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01.11.2019, Jamal Tuschick

Der Autor wundert sich. Er wundert sich seitenlang über die Ruhe, mit der Claas Relotius dem aufziehenden Sturm begegnet, der ihn wegfegen wird. In seiner Abrechnung „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ spekuliert Juan Moreno über die Gründe der Gelassenheit des großartigen, von der Fachpresse in den Himmel gejubelten Kollegen. Der Glashäusler Moreno zeichnet das Psychogramm …

Lügner im Hauptberuf

Eingebetteter Medieninhalt

„Ist unser Geist ruhig, dann ist alles … ruhig.“ Japanisches Sprichwort

Der Autor wundert sich. Er wundert sich seitenlang über die Ruhe, mit der Claas Relotius dem aufziehenden Sturm begegnet, der ihn wegfegen wird. Juan Moreno spekuliert über die Gründe der Gelassenheit des Kollegen. Er zeichnet das Psychogramm eines Zockers. Er nennt Relotius einen Hochstapler. Vor allem jedoch schließt er ihn zünftig aus. Relotius sei nie Reporter gewesen, sondern Lügner im Hauptberuf. Moreno suggeriert, der tief gefallene Vorzeigejournalist habe Geschichten auch ohne Not erfunden. So soll Relotius dem „Spiegel“ gegenüber eine dem Krebstod geweihte Schwester ins Spiel gebracht haben, die es nicht gab.

Jean Moreno, „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“, 285 Seiten, 18,-

Für die Erfindung der Schwester findet Moreno keine einleuchtende Erklärung. Seine Einlassungen sind im Ganzen kaum erhellend. Moreno erscheint als Miesepeter, Neidhammel und reizbarer Nebencharakter. Er liefert den typischen Vortrag des ewig zurückgesetzten, nie fest angestellten, nie vom Glanz einer perfekten Story illuminierten, nie an eine Führungsbrust gezogenen, seinen Beruf mit Klischeebegriffen feiernden, stets von unten nach oben guckenden Zeilenapostels. Im konkreten Fall dieser Abrechnung mit einem begnadeten Reporterdarsteller sinkt er noch tiefer bis auf das Niveau eines Füllselproduzenten, der den klärenden Text nicht liefern kann, weil alles klemmt. Der Leser braucht Stehvermögen, um auf Morenos unterschwelligen Jammerton nicht enerviert zu reagieren.

Stets auf der Suche nach der Story mit der Zugkraft eines Symbols

Der Hauptskandal besteht darin, dass die Spiegel-Sicherungen nicht aus ihren Fassungen geplatzt sind. Die in absurder Fülle ausgezeichneten Seifenopern des Claas Relotius spiegeln ein bundesrepublikanisches Selbstverständnis, das weit über den Journalismus hinausgeht. Man will glänzen, ohne etwas zu riskieren.

Relotius verkörpert einen Prototyp der Vermeidung. Sein Kitsch konnte nur deshalb Furore machen, weil sein Eskapismus dem Verhalten vieler gleicht. Man erschöpft sich in der Auswertung von Sekundärquellen, vertraut auf Hörensagen und nimmt das Gerücht für bare Münze.

Moreno hat nichts (mehr) zu sagen, was substanziell über das im Tagesgeschäft längst Abgebaute hinausgeht. Seine Rechercheleistungen sind bereits vergoldet worden. Das Buch trödelt den Ereignissen hinterher.

Moreno erzählt, wie er Relotius‘ gedruckten Lügen auf die Spur eines Nachweises kam, indem er Namen in Suchmaschinen eingab. Ich komme darauf zurück.

*   

In ihrer akademischen Abrechnung „Das Licht, das erlosch“ finden die Soziologen Ivan Krastev und Stephen Holmes keine Erwartung gründlicher enttäuscht als die Vorstellung, der (ab Neunundachtzig) eingenommene Osten verhielte sich wie die arme, aber willige Blumenverkäuferin Eliza Doolittle in G.B. Shaws Lehrstück „Pygmalion“ und übe gegenüber dem selbstherrlichen Professors Henry Higgins aka Mister West Ergebenheit. Stattdessen „bekam die Welt eine Bühnenfassung von Mary Shelleys Roman Frankenstein zu sehen“. Während sich der Osten in langen Linien als anti-neoliberales Bollwerk etabliert und auf unerwartete Weise angreift, rennt der globale Süden wie von der Tarantel gestochen auf die Hotspots des westlichen Wohlstands zu. Ihn agitiert primär nicht die Kritik an einer in amerikanischen Hochschulen vorbereiteten, modellhaft-menschenverachtenden Politik, sondern die Aussicht auf Teilhabe an den Resterampe-Angeboten der Überflussgesellschaften.

Alles gegenwärtig Grundsätzliche vollzieht sich in diesen beiden Stimmungen zum Nachteil saturierter Sieger. „Jaegers Grenze“ - In der Geschichte die Claas Reloitus zu Fall brachte, erzählt ein militanter Schreiner, der seinen richtigen Namen preisgibt, oder vorgibt, ihn preiszugeben, von diesen großen Bewegungen auf seine Weise. Chris Jaeger erscheint als bis auf das Fundament seiner Persönlichkeit enttäuschter Rächer einer (politisch verratenen) gerechten Sache.

Sein Idol ist der Anti-Politiker Trump, der, so sagt es Bob McKibben, Präsident wurde, um aus dem Amt Kapital zu schlagen und seine Buddies so reich wie möglich zu machen. Trump zeigt dem Volk prophetisch den Finger. Er weist damit gen Süden, wo die Armut mit den Füßen scharrt.

Bald mehr

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