische Annäherungsversuche“ zwischen den Künsten. Warum auch sich eine Nähe ans Bein binden, die man für nichts braucht. In Lentzens Gedichten ist die Rede von „Truhen, die nicht ruhen“, in konsequenter Kleinschreibung.

Ich spreche nicht von Kleinschreibungskrämerei. Ein sich grämender Krämer kommt auch nicht weiter als ein hoher Reiter. (Ein anti-anagrammatischer Selbstversuch am frühen Morgen.)

„ein irres so eng sein“ im Stasi-Anagramm

Von Holunder gelangt Lentz zu „dich hol unter …“.

Ein Gedicht heißt „Kunst ist Mangel“. Ein Gedicht hat einen unaussprechbaren Titel. Ein „Stasi-Anagramm“ erschöpft sich in „Mielkes Lieblingswort: Desorganisieren“.

„Das Lesen ist geschicktes Sammeln.“

„Sich verbreiten, heißt verschwinden.“

Lentz erkannte, „es wird Zeit für eine Brille“. So reagierte er auf keinesfalls auffällige, mir jedenfalls nicht zu Ohren gekommene Versprecher, die sich vielleicht nur in einem Resonanzabteil des Sprechers zu erkennen gaben, im Unterschwall falsch angespielter Silben. Mir ging das gestern Abend so mit dem Wort „charismatischer Schlackekegel“. Bis ich ein im Kontext der Lektüre überhaupt nicht auftauchendes kregel aus Schlackekegel herausbekam, verging eine verdutzte Weile des Nichterkennens (eines Wortes).

Lentz ärgert sich „zwei Wochen lang“ über Versprecher so sehr, dass er die Spanne nur krankgeschrieben übersteht.

Aus der Ankündigung

Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher kaum sein: Sven Regener und Michael Lentz. In diesem Jahr erscheinen zwei TEXT+KRITIK-Ausgaben über die beiden Künstlerpersönlichkeiten, die als Autoren und Musiker Vortragskünstler von Gnaden sind. Der eine ein lässiger Antipathetiker, der das Beiläufige in einer Sprache preist, die kein Literaturfett ansetzt. Er singt Lieder über verschusselte Träume und sich verfusselnde Zeit, „Kaffee und Karin, Birgit und Bier“. Die Schauplätze seiner Songs sind die Ränder der Stadt, Mehrzweckbecken und ein Graben hinter Huchting. Der andere ist ein Artist, dem die historischen Avantgarden in Fleisch und Blut übergegangen sind. Er schreibt Gedichte in einer „steckschlosssprache“, „glossolall“ und durchsetzt mit Archaismen und Neologismen. In ihnen ergründet er den „fieberton einer mücke“, und übt sich in Etüden über ins Kaffeelicht getauchte Zuckerlöffel.

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