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02.11.2019, Jamal Tuschick

Als Undercover-Agentin bei der geheimsten Eliteeinheit der CIA - Amaryllis Fox erzählt in ihrem Memoir „Life Undercover“ wie sie als eine der Klügsten ihres Landes rekrutiert und instruiert wurde. „Wir haben es mit einem Ungeheuer … zu tun, dass da draußen auf uns wartet. Ich hoffe, dass sie bereit sind zu kämpfen“, sagte ein Ausbilder im legendären CIA-Hauptquartier in Langley auf der Virginia-Seite des Potomac.

Imperiale Gleichgültigkeit

Eingebetteter Medieninhalt

Den ersten Anwerbeversuch unternimmt ein britischer Geheimdienst in Oxford, wo Amaryllis Fox Internationales Recht studiert. In der kaum Zwanzigjährigen paaren sich bürgerlicher Ehrgeiz und Abenteueraltruismus. Die Studierende hat bereits eine Mission in Myanmar hinter sich und eine Tonaufnahme der Nobelpreisträgerin mit Hausarrest Aung San Suu Kyi außer Landes geschmuggelt.

In Myanmar „scheint die Zeit ihre konkrete Gestalt zu verlieren“. Da existiert „imperiale Gleichgültigkeit“ als Post-Kolonialstil. Fox reüssiert als grandiose Beobachterin und geborene Schriftstellerin. Sie ist die Tochter eines einfallsreichen (vermutlich neoliberalen) Ökonomen, der Regierungen berät und seine Kinder einst mit dem Möbiusband so unterhielt wie andere Väter Legosteine ins Spiel bringen, und die Schwester eines soziophoben Genies.

Amaryllis Fox, „Life Undercover. Als Agentin bei der CIA“, hanserblau, 272 Seiten, 20,-

Fox will in „der realen Welt“, die ihr so weh tut, als würde ständig ein Zug über ihre Füße fahren, für die Schwachen einstehen, und „im Namen der Ohnmächtigen gegen die Tyrannei kämpfen“.

Ihr geht alles zu langsam. Das Studium zieht sich …

„Ich sehe mich … als Transformator, der das Leid in Handlungen umwandelt.“

Auch die Secret Servicekräfte reden von der Fragilität der „Zivilgesellschaft“. Das Gute kann jederzeit umkippen, schlecht werden oder in die Luft fliegen ... und dann krachen die Flugzeuge ins World Trade Center. Längst in Fox in Langley im US-Bundesstaat Virginia akkreditiert. Die englisch sozialisierte New Yorkerin erzählt alles Mögliche ziemlich genau. Nicht aber, wie sie zwischen nerdiger Familie, transkontinentalem Alltag, einem Studium in Oxford an der Themse und Extratouren im Namen der Humanität zur CIA aufschloss. Plötzlich firmiert Fox als Geheimnisträgerin und eine Hypersensible mit suizidalen Anwandlungen geht ins Agentinnentrainingsprogramm. Zu ihrer Abdeckung gehört ein mittelprächtiger Job bei einer Unternehmensberatung und ein Masterstudiengang an der von Jesuiten gegründeten und nach wie vor katholischen Georgetown University am Potomac River im Bundesstaat Washington.

Die Wahrheit vor Ort

Auf dem flughafengroßen Parkplatz vor dem CIA-Hauptquartier erinnert ein Stück Berliner Mauer an Europa. Nahe dem Portal liest der Passant:

„Ich bedaure nur, dass ich nicht mehr als ein Leben für mein Land gegen kann.“

Das ist der Spirit, mit dem der amerikanische Hinterhof weltweit umgegraben wird. Fox benennt die Stadien ihrer inneren Mobilmachung. Lockerbie gehört dazu. Eine Freundin saß in dem über Schottland gesprengten Flugzeug. 

Die Nase schaltet schneller als das Auge. Noch bevor ein Blick die bestimmende Ortsansage macht, hat der Geruchssinn sein Urteil gefällt.

Angesetzt wird Fox auf Jemaah Islamiyah, dem südostasiatischen Zweig von al-Qaida; so sagt es Fox. Morgens um drei informiert sie den Mann, der den Präsidenten auf dem Laufenden hält.

„Wir haben es mit einem Ungeheuer mit vielen Köpfen zu tun, dass da draußen auf uns wartet.“ Ein Ausbilder in Langley.

Fox wertet Enthauptungsvideos aus, indem sie sich wieder und wieder ansieht. Sie fügt sich ein in ein System, dass mit Methoden wie zu „Lochkartenzeiten“ der Digitalisierung trotzt.

„Die Meldungen … sind beinah so (veraltet) wie die Hotdog-Maschine.“

„Hochgeheime Informationen“ werden mit kryptischen Symbolen verschlüsselt.

Es ist eine Welt, in der sich auch noch der Geist des Enigma-Erfinders Alan Turing zurechtfinden würde. Es herrscht eine Art anachronistischer Brillanz. Sogar die Glaubenssätze stammen aus den nordamerikanischen Freiheitskämpfen im 18. Jahrhundert.

Fox bleibt eine skeptische Patriotin. Immer wieder werden Unschuldige im Namen einer höheren Wahrheit aus dem Verkehr gezogen. Man macht sie platt, setzt sie unter Drogen, schafft sie in Gefängnisse ohne Anschrift und erklärt ihnen da, dass für sie kein Gesetz mehr gilt. Fox moniert die Praxis. Eine Kollegin reagiert so:

„Wenn es einen neuen 11. September gibt, dann sage ich denen lieber, dass wir hundert unschuldige Arschlöcher überstellt haben, als ihnen sagen zu müssen, dass uns ein verdammter Terrorist entgangen ist.“

In dieser Auskunft liegt für die empfindsame Gerechtigkeitsfanatikerin nichts Tröstendes.

Darüber muss noch geredet werden.

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